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Interview mit Thomas Birtel, CEO der Strabag SE (Transkript boersenradio)

Thomas Birtel: Grüß Gott, mein Name ist Thomas Birtel, ich bin Vorstandsvorsitzender der Strabag SE in Wien

boersenradio.at: Börsenjubiläum. Zehn Jahre an der Wiener Börse – wieder muss man sagen. Am 19. Oktober 2007 war ReIPO. Strabag war ja schon mal an der Wiener Börse und hat sich dann 1999 delisten lassen. Warum damals das Delisting und warum der erneute IPO 2007?

Man kann die beiden Firmen von der Größe und Bedeutung her nicht vergleichen. Die Strabag war ja bis 1999 unter dem Namen „Bauholding AG“ an der Wiener Börse gelistet, aber von der Größenordnung her eine ganze Liga kleiner als die Strabag SE, die dann acht Jahre später erneut an die Börse gegangen ist. Und im Übrigen haben sich auch die Rahmenbedingungen auf der Aktionärsseite stark verändert. Im Jahr 2007 war dann Oleg Deripaska das erste Mal mit an Bord, davor waren die Kernaktionäre Raiffeisen, Uniqa und die Haselsteiner-Familie, die ja weiterhin Kernaktionäre sind, aber wie gesagt, trat dann 2007 ein neuer strategischer Kernaktionär hinzu.

Ja betrachten wir doch mal die Historie: Die Historie ist durchaus spannend. Also ich nenn’s mal, die Historie der letzten 30 Jahr vielleicht. Das ist auch am Anfang auf den ersten Blick komplex. Da gab’s ja viele – ich nenn’s mal: ,Strabag-Konstrukte‘. Da gab es die Bauholding AG, die hatten Sie ja genannt, dann die Ilbau Strabag SE Köln, Übernahme STUGA, Übernahme der Deutschen Asphalt, Walter Bau, dann gab’s Züblin SE Gründung, Kirchner. Also Strabag immer schon Wachstum durch Übernahme?

Das stimmt. Das ist eine Strategie, die spätestens seit dem Jahr 1997/98 ganz gezielt verfolgt worden ist. Das ist nämlich das Jahr gewesen, in dem die damalige Ilbau die Mehrheit an der Strabag AG in Köln übernommen hat, die zuvor mehrheitlich bei einer deutschen industriellen Gruppierung lag und seitdem heißt der Konzern auch Strabag und seitdem hat es systematisch Übernahmen zur Bereinigung der Märkte in verschiedenen Ländern, vor allen Dingen natürlich in Österreich und in Deutschland gegeben. Der letzte große Sprung ist auch vor ziemlich genau zehn oder eigentlich elf Jahren gemacht worden: Das war die Übernahme an der Mehrheit von Züblin, dem großen deutschen Hoch- und Ingenieurbau aus Stuttgart.

Heißt Strabag überall auf der Welt Strabag oder gibt’s da Unternamen?

Die Hauptmarke ist schon Strabag. Wir haben uns im Lauf der Jahre auf zwei Kernmarken fokussiert: Das ist heute Strabag und dann Züblin. Züblin steht in erster Linie für den Hoch- und Ingenieurbau in Deutschland und ist auch weltweit eine bekannte Ingenieurbau-Marke, darüber hinaus hat Züblin etwa dreieinhalbtausend Mitarbeiter in Chile, wo seit über 30 Jahren Mining-Aktivitäten gefahren werden.

Was hat’s denn Strabag gebracht, also das ReIPO? Hat sich die Börsennotierung gelohnt? Da gibt’s’ja zwei Aspekte: Einmal für den Aktionär mit Ausschüttungen und dann natürlich für die Strabag selber.

Ja, für die Strabag hat es sich zweifellos gelohnt. Denn bis heute ist ja der IPO der größte an der Wiener Börse. Es steht zwar ein weiterer bevor, der etwas größer werden soll und wahrscheinlich auch wird, aber bis heute haben wir mit 1,3 Milliarden den höchsten Erlös bei diesem ReIPO erzielt und seit dieser Zeit hat Strabag diese grundsolide Bilanz mit einer Eigenkapitalquote von über 30 Prozent bei einer Bilanzsumme von über zehn Milliarden Euro, eine einzigartige Konstellation, zumindest hier im deutschsprachigen Raum. Und das hat uns auch dazu gebracht, dass wir nicht nur seit dem IPO ein Rating von Standard & Poors haben, sondern dass dieses Rating vor zwei Jahren auch noch einmal um ein ganzen Notch angehoben worden ist.

