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Wiener Börse-Vorstand über Strukturwandel, Blockchain, IT-Fachkräfte, T7 & Co. (Interview mit Ludwig Nießen, CTO und COO der Wiener Börse)

Ludwig Nießen, CTO und COO der Wiener Börse, erklärt im Börse Social Magazine-Interview mit Christine Petzwinkler, warum auf das neue Handelssystem T7 umgestellt werden musste, was er von Blockchain und Bitcoin hält und wie wichtig der Hochfrequenzhandel für die Wiener Börse ist.

Börse Social Magazine: Herr Nießen, Sie sind seit mehr als 25 Jahren bei der Wiener Börse tätig. In dieser Zeit hat sich speziell auf Ihrem Gebiet extrem viel getan.

Ludwig Nießen: Ja, das kann man so sagen. Wir haben in den 90er-Jahren begonnen den elektronischen Handel einzuführen. Damals zunächst für die Terminbörse und später für den Kassamarkt. Der elektronische Handel hat einen Strukturwandel getriggert, der bis heute nachwirkt. Die Anzahl der physischen Händler hat seither dramatisch abgenommen. Zusammengefasst könnte man sagen, dass die Börse als Infrastrukturanbieter eine Lokomotive und ein Leitbild für den Strukturwandel ist.

Erst vor kurzem haben sie das Handelssystem von Xetra auf Xetra T7 vollzogen. Hat alles gut funktioniert? Was waren die Herausforderungen?

Ich denke mal, es gibt kein Projekt das reibungslos verläuft. Wir mussten schon einige Hindernisse aus dem Weg räumen, z.B. die Ressourcenknappheit. Im Zuge des Projekts haben wir festgestellt, dass die Ressourcen nicht ausreichen und haben uns personell verstärkt. Bei der Einführung eines neues Handelssystems ist es wichtig, dass man den Kunden eine stabile Umgebung bietet, damit die sich in Ruhe auf die neuen Systeme einstellen und testen können.

Ist das Projekt jetzt abgeschlossen?

Nein, wir sind noch in der Feinplanung, denn das T7, wie wir es heute fahren, betrifft nur Aktien. Strukturierte Produkte und Anleihen sind noch auf dem ursprünglichen Xetra-System. Und die Partnerbörsen sind komplett noch auf Xetra. Der Umstellungsaufwand für die Partnerbörsen wäre zu aufwendig gewesen. Also führen wir T7 in zwei Phasen ein. Einmal jetzt, für den wichtigsten Markt, nämlich den Kassamarkt, von dem 95 Prozent der Umsätze kommen. Das haben wir jetzt gemacht. Und im nächsten Jahr kommen die restlichen Assetklassen dazu. Die Deutsche Börse macht das übrigens genauso. Und im Laufe der nächsten Jahre weiten wir auch auf unsere Partnerbörsen Budapest, Laibach, Prag und Zagreb aus. 

Das heisst, es gibt im Zuge von T7 noch einiges zu tun.

Auf jeden Fall. Eine wesentliche Herausforderung ist ja das Thema MiFID II, das ab 2018 gilt.  Für unsere Systeme müssen wir daher jetzt im Winter noch ein Release machen, sowohl für T7 als auch für Xetra.  Dabei geht es die Besonderheiten aus MiFID abbilden zu können.

Warum hat das alte Xetra-System eigentlich ausgedient?

Weil wir am Puls der Zeit bleiben müssen. Ich sage gerne: Da wo wir sind, bleibt vorne. Wir sind vorne im Handel mit österreichischen Aktien. Und wenn wir T7 nicht haben, dann laufen wir Gefahr, die führende Position an andere abzugeben. Das ist der Hintergrund. Wir führen T7 nicht ein, weil uns langweilig ist, sondern wir müssen, auch auf Wunsch unserer Kunden, an der Spitze stehen. Wenn wir nicht mitziehen, verlieren wir den Kontakt zu den großen Orderströmen, die wir auch brauchen. Wir haben uns bereits im Jahr 2015 mit den Marktteilnehmern zusammengesetzt und beraten. Auf Wunsch unserer Marktteilnehmer haben wir uns entschieden, zeitnah mit der Deutschen Börse auf T7 umzustellen, damit wir den technologischen Konnex nicht verlieren. Was die großen Orderströme anbelangt, können die Marktteilnehmer diese dann für Wien auf eine einzige Technologie konzentrieren. Ansonsten hätten sie für Wien auch noch auf Xetra fahren müssen, aber mit nicht signifikanten Orderflüssen. Und so haben sie für Frankfurt T7, für den Wiener Kassamarkt T7 und das ist für die Marktteilnehmer eine große Synergie.

