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Interview mit Christoph Boschan, CEO Wiener Börse

börsenradio.at: Die Börse Wien hat eine Umfrage beim market-Institut in Auftrag gegeben, um herauszufinden, wie es um das Finanzwissen der Österreicher bestellt ist. Zu den Ergebnissen der Umfrage haben wir auch ein Interview geführt mit dem Institutsvorstand Dr. David Pfarrhofer. Das Interview können Sie sich anhören, es ist eigentlich nur einen Mausklick entfernt. Das Ergebnis ist dramatisch. Hier seine kurze Zusammenfassung:

Pfarrhofer: Eingestiegen sind wir damit, dass wir gefragt haben: „Wie gut kennt man sich denn selbst aus in Wirtschafts- und Finanzfragen? Also ganz allgemein gehalten. Man versucht, die Latte nicht zu hoch zu legen. Also jetzt keine Zinseszinsrechnungen vornehmen lassen, keine Mathematikprüfungen angestellt, sondern ganz einfach eine Selbsteinschätzung vorgenommen. Und da eben das eigene Wirtschaftswissen, das eigene Finanzwissen abgefragt und bereits da zeigt sich, dass wir, die österreichische Bevölkerung in diesem Fall, nur bedingt sattelfest sind. Dass nur ganz wenige sagen: „Ich kenn‘ mich da gut aus.“ Nur acht Prozent, um das in Zahlen auszudrücken. die sagen: „Ich bin da sehr gut vorbereitet. Ich kenn‘ mich da sehr gut aus.“ Das Gros der Bevölkerung ordnet sich den Mittelkategorien zu, ist da dementsprechend nicht wirklich mit Selbstbewusstsein gesegnet und ist, was diese Frage anbelangt, sehr vorsichtig eingestellt.

Somit die Fakten. Herr Boschan, wie viel Chancen lassen sich denn damit die Anleger entgehen?

Boschan: Naja, diese Antwort brauch‘ nicht ich geben, sondern diese Antwort gibt die Historie des österreichischen Kapitalmarktes. Wenn Sie sich die Entwicklung des ATX und die durch ein Investment in den ATX möglichen Renditen anschauen, dann stellen Sie fest, dass der ATX über die letzten 25 Jahre seines Bestehens eine Durchschnittsrendite von 6-7 Prozent abgeworfen hat. Und das trotz aller Kursrückschläge, die auch dieser Index in diesen 25 Jahren vergegenwärtigt hat. Dennoch eine Durchschnittsrendite von 6-7 Prozent. Eine Rendite, die alle anderen öffentlich zugänglichen Anlageformen um Längen schlägt. Insofern beantwortet die Empirie des österreichischen Leitindex diese Frage eindeutig. Große Renditen bleiben hier auf der Strecke für den Normalbürger. Und darum geht es letztlich bei der Finanzbildung: Es geht um die Wahrnehmung von Chancen und gleichzeitig natürlich auch um den Schutz vor Risiken. Bildung ist der beste Anlegerschutz.

Was machen denn die Österreicher jetzt mit dem Geld?

Boschan: Das legen sie unverzinst auf das Konto. Hier hat man natürlich eine gewisse Tragik: Der früher uns so bekannte risikolose Zins ist ja durch das zinslose Risiko ersetzt worden. Der, der heute tatsächlich noch etwas erwartet von seiner Geldanlage, der kommt eigentlich nicht umhin, sich der Aktienanlage zuzuwenden.

Ja was können wir tun und was können Sie von der Börse Wien tun? Hier das Ergebnis auf die Frage, was denn in den Schulen läuft. Da gab es eine Frage: Wird an den Schulen ausreichend Finanzwissen vermittelt und was kam heraus?

