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200.000 Euro veranlagen (Robert Sommer für das Börse Social Magazine)

 Als arbeitender Normalbürger dieses Landes kommt man natürlich nie in eine solche Situation: Die jeweiligen Regierungen unserer geliebten Heimat befreien uns mit ihrer Steuerpolitik glücklicherweise von den Sorgen, einen angesparten Geldbetrag möglichst sinnvoll anzulegen. Wir verdienen ja netto im Monat gerade mal so viel, um unser tägliches Leben fristen zu können – meist sogar ein bisschen weniger, womit wir uns mit einem überzogenen Konto in die Abhängigkeit begeben: Wer sich eine Entlassung oder Kündigung nicht leisten kann, muckt weniger auf. Das ist im Sinne der Mächtigen dieser Republik, also den Wirtschaftskapitänen und den Bossen auf der Politik-Titanic, aber auch der Machtlosen, die sich ein Problem wie das Folgende ersparen. Wobei sparen so eine Sache ist. . .

Man hat ja als Angestellter in diesem Land nur ein Kapital in der Hand, wenn man nicht mehr arbeitet: entweder durch eine Abfertigung oder den Verkauf einer geerbten Immobilie, um während der Joblosigkeit seinen gewohnten Lebensstandard und den seiner Familie irgendwie aufrecht zu erhalten. Aber was macht man damit? In meiner Jugend hatten meine Eltern stets mit dem Finger auf Mitbürger gezeigt, die am Vormittag zufrieden pfeifend durch Wiener Parks geschlendert waren – für deren Glück gäbe es nur zwei Gründe: Sie wären entweder nutzlose Hippies, also völlig high, oder sie würden von den Zinsen leben.

Heute könnte man davon nicht einmal einen Joint von einem obdachlosen Holländer kaufen.

Daher runzelte der Filialleiter meiner Bank auch angewidert die Stirn, als ich von meinem Ansinnen berichtete, 200.000 Euro in seinem Institut zu investieren. „Muss das sein?“, ärgerte sich der Finanzprofi sichtlich. „Ich dachte, Sie würden einen Kredit beantragen. Da habe ich wieder ein großzügiges Offert für alle Stammkunden: Nehmen Sie doch eine Million auf und zahlen in den nächsten 40 Jahren nur eine halbe zurück! Gut, wir brauchen natürlich ein paar Sicherheiten, und Sie dürfen in dieser Zeit die Grenzen Ihres zweiten Wiener Bezirks nicht verlassen. Aber diese Gegend hat sich doch bestens entwickelt, oder vielleicht nicht? Und ihrer Lebensgefährtin ist es sogar erlaubt, einmal im Jahr unter unserer Aufsicht im dritten Bezirk einzukaufen. Na, wär´ das nichts für Sie? Die Zinsen dafür sind derart niedrig, dass man bei diesem Schnäppchen doch unbedingt zuschlagen muss. Was sagen Sie dazu?“

Eigentlich will ich keine Million, sondern nur die 200.000 Euro irgendwie anlegen!

„Sie vergeuden meine Zeit.“

Nach einem hysterischen Wein-Anfall meinerseits, einem entschuldigenden Kniefall und dem demütigen Hinweis auf die jahrzehntelange Treue zu seinem Institut von Weltruf, erbarmte sich der Direktor schließlich. Er ist ja nicht nur Banker, sondern auch Mitmensch.

„Bei unserer Inflationsrate ist Ihr Geld in spätestens sechs Monaten nichts mehr wert“, dozierte er nachdenklich. „Was machen wir da bloß? Alle österreichischen Angebote verkürzen diese Frist nur noch weiter: Wir hätten zwar eine äußerst beliebte Lebensversicherung, da beträgt die Rendite sensationelle 0,3 Prozent – aber erstens erhalten Sie die Summe erst nach Ihrem Tod ausbezahlt, und zweitens bleibt Ihnen nach Abzug der Kapitalertrags-, Risiko-, Transaktions- und Spekulationssteuer ein Minus von 6 Prozent über. Da können wir das Geld gleich der Inflation schenken, das kommt billiger.“

Aber ich wollte doch nur ein paar Jahre sorgenfrei leben. . .

