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12.06.2019

Willkommen in der Welt der Anomalien (bitte nicht alles wortwörtlich ernst nehmen). Uns Kapitalmarkt-„Menschen“ wird immer nachgesagt, wir wären so „kopflastig“, „großhirngesteuert“, logisch dominiert, und nahezu emotionslos wenn es darum geht Gewinne zu erzielen. Alles völlig falsch. Die aktuelle Realität entlarvt diese Stigmata als viel zu oberflächliche Bezeichnungen. Wir sind fantasiebegabt, anpassungsfähig, belastbar und änderungstolerant. Wer’s nicht glaubt, der möge sich doch einmal die wunderbare Welt der aktuellen Kapitalmärkte einmal ansehen.

Wie eine Wanderung durch Alices Wunderland mögen Einige vermuten. Da gibt es seit Jahren die verkehrte Welt der Anleihen und der Aktien. Wie wenn man alles nur mehr rückwärts oder auf dem Kopf stehend als real erkennen kann. Negative Anleiherenditen was für ein Spaß! Wir schmeißen das Geld einfach zum Fenster hinaus! Endlich macht das alles Sinn!

Oder die verkehrte Welt der Dividendenrenditen zu den Anleiherenditen. In Euroland ergeben die Dividenden im Schnitt bereits eine um 2,50% höhere Verzinsung als jener der Bonds der gleichen Unternehmen. Sofern deren Anleiherenditen noch positiv sind geben die für ihre Zinszahlungen nur mehr weniger als ein Drittel aus gegenüber ihren Dividendenausschüttungen. Welch tolle Welt! Wir verschulden uns für quasi nix und donnern die Kohle danach für Dividenden raus. Das Perpetuum mobile der Finanzwelt wurde erfunden. Heureka! Wer sich da noch anstrengt und aus seinem operativen Ergebnis versucht Gewinne zu erzielen ist bald selber schuld. Oder wenn man will, kauft man einfach wie wild die eigenen Aktien, argumentiert damit statistische Gewinnsteigerungsraten oder auch, ganz logisch, die Ersparnis von Dividendenzahlungen für die zurückgekauften Aktien. Ins Unternehmen selbst braucht man da gar nicht mehr direkt investieren. Macht alles der Zins. Wie wunderbar.

Dass trotzdem in manchen Regionen der Welt, wo man diese Praktiken nicht gar so intensiv lebt, die Bewertungen der Aktien auf de facto Vorkriegs-Niveau, quasi zum Ausverkauf gepreist, herumliegen, spielt da gar keine Rolle. Hauptsache man kauft munter die teuren Werte weiter, weil, genau(!), die „wachsen“ ja.

Das Übertolle an dieser Welt ist aber die Tatsache, dass wir so etwas wie Regularien haben, die dafür sorgen, dass diese Welt auch so bleibt, wie sie gerade ist. Da dürfen beispielsweise Manche von uns gar nicht in bestimmte Werte investieren. Die müssen dafür aber brav erklären, warum das auch so gut ist, weil sonst verlieren sie das Besuchsrecht dieser Wunderwelt. Also tun die brav was man verlangt und erklären uns wie toll Negativrenditen sind und wie böse die Aktien.

Oder ein anderes Regulativ nennt sich MiFID II. Klingt wie ein Science-Fiction-Fortsetzungsthriller. Und ist es eigentlich auch. Hiermit sollte der Wertpapierkunde noch mehr geschützt werden. Leider wurde hierbei wirklich so ziemlich alles richtig verkehrt gemacht. Und zwar so, dass sich der Kunde gar nicht mehr auskennt, schon gar nicht fragt, Hauptsache er unterschreibt nur alle die vielen eng beschrieben Blätter auf denen nur draufsteht was man nicht alles zu seinem Schutz macht. Danach kann er sich freuen, dass aus so langen Worten wie „Ausgabeaufschlag“ plötzlich das Wort „Serviceentgelt“ entstanden ist. Oder dass man einfach nur die Worte verkürzt hat und aus „unabhängig“ plötzlich das „un“ verschwunden ist. Danach braucht man sich nicht mehr mit sooo vielen verschiedenen Wertpapieren auseinandersetzen, einfach die Produkte die man vorgelegt bekommt akzeptieren, fertig ist der Spaß.

Dumm nur, dass man bereits in unserem Nachbarland Deutschland drauf gekommen ist, dass plötzlich keiner mehr Wertpapiergeschäfte machen will. Der Deutsche Bundestag hat bereits beim BAFIN angefragt, ob eine Änderung von MiFID II nicht Sinn macht. Aber keine Angst, wird alles nicht passieren. Sommerloch muss gefüllt werden, wir kennen das.