Pfarrhofer: (lacht) … ja das ist ein Armutszeugnis für das österreichische Bildungswesen. Satte fünf Prozent – und das war jetzt ironisch formuliert – satte fünf Prozent der Bevölkerung sagen, es wird ausreichend Finanzwissen für persönliche Vorsorgeentscheidungen vermittelt. Also wir reden jetzt nicht darüber, ob genug Wissen vermittelt wird, damit ich mal Generaldirektor einer Großbank werden kann, sondern es geht darum, ausreichend Finanzwissen für persönliche Vorsorgeentscheidungen zu vermitteln. Quasi Informationen mitgeben, die man im Leben durchaus auch brauchen kann. Finanzwissen für persönliche Vorsorgeentscheidungen - sollte ja alle betreffen. Da sagen glatte fünf Prozent: ,Das ist der Fall‘. Das Gros sagt auch: ,Das gibt’s an meiner Schule nicht.‘

Also Bildung ist der beste Anlegerschutz. Ja, was kann man für die Schulen tun?

Boschan: Naja, lassen Sie mich mal eines voranstellen, damit das hier nicht in die falsche Röhre kommt: Wir erleben bei der Interaktion mit den Schulen erstmal eine wahnsinnig interessierte Schülerschaft, die unglaublich wissensdurstig ist, was diesen Bereich angeht. Die das übrigens auch klar so formuliert – Sie kennen vielleicht den berühmten Tweet der Schülerin vor drei-vier Jahren die da über Twitter verlautbarte: „Naja, ich kann ein Gedicht interpretieren und das in drei Sprachen. Ich habe aber keine Ahnung von Finanzanlagen, Altersvorsorge und Steuerfragen.“ Genauso ist es, hier bricht sich ein Riesenbedürfnis bahn. Gleichzeitig, um es ist mir mal ganz wichtig festzuhalten, interagieren wir ja bei der Erstellung von Bildungsunterlagen ganz eng mit Lehrern, mit österreichischen Lehrern – und auch da stellen wir ein Riesenengagement fest. Das, was wir durch die von uns initiierten Programme erleben, ist erstmal was ganz Positives. Einerseits viel Wissensdurst auf der Empfängerseite, der Schüler, andererseits auch viel Willen dazu beizutragen auf der Schülerseite. Gleichwohl - und das ist ja das, was uns umtreibt und auch unsere zentrale Anregung an die Politik darüber nachzudenken, ob nicht Finanzbildung - und nochmal: „Bildung ist der beste Anlegerschutz“ – verpflichtend in alle Lehrpläne aufzunehmen ist. Jetzt nicht notwendigerweise als eigenes Schulfach aber doch als integraler Bestandteil einer jeden Schulbildung.

Wie sehr hängt eigentlich die Wirtschaft von der Börse ab? Und welche Funktion hat dann die Wiener Börse?

Boschan: Naja, das sind zum Beispiel solche Fragen, für die dann durch eine entsprechende Ausbildung auch eine gesamtgesellschaftliche Sensibilität geschaffen wird. Wer weiß es schon in Österreich, das in Österreich jeder zehnte Arbeitsplatz an börsennotieren Unternehmen hängt? Wer weiß, wenn man zum Beispiel für die wirtschaftliche Entwicklung einen großen Hebel ansetzen will, es natürlich auch ums Börsenwesen gehen muss? Jeder Euro, der in ein börsennotiertes Unternehmen investiert wird, multipliziert für die Volkswirtschaft mit dem Faktor 2,5. Wer weiß, dass alle Nationen mit entwickelten Kapitalmärkten das schnellere Wachstum haben, das nachhaltigere Wachstum, sich schneller von Krisen erholen? Das ist einfach eine gesamtgesellschaftliche Einstellung zu solchen Fragen, die - wenn man denn an wirtschaftlicher Entwicklung und am volkswirtschaftlichen Vorankommen interessiert ist- einen größeren Stellenwert einnehmen sollte. Und wenn man sich nicht von der Wachstumsseite nähert, dann – und ich kann es nicht genug betonen – es geht eben nicht nur um Chancen, sondern auch um Anlegerschutz – es war schon immer mein Petitum und Sie kennen das vielleicht von früher: Die Aufarbeitung der Finanzkrise man weniger hätte betreiben sollen über die Überregulierung des Bankenwesens und die x-te Richtlinie und die zehnte Steuererhöhung und 50ste Gründung einer Verbraucherschutzorganisation. Nein, der richtigere Weg wäre gewesen, möglichst breite Bevölkerungsschichten in Finanzfragen auszubilden, damit sie selbstbewusst und auf Augenhöhe auf dem Finanzmarkt den Interakteuren gegenübertreten können.