„Kopf hoch!“, munterte mich der Stirnrunzler dennoch auf, meine beginnende Depression erkennend. Und seine Kopfhaut wurde straff wie ein Babyhintern: „Lieben Sie das Risiko?“ Man sagt mir einen gewissen Hang dazu nach. „Dann habe ich etwas für Sie.“

Und der Abenteurer im Nadelstreif fuhr fort: „Wir könnten einen Großteil des Betrags in Zucker investieren. Das Geschäft läuft immer: Wer, bitte, will seinen Kaffee schon bitter trinken?“ Er griff süß lächelnd in seine Schreibtischlade, nahm einen riesigen Stoß Unterlagen heraus und unterbreitete mir alle Einzelheiten über den lukrativen Einstieg ins Geschäft mit dem unersetzlichen weißen Stoff: „In Cali arbeiten tausende Zuckerrohrschneider um einen Euro in der Woche, noch dazu im Akkord. Die brauchen nicht einmal Schlaf. Der Vorteil daran: Egal, wer in Kolumbien gerade regiert, Linke, Rechte, Rebellen, Kapitalisten oder Kommunisten, daran wird sich nie etwas ändern. Angeblich sollte dort einmal ein Betriebsrat gewählt werden, den haben sie wochenlang ohne Nahrung, Flüssigkeit, nur mit einer Ladung Insulin eingesperrt – er hat aber überlebt, schließlich ist ein Gewerkschafter nicht aus Zucker! Wenn wir dort investieren, hätten wir einen jährlichen Gewinn von 18 Prozent und zumindest die Hälfte der österreichischen Inflation wieder herinnen. Na, interessiert?“

Und wie! Aber wo ist der Haken an diesem Geschäft?

„Gut, dass Sie so professionell fragen – dachte schon, Sie kommen mir mit Moral oder so etwas! Zweimal im Jahr verlieren dort ausländische Teilhaber ihr gesamtes Geld. Aber seit einem Monat ist die Lage äußerst stabil, die Europäische Union gewährte dem Besitzer der Anlage sogar einen Milliardenkredit. Wir rechnen also mit einer staatlichen Enteignung aller Nicht-Kolumbianer erst in 30 Tagen.“ Und dann? „Ist alles weg – aber wer in schwierigen Zeiten wie diesen nichts wagt, gewinnt auch nichts.“

Gibt´s da keine Möglichkeiten mit etwas mehr Sicherheit?

Daraufhin biss sich der Finanzhai auf die Lippen, halbierte den Stoß vor sich und murmelte etwas wie: „Okay, dann kommt die Firma mit dem anderen weißen Stoff für Sie wohl auch nicht infrage. Wenn Sie meinen!“ Es blieb also für mich, dem schwierigsten aller seiner Kunden, nur noch eines übrig: „Ich hätte da ein paar Waffen-Konsortien, da bekommen wir durchaus anständige Zinsen. Texas wäre nicht schlecht: Proweapon, great again hat seine Gewinne nach dem letzten Massaker eines Neunjährigen in einer Grundschule verzehnfacht. Jeder Amerikaner will sich selbst verteidigen, auch kein schlechtes Geschäft - aber gegen die österreichische Inflation nur ein finanzieller Rohrkrepierer. Da habe ich etwas viel Besseres für Sie: Sie investieren in die russische Atombomben-Industrie. Da gibt es ein Angebot aus Nowosibirsk, einer Firma von tadellosem internationalen Ruf: Wenn Sie dort Ihre 200.000 Euro anlegen, könnten wir über zehn Jahre sogar 45 Prozent bekommen, und der Wert Ihres Geldes in der Heimat wäre halbwegs gesichert.“

Das klingt ja toll, aber wo ist mein Risiko? „Wenn es in den nächsten vier Monaten zu keinem Weltkrieg kommt, sind Sie pleite.“ Okay, das ist fair!

Seitdem verfolge ich nur noch die großen Nachrichten-Fernsehsender und hoffe auf gegenseitige Provokationen der beiden Weltmächte: Friedenskonferenzen verursachen bei mir Magengeschwüre - aber gestern ist ein Ruderboot mit zwei US-Sportlern von Alaska aus aufgebrochen und hat bei Temperaturen von 40 Grad minus einen Eisberg gerammt, der von Russland beansprucht wird.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Aus dem "Börse Social Magazine #7" - 1 Jahr, 12 Augaben, 77 Euro. Ca. 100 Seiten im Monat, ca. 1200 Seiten Print A4

Autor: Robert Sommer (http://www.robertsommer.at) war über drei Jahrzehnte lang Sportjour- nalist, zuletzt Sportchef bei der Kronen Zeitung - von 2014 bis 2016 wurde er von den Lesern und einer Fachjury des Branchenmagazins ,Extradienst‘ dreimal hintereinander zum Sportjournalisten des Jahres gewählt. Dann machte er sich als Schriftsteller selbständig, heuer im September erscheint im Echomedia-Verlag sein neues Buch ,Im Irrenhaus - Plötzlich daheim‘, eine Sammlung satirischer Kurzgeschichten.

Die Seiten aus dem Magazine
200.000 Euro veranlagen - Börse Social Magazine #07

Sample page 1 for "200.000 Euro veranlagen - Börse Social Magazine #07"






Aus dem Börse Social Magazine #07
(Juli 2017)





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