Wieviel kostet das neue System eigentlich? Und müssen die Marktteilnehmer mit höheren Gebühren rechnen?

Kosten waren nicht der ausschlaggebende Punkt. Wir investieren, um Ressourcen zur Verfügung zu stellen und um die Möglichkeiten am Puls der Zeit zu haben. Der Return für die Teilnehmer ist, dass sie ihre Handelsmodelle weiterhin führen können. Da steht der Synergieeffekt im Vordergrund. Bei uns steht der Erhalt der Spitzenposition im Vordergrund. Ressourcentechnisch kann man davon ausgehen, dass für uns fünf bis zehn Mannjahre in das Projekt einfließen. Explizite Kosten für die Teilnehmer scheinen da nicht auf. Auch für beide Systeme, die derzeit ja parallel laufen, muss auch nur eine Anbindungsgebühr bezahlt werden. Generell ist die Wiener Börse, was IT- bzw. Systemkosten anbelangt, sehr schlank aufgestellt. Etwa ein Drittel des Personals sind in der Technik. 

Was müssen Sie an die Deutsche Börse, die das System ja entwickelt hat, zahlen?

Wir haben uns ja auch andere Systeme, z.B. von der Londoner Börse oder der Euronext, angesehen und evaluiert. Dabei spielten Kosten auch eine Rolle, aber die sind bei allen drei im ähnlichen Bereich. Was letztendlich den Ausschlag gegeben hat, sind die langjährigen guten Erfahrungen, die wir mit der Deutschen Börse hatten. Auch die geringeren Umstellungskosten, die unsere Teilnehmer haben, waren wesentlich, und das spielte bei der Überlegung ebenfalls eine Rolle. Für die Broker ändert sich nichts und auch für die Partnerbörsen, mit denen wir ja langfristige Verträge haben, bleibt alles gleich. Alle profitieren davon, dass sie ihre Infrastruktur modernisieren und schmaler aufstellen können. 

Mit dem neuen System hat man ja auch auf den zunehmenden Hochfrequenzhandel reagiert.

Der Druck von den anderen Börsen war da hoch: Xetra ist seit etwa 17 Jahren in Betrieb, es ist stabil und für den normalen Handel ausreichend. Für den Hochfrequenzhandel aber nicht. Die Deutsche Börse hat dann vor einigen Jahren entschieden, ihre Infrastruktur komplett zu modernisieren. Das neue System ist viel schmaler und viel schneller. Wir sprechen da von mindestens einem Faktor 10, und auch vom Betrieb her viel kontrollierbarer, sprich besser zu monitoren und zu managen. Deshalb profitieren am meisten die Hochfrequenzhändler davon.

Wie stehen Sie zu dem Thema Hochfrequenzhandel?

Ich bin da neutral bis positiv eingestellt. Es ist eine natürliche Entwicklung.  Wir bekommen etwa 80 Prozent der Umsätze aus dem Bereich Algo-Trading bzw. diesen automatisierten Handelsformen. Für uns ist das insofern auch wichtig, weil der moderne Hochfrequenzhandel dafür sorgt, dass die Orderbücher extrem tief und die Spreads sehr eng sind. Und über eine Flusskontrolle können wir auch jederzeit sicherstellen, wenn ein Hochfrequenzhändler über die Stränge schlägt, und das System ausser Kontrolle gerät, dass der Strom sehr elegant eingeschränkt wird, so dass die anderen Marktteilnehmer nicht gestört werden. Aus technischer Sicht ist das kein Thema für uns. Wir bieten alle möglichen Formen des Marktzugangs an. Am Ende des Tages kochen alle nur mit Wasser und es sind ja auch bei den Investmentfirmen Leute dahinter, die diese Ströme kontrollieren. Dass es heute viel schneller geht und mit anderen Mitteln, ist einfach der Zug der Zeit.