Gehen wir mal ganz weit zurück zum Anfang. Wie hat denn alles 1835 mit der Ilbau begonnen?

(Lacht) da war ich nicht selbst dabei aber dem Vernehmen nach geht es um einen kleinen Handwerksbetrieb in Kärnten, der ja auch in der Zeit, die ich selber überschauen kann, mit der Nukleus des Konzerns war mit der Übernahme der Führung durch Hans Peter Haselsteiner 1974. Und dann ist es, wie Sie ja schon gesagt haben, durch etliche mittlere Firmenübernahmen in Österreich, beispielsweise die SORAVIA, die Negrelli, die HeRaBAU, die STUAG. Wir kommen zur Übernahme der Strabag in Köln und Österreich. Die Strabag aus Deutschland hatte eine 70-Prozent-Tochter in Österreich, die dort eine durchaus führende Position innegehabt hatte und so ist es dann eben dazu gekommen, dass wir heute mit ungefähr 14 Milliarden Euro jährlicher Bauleistung nicht nur das größte Unternehmen in Österreich, sondern ungefähr das sechstgrößte Unternehmen in der Bauindustrie in Europa sind.

Kommen wir noch zu den Großaktionären - einen nannten Sie schon – wer sind die Großaktionäre und wie einflussreich sind diese?

An erster Stelle möchte ich nennen: Die Familie Haselsteiner, mit meinem Vorgänger als Vorstandsvorsitzenden Peter Haselsteiner an der Spitze, danach kommt die Raiffeisen UNIQA Gruppe und dann die Rasperia, das Investment-Vehikel von Oleg Deripaska. Alle drei genannten Kernaktionärsgruppen halten ungefähr gleich viele Anteile am Unternehmen, nämlich etwas über 25 Prozent. Daneben verfügen wir noch über 6,7 Prozent eigene Aktien, so dass der Free-Flow zurzeit relativ gering ist, nämlich etwa 13,5 Prozent beträgt.

Wohin wollen Sie denn mit der Strabag in den nächsten Jahren? Zu bauen gibt’s genug und gibt’s auch genügend Übernahmeziele?

Übernahmeziele sind kein Wert an sich. Wir sehen zurzeit eigentlich kaum die sinnvolle Perspektive in unserem Kerngeschäft Bau, noch durch nennenswerte Übernahmen zu wachsen; das muss ja immer einen Mehrwert für das Unternehmen bringen. Wir sehen aber sehr wohl das Faktum, dass alle unsere Kernmärkte – der größte mit 46 Prozent Leistungsanteil ist Deutschland – aber dann auch die Märkte in Mittel-Ost-Europa, wo wir praktisch überall flächendeckend präsent sind, gute Wachstumsaussichten haben. Deutschland ist zwar ein reifer Markt, dort ist alles gebaut, was es zu bauen gab. Aber es ist ein so reifer Markt, dass ganz erhebliche Investitionsbedürfnisse in der Sanierung, in der Erweiterung und im Ausbau bestehen. Das vor allen Dingen in der Infrastruktur und darüber hinaus ist das Finanzmarktumfeld mit den niedrigen oder gar nicht vorhandenen Zinsen – natürlich sehr günstig für die Flucht ins „Beton-Gold“, also für private Investitionen in den Bau. In Mittel-Ost-Europa ist die Situation soweit unterschiedlich, als dort noch weite Teile der Infrastruktur erst zu errichten sind - obwohl in der Vergangenheit einige Länder schon gigantische Anstrengungen unternommen haben – sehen wir den Umstand dass in Mittel-Ost-Europa nicht nur das Bruttoinlandsprodukt deutlich stärker wächst als in Westeuropa, sondern auch der Bau wächst deutlich stärker und das wird auch in den nächsten Jahren noch so bleiben und insofern glauben wir, dass wir mit unserem regionalen Fokus Deutschland, Österreich, Mittel-Ost-Europa auch für künftiges organisches Wachstum sehr gut aufgestellt sind.