Was aber den Spaß so richtig lustig macht, sind Politiker die wir schon soo lange nicht mehr gehabt haben. So richtig lustige Leute halt. Da wird so oft gelogen, dass die Wahrheit keiner mehr erkennt. Da wird gedroht, ohne dass man etwas zum Drohen hat. Da werden ganze Abstimmungen auf Lügen aufgebaut. Und danach nehmen sogar ganz normale Richter die Rufe nach Gerechtigkeit (wenn auch nur indirekt) nicht mehr ernst. Da wird das Parlament zum Diskutantenstadel als Selbstzweck, bevor man scherzend in die Kantine enteilt. Dort wird dann das einzig Mal „Kapitalmarkt“ in den Mund von Politikern genommen, dann, wenn man sich darüber lustig macht. Ach ja, es lebe die Ironie.

(Der Input von Wolfgang Matejka für den http://www.boerse-social.com/gabb vom 12.06.)


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1. Wolfgang Matejka (Matejka & Partner) , (© Michaela Mejta, photaq.com )   >> Öffnen auf photaq.com

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    Wir verschulden uns für quasi nix und donnern die Kohle danach für Dividenden raus (Wolfgang Matejka)


    12.06.2019

    Willkommen in der Welt der Anomalien (bitte nicht alles wortwörtlich ernst nehmen). Uns Kapitalmarkt-„Menschen“ wird immer nachgesagt, wir wären so „kopflastig“, „großhirngesteuert“, logisch dominiert, und nahezu emotionslos wenn es darum geht Gewinne zu erzielen. Alles völlig falsch. Die aktuelle Realität entlarvt diese Stigmata als viel zu oberflächliche Bezeichnungen. Wir sind fantasiebegabt, anpassungsfähig, belastbar und änderungstolerant. Wer’s nicht glaubt, der möge sich doch einmal die wunderbare Welt der aktuellen Kapitalmärkte einmal ansehen.

    Wie eine Wanderung durch Alices Wunderland mögen Einige vermuten. Da gibt es seit Jahren die verkehrte Welt der Anleihen und der Aktien. Wie wenn man alles nur mehr rückwärts oder auf dem Kopf stehend als real erkennen kann. Negative Anleiherenditen was für ein Spaß! Wir schmeißen das Geld einfach zum Fenster hinaus! Endlich macht das alles Sinn!

    Oder die verkehrte Welt der Dividendenrenditen zu den Anleiherenditen. In Euroland ergeben die Dividenden im Schnitt bereits eine um 2,50% höhere Verzinsung als jener der Bonds der gleichen Unternehmen. Sofern deren Anleiherenditen noch positiv sind geben die für ihre Zinszahlungen nur mehr weniger als ein Drittel aus gegenüber ihren Dividendenausschüttungen. Welch tolle Welt! Wir verschulden uns für quasi nix und donnern die Kohle danach für Dividenden raus. Das Perpetuum mobile der Finanzwelt wurde erfunden. Heureka! Wer sich da noch anstrengt und aus seinem operativen Ergebnis versucht Gewinne zu erzielen ist bald selber schuld. Oder wenn man will, kauft man einfach wie wild die eigenen Aktien, argumentiert damit statistische Gewinnsteigerungsraten oder auch, ganz logisch, die Ersparnis von Dividendenzahlungen für die zurückgekauften Aktien. Ins Unternehmen selbst braucht man da gar nicht mehr direkt investieren. Macht alles der Zins. Wie wunderbar.

    Dass trotzdem in manchen Regionen der Welt, wo man diese Praktiken nicht gar so intensiv lebt, die Bewertungen der Aktien auf de facto Vorkriegs-Niveau, quasi zum Ausverkauf gepreist, herumliegen, spielt da gar keine Rolle. Hauptsache man kauft munter die teuren Werte weiter, weil, genau(!), die „wachsen“ ja.

    Das Übertolle an dieser Welt ist aber die Tatsache, dass wir so etwas wie Regularien haben, die dafür sorgen, dass diese Welt auch so bleibt, wie sie gerade ist. Da dürfen beispielsweise Manche von uns gar nicht in bestimmte Werte investieren. Die müssen dafür aber brav erklären, warum das auch so gut ist, weil sonst verlieren sie das Besuchsrecht dieser Wunderwelt. Also tun die brav was man verlangt und erklären uns wie toll Negativrenditen sind und wie böse die Aktien.

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