Ja, das ist auch wichtig, so Dr. Pfarrhofer … da spiel‘ ich nochmal schnell was ein: „Gibt es also den mündigen Anleger nicht?“

Pfarrhofer: Nein. Also es wird ihn schon geben, aber vereinzelt. Wenn man das Mehrheitsbild in der Bevölkerung zeichnet, dann sind wir ganz, ganz weit weg vom mündigen Anleger. In Österreich ist es so, dass der durchschnittliche Anleger die aus seiner subjektiven Sicht sicherste Variante, sprich: Sparbuch oder Konto oder was immer wählt, aber keine mündigen Entscheidungen trifft, im Sinne von „Ich habe mich für dieses Produkt entschieden, weil es das Beste für mich ist.“ Sondern „Ich habe mich dafür entschieden, weil ich mich vor allem anderen fürchte, weil ich gar nicht weiß, was es sonst am Markt gibt.“

Ja was kann man denn jetzt eigentlich für die Erwachsenen tun? Ist Börse nur was für Reiche, für Wohlhabende?

Boschan: Ja eben nicht. Das ist ja gerade die Botschaft, die daraus resultiert. An den Märkten bewegen sich diejenigen, die sich an den Märkten auskennen. Und das ist ja gerade unser Petitum, dass die fantastischen Renditen die an Kapitalmärkten nachweisbar erzielt werden, dass es uns darum geht, die in die Breite zu tragen. Das hat einerseits damit zu tun, denjenigen, die nicht am Kapitalmarkt aktiv sein können, gewisse Bewegungsspielräume einzuräumen, indem man sie zum Beispiel steuerlich begünstigt. Aber es hat vor allen Dingen diese Ausbildungskomponente, dass man die Leute befähigt, sich am Kapitalmarkt zu bewegen. Wir von der Wiener Börse handhaben das übrigens so, dass wir hier nicht nur Forderungen an die Politik stellen, sondern wir haben ein eigenes Bildungsprogramm aufgelegt in Zusammenarbeit mit anderen Partnern. Das ist natürlich die Börse Akademie, das ist das Wirtschaftsmuseum. Wir veranstalten alleine heuer über 350 Veranstaltungen, mit denen wir genau diese Zielgruppen angehen. Einerseits Schüler aber auch den normalen Bürger, der sich hier umfangreich informieren kann. Da erleben wir etwas ganz Fantastisches: Wer sich auskennt und wer sich risikobewusst mit einfachen Grundsätzen dem Kapitalmarkt nähert, der ist dann auch langfristig erfolgreich.

Vielleicht nochmal zusammenfassend Ihre Forderungen der Wiener Börse an die Politik:

Boschan: Darüber nachzudenken, dass Thema der Finanzbildung flächendeckend verpflichtend für alle Schultypen zum Bildungsgegenstand zu machen. Nicht notwendigerweise als eigenes Fach aber doch als Thema, was in der Ausbildung verpflichtend – und in der Breite durchgesetzt - vorkommt.

Herr Doktor Boschan, vielen Dank.

Boschan: Ich danke Ihnen.


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Die Wiener Börse wurde im Jahr 1771 als eine der ersten Börsen weltweit gegründet. Zu den Hauptgeschäftsbereichen zählen der Handel am Kassamarkt und der Handel mit strukturierten Produkten. Zusätzliche Leistungen umfassen Datenverkauf, Indexentwicklung und -management sowie Seminare und Lehrgänge.


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Beitrag von boersenradio.at



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