06.05.2018, 6192 Zeichen
In der sogenannten Staatsaffäre um Hausdurchsuchungen und Suspendierungen im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) taucht auch die deutsche Privatagentin Christina Wilkening auf. Welche Rolle spielte die derzeit wegen Bestechung inhaftierte Nachrichtenhändlerin als Quelle für Polizeieinrichtungen und Nachrichtendienste? Und warum stellte die Dame, die bei der Stasi auf den Codenamen „Nina“ hörte, ihre Dienste immer wieder österreichischen Großkunden – von OMV bis zur Vienna Insurance Group, von Dmitry Firtash bis zum unmittelbaren Umfeld von Alfred Gusenbauer – zur Verfügung? Eine Spurensuche im Geheimdienst-Milieu.
Am Ende des Tages wird die Geschichte der sogenannten Staatsaffäre eine andere sein. Und nur mehr am Rande mit jenem Narrativ zu tun haben, das derzeit rund um die Ermittlungen im Innenministerium und im dazugehörigen Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, kurz BVT, dominiert. Womöglich taucht noch ein ehemaliger Minister auf, der ein Waffengeschäft mit einer ehemaligen Sowjetrepublik einfädeln wollte. Womöglich werden die Details eines Öldeals zutage gefördert, die sich in einem Rechtsstaat westeuropäischer Prägung nicht nur nicht geziemen, sondern auch noch gegen Vorschriften verstießen. Und wahrscheinlich wird sich dann auch ein Spitzenfunktionär aus der Wirtschaft, der bei dutzenden zweifelhaften Geschäften in vornehmlich autokratischen Staaten als Vermittler seine Mitschnitte machte, in seinem Ruhestand die Frage stellen, warum er nicht früher eine Ruhe gegeben hat.
Codename Nina
In der seit Herbst 2017 laufenden Berichterstattung über mutmaßliche Missstände und Fehlentwicklungen im BVT, die zu einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss führen werden, wird ein Name nahezu ausgespart, ja nicht einmal ansatzweise beleuchtet: Die Rolle von Christina Wilkening, 71, Stand April 2018 in Haft, die sich in Wien nicht nur in den Dienst von BVT, Bundeskriminalamt und Heeresabwehramt stellte, sondern auch allen möglichen Privatagenten, die offiziell unter dem Deckmantel Unternehmensberater agieren und in Zigarren-Lounges sitzen, als Quelle nachrichtendienstlichen Ursprungs diente. „Nina“, wie sich Wilkening seit ihrer Zeit als Inoffizielle Mitarbeiterin – kurz: IM – der Staatssicherheit – kurz: Stasi – im DDR-Regime nannte, war in Österreich seit den 1990er-Jahren aktiv. Indirekt, also über Vermittler, für die OMV, die Vienna Insurance Group und einen Glücksspielkonzern. Für Dmitry Firtash, Vertraute von Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer, den Anwalt Gabriel Lansky und für Johann Pleininger, der seinen beachtlichen Aufstieg zum Vorstand des österreichischen Mineralölriesens OMV wohl auch zu einem Teil dem Geschick der umtriebigen Nachrichtenhändlerin verdankt.
Was kann Frau Wilkening? Wie konnte die Dame ihre Stasi-Vergangenheit monetarisieren? Wann begann sie, die in Ostberlin, Karlshorst, aufwuchs, Grenzen zu übertreten, indem sie etwa zum Zwecke der Informationsgewinnung einen Beamten des Landeskriminalamts Mecklenburg-Vorpommern teuer bezahlte – er wurde dafür verurteilt – und auch mit einem BVT-Inspektor aus Wien kooperierte?
Journalistin – und Stasi-Informantin
Alles begann lange vor der Wende, in den 1980er-Jahren, als Christina Wilkening in der Deutschen Demokratischen Republik Journalistin war – und Informantin für das Regime, ganz sauber ließ sich das damals wohl nicht trennen. Nach dem Mauerfall widmet sich Wilkening als Autorin in zwei Büchern offensiv dem Thema Stasi („Staat im Staate“ und „Ich wollte Klarheit: Tagebuch einer Recherche“), nebenher fällt sie als Rechercheurin auf – und als Filmemacherin rund um den ominösen Todesfall des Uwe Barschel, der unter bis heute ungeklärten Umständen in einer Badewanne des Genfer Luxushotels Beau Rivage starb. Auffällig dabei: Wilkenings gute Kontakte zur Ostspionage. Mehrmals legte sie bei Einvernahmen als Zeugin in der Causa Barschel geheimdienstliche Dokumente der Stasi vor, zu denen die Ermittler selbst damals keine offiziellen Zugänge gehabt hatten.
Ihre besonderen Zugänge sind es auch, die sie für Geheimdienste interessant machen. Und die ihr gleichzeitig eine Zukunft im Journalismus verwehren, als die Stasi-Vergangenheit in Deutschland, allen voran vom „Spiegel“, breit medial thematisiert wird.
Immer wieder Wien
Nach Wien führten Wilkening Anfang der 1990er-Jahre Filmrecherchen für MDR und ORF, zu einer Firma, die als Geldwaschmaschine für rasant reich gewordene Osthändler diente. Mit der Zeit fand sie hier eine Reihe von Geschäftspartnern, über die sie hochkarätige Aufträge im nicht journalistischen Bereich lukrieren konnte: Aufträge, die eher der Tätigkeit einer Geheimagentin entsprachen.
