07.02.2017, 4206 Zeichen
Unsere Welt ist um eine Erfahrung reicher geworden. Wahlen gewinnt man nicht mehr so wie früher. Die Digitalisierung hat zugeschlagen. Wer sie ignoriert verliert. Und die Wirtschaft wird sich daran noch mehr anpassen.
Schön langsam dämmert es, warum zuletzt so viele Wahlen entgegen den Erwartungen von Meinungsforschern geendet haben. Brexit oder Trump sind solche Beispiele. Das war kein Zufall. Das war harte Arbeit. Arbeit unter professionellster Nutzung der Daten, die wir alle im Netz hinterlassen. Unsere Spuren im Netz. Die „Likes“ und Clicks, die Cookies und Banners, die Smileys und „Lol’s“, die Zeitabstände der Tastenanschläge oder die Geschwindigkeit der Mausbewegungen. Alles im Netz. Alles gespeichert. Alles bereit genutzt zu werden. Jeder, der will und zahlt, kann das. Es war nur mehr eine Frage der Zeit bis die Politik dieses so oft verwendete Synonym „Big Data“ auch für sich entdeckt und nutzt. Wie das geht? Nun es geht doch darum unsere Verhaltensmuster zu entschlüsseln. Unsere Ängste, Sorgen, Wünsche und Begehren zu erfahren. Wir sind es doch von der Politik gewohnt, die Interessen ihrer jeweiligen Wählerschichten adressiert zu sehen, oder? Das wird heute aber nicht mehr mittels Pauschalzuordnung gemacht, sondern da helfen uns die braven Facebooks, Googles und Co, damit wir auf die Sprünge kommen und wirklich erfahren, was jeder Einzelne von der Welt will. Wer sich ein wenig Zeit nimmt und den unten angeführten Link nutzt um einen Artikel zu lesen, der wird vielleicht überrascht sein, was denn mittlerweile alles möglich ist. Selbst wenn ein solcher Artikel natürlich die eine oder andere aufrüttelnde Tangente spielt um Aufmerksamkeit zu erregen, so ist der Kern der Aussage markant. Wie weit uns der „Große Bruder“ Big Data bereits kennt und uns diesbezüglich punktgenau emotional abholt. Macht nachdenklich.
Aber hier endet es nicht. Und weil dies hier ein Kapitalmarkt-Blog ist, sei durchaus weiter gedacht. Was hier bei Trump & Co scheinbar so gut funktioniert hat, ist in der Wirtschaft bereits Realität. Jeder, der sein Verhalten im Internet beobachtet, wird merken, wie genau die Werbebanner am Rande der gesuchten Seiten auf sein Internetverhalten angepasst sind. Wie schnell das inzwischen geht. Wie bereits nach Sekunden das gesuchte Thema in Form eines Kaufangebots irgendwo aufpoppt. Und das ist ja nur „die Spitze von Grönland“. Wer Versicherungen, Banken und Marketingunternehmen beobachtet, erkennt, dass deren Investitionen genau in diese Richtung bereits gehen. Ja sogar gehen müssen. Jeder Versuch mit althergebrachten Methoden Geschäftswachstum zu erzeugen, scheitert kläglich am Wachstum und an der effizienteren Interpretationsmöglichkeit der freiwilligen Daten im Netz. Am Nutzen der User im Internet lesen sich die unterschiedlichsten Begehren und Ängste ab. Auf all dies kann man punktgenaue Produktlösungen erzeugen. Ohne Vertriebskosten, denn die platziert man, exakt, wieder im Internet. Und am Kapitalmarkt fließt dies alles inzwischen mehr und mehr in die Bewertungen ein.
Bis jetzt war all dies mit dem Nimbus des „mündigen Konsumenten“, der eh erkennt woher die Werbung stammt und der sich in seinem Verhalten objektiv gegenüber diesen Angeboten positioniert, verbunden. Inzwischen aber eine gefehlte Annahme. Man kann nämlich mittlerweile das Profil von uns Informations-Konsumenten so weit analysieren, dass wir uns fast nicht mehr dagegen wehren können. In einem solchen Umfeld tritt ein Wettrennen in Gang, das wir vordergründig gar nicht sehen. Nämlich, Wer nutzt Big Data effizienter als der Andere. Wer schafft den Abschluss. Wer holt sich das Kreuzerl am Wahlzettel. Wer kontrolliert und nutzt unsere Begehren am schnellsten und besten. Klingt alles ein wenig nach Internet-Paranoia. Ist vielleicht auch etwas davon dabei. Mir würde es nur echten Spaß bereiten, sollten sich, und das ist demnächst zu erwarten, zwei konträre politische Lager mit denselben Mitteln via Big Data bekämpfen. Könnte absurde Ergebnisse erzeugen. Das könnte dann aber auch der Wirtschaft und parallel dazu dem Kapitalmarkt ein Signal und ein analytisches Ausrufezeichen sein.
https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/
BörseGeschichte Podcast: Wolfgang Matejka vor 10 Jahren zum ATX-25er
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