Das Thema wird ja auch kritisch gesehen.

Die Regulatoren sind schon auf den Zug aufgesprungen und haben erkannt, dass man hier andere Ansätze der Regulierung wählen muss. Wir arbeiten hier mit der FMA eng zusammen.  Es geht darum, dass beim Handel Irregularitäten überwacht und eingeschränkt werden. Das kann bei Hochfrequenzmodellen genauso passieren, wie bei normalen Modellen. Die Behörde, und wir auch, sind sensibilisiert und unsere wichtigste Aufgabe ist natürlich, die Fairness und die Transparenz sicherzustellen.

Kommen wir zu einem anderen Thema: Der Gründergeist ist derzeit extrem hoch ausgeprägt. Beobachten Sie das? Auch in Hinblick auf etwaige ergänzende Geschäftsmodelle für die Wiener Börse?

Ja, wir sehen uns das sehr genau an und es gibt immer wieder Anknüpfungspunkte. Und zwar auf verschiedenen Ebenen, z.B. auf der funktionalen Ebene aber auch auf der technischen Ebene. Wir sind z.B. von einem österreichischen Startup kontaktiert worden, ob wir nicht deren Software benutzen wollen. Wir haben diskutiert und herausgekommen ist jetzt, dass wir das Unternehmen in Kapitalfragen beraten. Wir sind mit unserem Beraterteam in der Lage, Netzwerke zu nutzen, und in der Lage hier zu helfen. Und das machen wir gerne. Wir machen ja immer wieder IPO-Workshops und wollen die Unternehmen mit unseren Mitteln begleiten. Das Thema Kapitalmarkt ist wichtig für die gesamte Wirtschaft. Die Startups gehören dazu, sie schaffen Arbeitsplätze und sorgen für Wertschöpfung.  Es sind jetzt nicht immer gleich Börsekandidaten darunter, aber die Finanzierungserfordernisse dieser Unternehmen sind evident und wir als Teil des Kapitalmarktes unterstützen mit unseren Mitteln. 

Könnten Sie sich ein eigenes Startup-Segment an der Börse vorstellen?

Wir schauen uns alle Möglichkeiten sehr genau an. Was dabei herauskommt ist komplett offen. Erfolgreiche Modelle in diesem Bereich sind immer sehr lokal. Das hängt mit der Investmentmentalität zusammen. Was in Schweden funktioniert, muss nicht unbedingt auch in Griechenland funktionieren. So muss jedes Land seinen eigenen Weg definieren, wie man am besten diese Unternehmen fördert.

Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie für die T7-Umstellung Personal aufstocken mussten. Jetzt hört man immer wieder, dass es in Österreich einen IT-Fachkräftemangel gibt. Merken Sie etwas davon?

Das ist in der Tat ein Problem. Wir haben für die Umstellung auf das T7 Handelssystem deshalb auch Personal aus dem Ausland holen müssen. Viele Firmen lagern aus und müssen auf Ressourcen in beispielsweise Tschechien, der Slowakei oder anderen Ländern zurückgreifen. Das hat nicht nur mit dem Lohnniveau zu tun, sondern auch aufgrund eines Mangels an Fachkräften in Österreich. Wir haben kürzlich Programmierer gesucht und mussten feststellen,  dass die Suche länger dauert, weil es einfach wenige Kandidaten gibt.  Es gibt zu wenig Personal in dem Bereich, die Ausbildungskapazitäten sind nicht adäquat aufgestellt. Ich meine, man sollte schon im Laufe der Schulzeit an der Wertschätzung und der Vermittlung von technologiebasierten Inhalten arbeiten.