Ihre unmittelbaren Geschäftspartner waren in den Jahren vor ihrer Festnahme im Jahr 2016 private Sicherheitsberater und Anwälte, die ihrerseits Auftragnehmer von Konzernen oder reichen Privatpersonen waren. Meist weilte „Nina“ einmal im Monat in der Stadt, manchmal seltener, manchmal öfter. So hielt sie es bis zum Finale ihrer zweifelhaften Karriere, als im Frühjahr 2016 die Polizei vor der Tür stand - und zwar nicht nur vor ihrer.
Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht unter https://www.addendum.org/spionage/christina-wilkening/
Optionale Inhalte:
Key Player:
Uwe Barschel, Ministerpräsident Schleswig-Holstein 1982 – 1987
Der 1944 geborene CDU-Politiker Uwe Barschel war von 1982 bis 1987 Ministerpräsident in Schleswig-Holstein. Kurz vor der Wahl 1987 deckte das Nachrichtenmagazin Spiegel auf, dass Barschel und sein Medienreferent eine Verleumdungskampagne gegen den SPD-Herausforderer Björn Engholm initiiert hatten. Die CDU verlor daraufhin bei der Wahl die Absolute, Barschel trat zurück. Am 11. Oktober 1987, einen Tag bevor Barschel vor einem Untersuchungsausschuss des Landtages in seiner Heimat aussagen hätte sollen, wurde er von Stern-Reportern tot in der Badewanne seines Zimmers im Hotel Beau Rivage in Genf gefunden. Von offizieller Stelle war von einem Suizid die Rede. Ob das den Tatsachen entsprach, ist bis heute ungeklärt.
Kernaussagen:
Die deutsche Privatagentin Christina Wilkening taucht in jenem Dossier auf, das die BVT-Affäre ins Rollen brachte. Eine Spurensuche im Geheimdienst-Milieu.
Private Investor Relations Podcast #24: Veronika Rief in der Philosophie-Viertelstunde über Nachhaltigkeitsberichterstattung im Finanzwesen
Bildnachweis
Aktien auf dem Radar:AT&S, OMV, Lenzing, Amag, EuroTeleSites AG, Zumtobel, Österreichische Post, DO&CO, Josef Manner & Comp. AG, Rath AG, RBI, Semperit, Warimpex, Telekom Austria, BKS Bank Stamm, Oberbank AG Stamm, Austriacard Holdings AG, Agrana, CA Immo, EVN, Flughafen Wien, Frequentis, CPI Europe AG, Verbund.
Random Partner
Österreichische Post
Die Österreichische Post ist der landesweit führende Logistik- und Postdienstleister. Zu den Hauptgeschäftsbereichen zählen die Beförderung von Briefen, Werbesendungen, Printmedien und Paketen. Das Unternehmen hat Tochtergesellschaften in zwölf europäischen Ländern.
>> Besuchen Sie 59 weitere Partner auf boerse-social.com/partner
Latest Blogs
» Österreich-Depots: Rekord (Depot Kommentar)
» Börsegeschichte 5.2.: Wolfgang Eder, Polytec (Börse Geschichte) (BörseGe...
» Nachlese: Wolfgang Matejka (audio cd.at)
» Wiener Börse Party #1088: ATX heute schwächer, Addiko Bank gesucht, Edi ...
» PIR-News: Research zu Semperit, Post eröffnet in Linz, Erste Group finan...
» Schnellster Runder-Marken-Sprung im ATX TR finished (Christian Drastil)
» Wiener Börse zu Mittag leichter: Addiko Bank und FACC gesucht
» Börse-Inputs auf Spotify zu u.a. ATX TR 14.000, BASF, Brenntag, Wolfgang...
» ATX-Trends: AT&S, Erste Group, OMV, Lenzing ...
» Österreich-Depots: Wieder Rekord (Depot Kommentar)
Useletter
Die Useletter "Morning Xpresso" und "Evening Xtrakt" heben sich deutlich von den gängigen Newslettern ab.
Beispiele ansehen bzw. kostenfrei anmelden. Wichtige Börse-Infos garantiert.
Newsletter abonnieren
Runplugged
Infos über neue Financial Literacy Audio Files für die Runplugged App
(kostenfrei downloaden über http://runplugged.com/spreadit)
per Newsletter erhalten
- Wie Rath AG, Semperit, Josef Manner & Comp. AG, W...
- Wie RBI, Verbund, Bawag, voestalpine, SBO und Len...
- Strabag erhält Straßenbau-Aufträge in Polen im We...
- Österreich-Depots: Rekord (Depot Kommentar)
- Börsegeschichte 5.2.: Wolfgang Eder, Polytec (Bör...
- EZB lässt Leitzins bei 2 Prozent
Featured Partner Video
SportWoche-Podcast: Medien und Marketing im Profisport feat. Hans Huber und Hannes Roither (Maxim Petzwinkler)
Die heutige Folge wird nicht wie gewohnt von Christian Drastil, sondern von mir, Maxim Petzwinkler, im Rahmen meiner ABA moderiert. Thematisch dreht sich alles um Medien und Marketing im Profisport...
Books josefchladek.com
Yasuhiro Ishimoto
Someday Somewhere (Aru hi aru tokoro, 石元泰博 ある日ある所)
1958
Geibi Shuppan
Otto Wagner
Moderne Architektur
1902
Anton Schroll
Claudia Andujar
Genocídio do Yanomami
2025
Void
