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Dividende in Krisenzeiten? Ich ärgere mich masslos über die aktuelle Diskussion (Günter Luntsch)

Bild: © Michaela Mejta, photaq.com , Günter Luntsch (BSN)

Dividende in Krisenzeiten? Es ärgert mich maßlos, wenn ich in diesen Tagen lesen muss: von "Betriebsrat fordert Dividendenentfall" über "arbeitsloses Einkommen der Aktionäre" bis hin zu "Denen würde ich gar nicht helfen, das ist Unternehmerrisiko". Aktionäre sind der falsche Adressat bei Problemen der Gesamtwirtschaft. Zum einen ist der Aktionär nicht Feind des Arbeitnehmers, ganz im Gegenteil: Der Aktionär will, dass der Arbeitnehmer gut behandelt wird, denn Leute, die ihren Job nicht mögen, sind nicht gut fürs Unternehmen. Daher fragt der Aktionär auf der Hauptversammlung auch gerne nach dem Grund für hohe Fluktuation, und der Vorstand muss diese Fluktuation erklären. Ganz abgesehen davon, dass viele Aktionäre auch Arbeitnehmer oder Pensionisten sind, also ganz sicher nicht ein "Klassenfeind".

In Zeiten wie diesen sieht man besonders deutlich den Vorteil von Eigenkapital: Wenn es einem Unternehmen schlecht geht wegen hoher Kreditverpflichtungen, kann das schnell das Ende bedeuten. Ausdrücklich ausgeschlossen hat die Regierung ja sogar bei dem Minihilfsbetrag von 1000 Euro Unternehmen mit Restrukturierungsbedarf oder Eigenkapital von weniger als 8%. Die Regierung ist also der Meinung: Die gehören ohnehin weg, Marktbereinigung. Auch wenn es z.B. um 135 Arbeitsplätze geht und viele Beteiligte ihr bestes gegeben haben, die Restrukturierung bereits von Erfolg gekrönt scheint. Namhafte Insolvenzverwalter kritisieren diese Vorgangsweise der Regierung, die diesen Unternehmen in der Krise den Gnadenschuss gibt, indem der noch halbwegs gesunden Konkurrenz geholfen wird, den Kranken aber nicht, das ist schlimmer als Darwinismus. Die Kranken haben genauso ein Recht auf Leben. Siehe: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20200401_OTS0223/negative-konsequenzen-der-nichtgewaehrung-von-kurzarbeit-in-insolvenzverfahren Der langen Rede kurzer Sinn: Eigenkapital bekommt man nicht geschenkt, Aktien haben auch mit "arbeitslosem Einkommen" nichts zu tun. Die meisten Aktionäre, die ich kenne, haben schwer für das Geld gearbeitet, das sie in Aktien investiert haben, sie haben auf Weltreisen und vieles mehr verzichtet, um mit anderen ein Rückgrat der Wirtschaft zu schaffen, ein Unternehmen auf gesunde Beine zu stellen, über Kapitalerhöhungen (und über den Kauf von Aktien, wenn ein anderer Aktionär Geld brauchte). Einige hätten jetzt im Alter gerne eine regelmäßige Dividende, weil sie z.B. eine Immobilie auf Kredit abzahlen. Ich hätte heuer gerne Dividenden, weil ich bei einer Kapitalerhöhung mitmachen möchte, bei einem Unternehmen, das auf frisches Geld angewiesen ist. Um 135 Arbeitsplätze und das Unternehmen zu retten.

Also: moralische Bedenken, eine Dividende zu vereinnahmen, braucht keiner von uns haben. Wir versaufen das Geld nicht, und es landet auch nicht in dunklen Kanälen, wir haben üblicherweise eine sehr sinnvolle Verwendung für das Geld. So wie die Arbeitnehmer halt gerne ihr monatliches Einkommen vereinnahmen, und oft sogar noch Urlaubs- und Weihnachtsgeld dazu. Genug Arbeitnehmer stehen eh plötzlich vor dem Nichts: So eine hohe Arbeitslosenrate hatten wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, denke ich. Um das Schlimmste zu verhindern, bettelt die Regierung, die Unternehmen mögen doch das Kurzarbeitsmodell in Anspruch nehmen, wo der Staat dafür bezahlt, dass das Unternehmen die Arbeitnehmer nicht einfach freisetzt. Viele Unternehmen lassen sich nicht erweichen und machen das, was sie im Moment als das Sinnvollste erachten, da kein Ende der Krise absehbar ist: Sie bauen Mitarbeiter ab. Andere Unternehmen unterstützen die Regierung, ihre Mitarbeiter und so auch die Gesellschaft, indem sie das Angebot der Regierung annehmen. Dass die Unternehmen dieses Angebot annehmen, ist im Interesse von uns allen! Oder wollen wir noch ein paar Hunderttausend Arbeitslose mehr? Für die am Ende der Steuerzahler sorgen muss, denn viele von denen werden nie wieder Arbeit finden. Es ist für uns alle besser, wenn die Mitarbeiter im Unternehmen gehalten werden. Für diese "Förderung" zahle ich als Steuerzahler gerne. Was ist also das Verachtenswerte an Unternehmen, die Mitarbeiter in der Krise in Kurzarbeit schicken? Warum sollen die Aktionäre gerade dieser Unternehmen gestraft werden? Kurzarbeit ist kein Vergehen, Kurzarbeit ist so ziemlich noch das beste, was einem Arbeitnehmer in der Krise passieren kann. Hunderttausende haben dieses Glück nicht.