Welche weiteren technischen Projekte gibt es an der Wiener Börse?

Da gibt es genug: Etwa 60 Prozent der Projekte betreffen die bestehende Infrastruktur a jour zu halten und Maßnahmen zu setzen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Und 40 Prozent betreffen neue Projekte, wie wir jetzt etwa im Zuge der MiFID-Einführung haben. Bei dieser müssen ja Banken zwingend ihre OTC-Geschäfte melden. Da wollten wir von Anfang an dem österreichischen Markt eine attraktive Lösung anbieten und das machen wir auch. Im Zuges dessen haben wir auch neue Kunden aus dem Bankensektor gewinnen können, die nicht am Kapitalmarkt über uns aktiv sind.  Dann wollen wir selbstverständlich auch unsere sonstigen IT-Services weiter ausbauen  und mit mehr Funktionalität ausstatten und idealerweise zu attraktiven Preisen verkaufen. 

Sie haben das Thema Sicherheit angesprochen. IT-Security ist ja speziell in ihrem Bereich extrem wichtig.

Für uns als Börse ist es natürlich zentral, die Sicherheit zu gewährleisten. Das ist ein Riesenthema. Wir haben auch täglich Versuche bei uns einzudringen. Deshalb investieren wir hier sehr viel. Wir müssen die Verfügbarkeit garantieren und immer unsere Rolle als Marktplatz für österreichische Aktien ausführen können.

Ein aktuell ziemlich präsentes Thema ist die Blockchain-Technologie. Gibt es hier auch für die Wiener Börse eine Einsatzmöglichkeit?

Wir beobachten alle Entwicklungen in die Zukunft und evaluieren. Aber der Marktreifegrad von Blockchain ist lange noch nicht gegeben. Und ob es das richtige Konzept ist, steht noch nicht wirklich fest. Aufgrund der Struktur von Blockchain ist es so, dass beispielsweise der Stromverbrauch enorm ansteigen wird. Und irgendwann wird man hier an physikalische Grenzen stoßen, dann wird es extrem heikel. Das Prinzip selber ist interessant. Der Weg von einer zentralen Infrastruktur in eine dezentrale Infrastruktur ist viel aufwendiger zu betreiben. Wir sind hier noch sehr am Anfang. Das Thema ist insgesamt sehr US-getrieben, die Amerikaner glauben fest daran. Ich bezweifle es.  Das System braucht meiner Meinung nach mindestens noch fünf bis zehn Jahre. Der erste Nachdenkpunkt wird dann kommen, wenn Bitcoin platzt. Für mich ist das unvermeidlich. Das ist meiner Meinung nach keine gesunde Kursentwicklung einer Währung. Wenn man diese explodierenden Kurse von Bitcoin sieht, heisst es, dass dahinter reine Spekulation steckt. Und das kann meines Erachtens nicht gut gehen. Ob die Blockchain-Technologie, die hinter der Kryptowährung steht, dann so ein Low überlebt,  wird man sehen.

Apropos USA. Sie bieten jetzt auch US-Aktien und deutsche Aktien zum Handel an der Wiener Börse an. Wie wird das Angebot von den Anlegern angenommen?

Das wird sehr positiv angenommen. Das Global Market-Segment macht bereits ähnliche Umsätze wie der Zertifikate-Handel, der sehr etabliert ist. Es ist zwar ein relativ kleines Niveau, aber entspricht genau dem, was wir erwartet hatten. Ich bin selbst sehr überrascht, wie gut das angenommen wurde. Sowohl von Privaten, als auch von Institutionellen. Natürlich wollen wir immer mehr sehen, aber im Vergleich zu anderen Markteinführungen ist das echt genial gestartet. Und ich darf schon ankündigen: Es geht noch weiter. Wir werden weitere Märkte hereinnehmen, es kommt noch einiges mehr dazu.

 Vielen Dank für das Gespräch!  

Text: Christine Petzwinkler  

Fotos: Michaela Mejta

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(August 2017)





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