23.09.2014, 6638 Zeichen
Im jetzigen schwierigen finanziellen und wirtschaftlichen Umfeld lohnt sich gerade für Sparer und Anleger eine kritische Auseinandersetzung mit den Thesen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie.
Kaum jemals war die Unsicherheit über die Fragilität des Geld- und Bankensystems und der damit verbundenen Konsequenzen auf die Veranlagung so groß wie heute. Obwohl offizielle Zahlen nur geringe Teuerung anzeigen, quält viele Menschen das Gefühl, eine laufende Entwertung ihrer Kaufkraft zu spüren. Die meisten ahnen, dass sie sich mehr Gedanken um den Werterhalt ihrer Ersparnisse machen sollten, werden allerdings mit widersprüchlichen Antworten konfrontiert.
Es ist kein Zufall, dass Krise und Kritik dieselbe Wortwurzel haben. Darum wirken sich Zeiten der Krise in aller Regel auch positiv auf das Reflexionsvermögen aus. Die Österreichische Schule der Nationalökonomie, auch Wiener Schule genannt, ist inmitten der schwersten Krisen des letzten und vorletzten Jahrhunderts entstanden. Die österreichischen Ökonomen waren die weltweit führenden Krisenexperten: Sie beobachteten aus nächster Nähe Börsenblasen, Rezession und Depression, Hyperinflation, politischen Niedergang und Weltkriege.
Sprachliche Erblindung
Für die präzise Beurteilung einer Problemstellung bedarf es stets einer präzisen Semantik: Inflation wird im heutigen Sprachgebrauch üblicherweise als Anstieg eines Preisniveaus bezeichnet, während man unter Deflation ein fallendes Preisniveau betrachtet.
Korrekterweise bezeichnete man mit Inflation (lat. inflatio = Ausweitung, Aufblähung) ursprünglich „die Aufblähung des Umlaufs an papierenen Zahlungsmitteln“. Inflation wird heute jedoch leider synonym mit dem Wort „Teuerung“ verwendet, obwohl die Teuerung lediglich die Konsequenz der (monetären) Inflation ist. Diese sprachliche Erblindung führt dazu, dass die eigentliche Ursache-Wirkung-Beziehung verschleiert wird.
Die vorherrschende Geldordnung hat im Lauf des 20. Jahrhunderts eine sukzessive Metamorphose durchgemacht. Aus einer goldgedeckten Währung wurde das internationale Währungssystem sukzessive zu einer mit verzinsten Schulden gedeckten Währung. Geld wird heute entweder durch die Vergabe von neuen Krediten von Geschäftsbanken geschöpft, oder von Zentralbanken durch eine Bilanzverlängerung (über Ankauf von Schuldtiteln) geschaffen und ist seit 1971 endgültig entmaterialisiert. Als direkte Konsequenz daraus hat sich das System der Marktwirtschaft sukzessive in einen „Kreditismus“ verwandelt. Die Realwirtschaft ist dabei in den vergangenen Jahrzehnten von ständiger Kredit- und Geldmengenausweitung abhängig geworden.
Die Konsequenzen sind weitreichend: So resultiert daraus sowohl der heutige Wachstumswahn – da die Geldmenge in diesem System kontinuierlich gesteigert werden muss – als auch der Inflationswahn, der uns um jeden Preis vor den Gefahren der Deflation bewahren soll.
Kuriose Panikmache
Die Europäische Zentralbank definiert als Preisstabilität eine jährliche Geldentwertung (gemessen am Konsumentenpreisindex) von etwa zwei Prozent. Es scheint paradox, einen stabilen Zustand mittels einer Exponentialfunktion zu definieren, die sich alle 70 Jahre vervierfacht. Gemäß herrschender Lehre ist ein wirklich stabiles Preisniveau (also etwa null Prozent) nachteilig, weil unter solchen Umständen die Wirtschaft nicht prosperieren könne.
Diese Aussage erweist sich im historischen Kontext als falsch. Bis zum Ende des klassischen Goldstandards (1913) hat sich das Ausbleiben stetiger Preisinflation nicht als wachstumshemmend erwiesen.
Ganz im Gegenteil: Die durchschnittlichen, realen Wachstumsraten sind mit dem Übergang auf den Gold-Devisen-Standard beziehungsweise auf das heutige Schuldgeldsystem jeweils gesunken. Daraus könnte man ableiten: je konsequenter die Golddeckung, umso geringer die Teuerung und desto höher das Wirtschaftswachstum.
Zentralbanker, Politiker und Finanzmedien warnen mittlerweile hyperinflationär vor dem „Deflationsgespenst“ und vor verheerenden Deflationsspiralen. Die Panikmache hinsichtlich sinkender Preisen erscheint jedoch verwunderlich. So begrüßt doch ein Großteil der Konsumenten fallende Preise. Dies ist im Technologiebereich, etwa bei Smartphones oder Fernsehern, seit Jahren evident. Aus Sicht der Österreichischen Schule ist Preisdeflation lediglich ein Symptom, während fallende Geld- beziehungsweise Kreditmengen die Ursache sind.
Mehr Kredit in die Wirtschaft
Tatsache ist, dass in unserem heutigen, stark gehebelten Teilreserve-Schuldgeldsystem eine ausgeprägte Kreditdeflation erschütternde realwirtschaftliche Konsequenzen hätte. Die Entzugssymptome einer Schuldenliquidierung sind umso schlimmer, je stärker die Kreditabhängigkeit ausgeprägt ist. Sollte heutzutage eine ungehemmte Umkehr der Kreditausweitung stattfinden, so würde sich eine ausgeprägte Geldmengendeflation auf weite Teile des Bankensystems fatal auswirken.
Eine sogenannte Reflationierung ist im heutigen Geldsystem keine so einfache Aufgabe. Notenbanken auf aller Welt arbeiten seit 2009 mit immer kreativeren Methoden (Quantitative Easing etc.) daran, zwanghaft mehr Kredit in die Wirtschaft zu pumpen. Die Geschichte lehrt uns: Weder die Mainstream-Ökonomie noch Notenbanker können die Inflationsdynamik steuern. Die kläglich scheiternden Versuche, das Teuerungsniveau wie ein Thermostat zu regulieren, zeugen von Hybris und mangelnden Kenntnissen unserer monetären Geschichte.
Schlag nach bei von Mises
Zwar steht im Vorhinein nicht fest, ob die inflationären Kräfte dieses Kräftemessen gewinnen werden. Es wird jedoch aufgrund der sozioökonomischen Anreizstrukturen im Zweifel jedenfalls höhere Preisinflation gegenüber einer deflationären Schuldenbereinigung favorisiert. Der große österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat im Vorfeld der großen Inflation 1922 festgehalten:
„Doch die Vermehrung der Menge des Geldes und der Umlaufmittel wird die Welt nicht reicher machen und das nicht wieder aufbauen, was der Destruktionismus niedergerissen hat. Die Ausdehnung des Zirkulationskredits führt zwar zunächst zum Aufschwung, zur Konjunktur; doch diese Konjunktur muss notwendigerweise früher oder später zusammenbrechen und in neue Depression einmünden. Durch Kunstgriffe der Bank- und Währungspolitik kann man nur vorübergehende Scheinbesserung erzielen, die dann zu umso schwererer Katastrophe führen muss.“
Gerade für Sparer und Anleger wird sich eine kritische Auseinandersetzung mit den Thesen der Österreicher – die als ökonomische Vordenker aktuell weltweit gerade eine Renaissance erleben – lohnen, um im gegenwärtigen schwierigen finanziellen und wirtschaftlichen Umfeld erfolgreich zu bestehen zu können.
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