Bleiben wir sachlich, am Ende kommen wir ohnehin oft zum gleichen Ergebnis: Wir Aktionäre verstehen, dass eine Dividende gekürzt oder gestrichen werden muss, wenn es dem Unternehmen schlecht geht. Im Moment geht es eh vielen Unternehmen schlecht, wir müssen also damit rechnen, dass es weniger oder gar keine Dividende gibt. Aber rein aus wirtschaftlichen Gründen, nicht aus moralischen! Und das ist das Tolle an den Aktien, aus Sicht des Unternehmens und dessen Arbeitnehmern: Wenn es dem Unternehmen schlecht geht, kann man Dividenden kürzen oder ganz streichen. Das geht bei Eigenkapital. Bei Fremdkapital steht man mit mehr als einem Bein beim Insolvenzrichter, wenn man Kreditraten nicht zahlen kann. Dann ist das Unternehmen hin, und die Arbeitnehmer müssen sich unter Hunderttausende Arbeitslose einreihen und finden vielleicht nie wieder einen passenden Job.

Was das Unternehmerrisiko betrifft: Nein, kein Unternehmer kann mit einer Pandemie rechnen, das wäre zuviel verlangt. Wenn er in normalen Zeiten mit einer Pandemie rechnet, und damit, dass sein Betrieb monatelang behördlich stillgelegt wird, dann macht er ja gar keinen Betrieb auf. Dann gibt es keine Wirtschaft, und wir alle bauen uns unser tägliches Brot selbst an, denn jeder potentielle Bauer, Müller oder Händler scheut das Risiko, dass er plötzlich unverschuldet zusperren muss. Daher hat die Republik die Pflicht, so gerecht wie möglich den unverschuldet durch die behördlichen Maßnahmen in Schwierigkeiten geratenen Unternehmen und Menschen zu helfen. Das Epidemiegesetz haben sie vorsorglich außer Kraft gesetzt, weil es sonst nicht leistbar würde, aber vor der Hilfe drücken darf sich die Republik Österreich auch nicht. Und sie sollte sich von der Groschenzählerei verabschieden, also dass viele Unternehmen aus nicht nachvollziehbaren Gründen gar nichts bekommen, sondern sie sollte fair sein, schließlich sind alle Unternehmen Steuerzahler. Was die Menschen betrifft: "Helikoptergeld" klingt zwar lustig, aber andere Staaten machen das bereits, ohne viel herum zu eiern. Ein paar Monate lang das Grundeinkommen testen, vor allem dann, wenn auch die anderen Geschäfte wieder offen haben, die brauchen das Geld der Konsumenten ja auch: jedem 1.500 Euro oder so pro Monat übers Finanzamt auszahlen. Das geht leicht, das Finanzamt hat die Menschen im Land ja schön nach Versicherungsnummer geordnet. Dann gibts keinen Neid der vielen, die nichts kriegen. Dann gibts dringend benötigte Liquidität bei den Unternehmen. Und die Menschen in diesem Land ertragen die Ausgangsbeschränkungen leichter, wenn sie wissen, dass sie nicht jeden Tag ärmer werden, wo sie nicht arbeiten können. Dass die Konsumentenpreise steigen, sehen wir bereits im Kleinen, es gibt kaum mehr Sonderangebote, schnell kann der Lebensmitteleinkauf schon jetzt das Doppelte kosten, und wenn die Bauern nicht ernten können und das Ausland den Export lebenswichtiger Lebensmittel verbietet, dann werden wir sehen, wie schnell das Geld der Konsumenten zurück im Wirtschaftskreislauf ist. Ohne Geld würden sie nichts kaufen können.

 

 

(Der Input von Günter Luntsch für den http://www.boerse-social.com/gabb vom 02.04.)

(02.04.2020)



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Bildnachweis

1. Günter Luntsch (BSN) , (© Michaela Mejta, photaq.com )   >> Öffnen auf photaq.com

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