Oh ja. Mir würden spontan zehn Autobahnbücken einfallen, da wo Strabag dran steht, die dringend saniert werden müssten. Ich formuliere meine Frage bisschen um, die war ja ‚wohin wollen Sie mit der Strabag in den nächsten Jahren?‘ … ich mache jetzt ein „müssen“ draus: Wohin müssen Sie mit der Strabag in den nächsten Jahren? Und kommen zum Thema Digitalisierung: Wie weit hält das im Bau Einzug? Baustelle 4.0 - wird per Mausklick just-in-time der notwendige Beton für den Termin morgen schon bestellt?

Ein interessanter Aspekt in der Tat. Das sehen wir vor allen Dingen auf der Straßenbau-Seite ganz deutlich. Bei uns läuft das unter dem Stichwort „die vernetzte Baustelle“. In der Tat ist bei einer großen Straßenbaustelle, wo ja Kilometer für Kilometer gebaut werden muss, die reibungslose Versorgungslogistik ein ganz wesentliches Thema, was wir mit Hilfe der Digitalisierung optimieren wollen. Das heißt, der Wegfall von Wartezeiten an den Produktionsstellen der Baustoffmaterialien, etwa der Asphaltmischanlage, die Optimierung der Wegstrecke zwischen der Asphaltmischanlage und der Baustelle und dann natürlich das reibungslose Abladen und der reibungslose Einbau an der Baustelle selber sind ein wesentliches Thema. Im Hoch- und Ingenieurbau verschieben sich die Aspekte etwas. Da geht es vor allen Dingen darum, das Gebäude virtuell vorweg zu nehmen. Das heißt, virtuell zu planen und das nicht nur in den drei digitalen Dimensionen Höhe, Länge, Breite, das tun wir seit 20-30 Jahren unter dem Stichwort CAD – computer-aided design. Heute reden wir bei der Strabag über BIM.5D und wollen mit den fünf Dimensionen deutlich machen, es geht um weit mehr als drei Dimensionen und es sind wahrscheinlich auch noch mehr als fünf. Fünf sind neben Höhe, Länge, Breite noch die Zeit und die Kosten. Man kann aber noch genauso gut die Baumassen noch dazu rechnen oder aber den Work-Flow. Das heißt also, die virtuelle Vorwegnahme wird es uns viel besser als bisher ermöglichen ein Bauvorhaben verlässlich vorzuplanen und dann vor allen Dingen die zahlreichen Umplanungen richtig einzuschätzen und durchzudenken, die jedes Bauvorhaben unvermeidlich begleiten.

Spannendes Thema, auf jeden Fall genügend Story, um da nochmal drüber zu reden. Schließen wir das Interview ab. Die Baustellenfortschritte 2017 sind wahrscheinlich ziemlich logisch voraus zu berechnen. Was ist denn die Jahresprognose für 2017?

Unsere Guidance ist stabil geblieben vom Anfang des Jahres an. Wir haben gesagt, wir werden auf den Wachstumspfad bei der Leistung zurückkehren und mindestens an den Wert von 2015 - das waren 14 Milliarden Euro Jahresleistung – anknüpfen. Dafür spricht der Rekordauftragsbestand, den wir inzwischen mit deutlich über 16 Milliarden Euro haben. Das ist das erste Mal in der Kerngeschichte, dass wir einen solchen hohen Auftragsbestand vorweisen können. Und beim Ergebnis haben wir gesagt, wir wollen das tun, was wir vor vier Jahren versprochen haben: Wir hatten gesagt, ab 2016 wollen wir mindestens drei Prozent EBIT auf den Umsatz erwirtschaften. Das ist uns gelungen und sogar noch ein bisschen besser. Und für 2017 haben wir uns vorgenommen zu belegen, dass das nicht nur ein Einmaleffekt war, sondern dass wir ein solches Rentabilitätsniveau auch nachhaltig zeigen können. Das heißt also, mindestens drei Prozent EBIT auf den Umsatz auch in diesem Jahr wieder erreichen werden.

Herr Doktor Birtel, vielen Dank.

Ich bedanke mich und gute Zeit. Bis zum nächsten Mal.

Hinweis: Audio unter http://www.wienerborse.at (barrierefrei, Österreich) bzw. http://www.boersenradio.at (Login, Komplett-Feed).


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Beitrag von boersenradio.at



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