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Facebook: Lieber User als Aktionär

Magazine aktuell


#gabb aktuell



24.05.2012, 3090 Zeichen

Ich gestehe gleich zu Beginn: Das IPO von facebook hat mich als Investor nicht wirklich interessiert. Trotz oder wohl gerade auch wegen des medialen Hypes. Denn echte Informationen waren ziemlich rar, und sind es bis heute.

Wer auf der Firmenwebsite von facebook (ja, die gibt es tatsächlich auch, wenn auch nicht als timeline ;-) nämlich harte Financial Facts sucht, sucht vergeblich. Man bekommt die üblichen und durchaus beeindruckenden Zahlen über User, wie z.B. 901 Mio. im März 2012, davon 80% außerhalb Nordamerikas, 125 Mrd. (!) Freundschafts-Verbindungen, 3,2 Mrd. "gefällt mir" oder Kommentare pro Tag im q1 2012 und die Verfügbarkeit von fb in 70 Sprachen. Klingt gut, ist es aber auch gut?

Dazu gibt http://investor.fb.com/index.cfm aber leider keine Information. Klickt man auf die Seite "earnings" kommt folgender Content: "Earnings information is not available at this time."

Hofft man vielleicht unter "financial information" etwas mehr Information zu bekommen, dann kommt eine Variante der obigen Meldung: "There are no reports available at this time."

Mag sein, dass sich all diese Information im Börseprospekt finden, der ist allerdings nicht auf der IR-Site bereitgestellt, sondern könnte bei Morgan Stanley & Co. LLC oder J.P. Morgan Securities LLC telefonisch, schriftlich oder sogar per Email angefordert werden. Dass es auch einfacher gehen würde, nämlich über den Unter-Menüpunkt "SEC filings" wird seltsamerweise verschwiegen, aber gut, selbst ist der Mann/die Frau und so findet man den Prospekt doch, und kann sich durch 213 Seiten wühlen, wenn man denn an der Aktie interessiert wäre.

Mir genügt ein Blick auf Seite 10, auf die Zusammenfassung der Finanzzahlen. Der Gewinn je Aktie lag zwischen US $ 0,12 und US $ 0,52 (2009 vs. 2011) und im 1. Quartal 2012 bei US $ 0,10 nach US $ 0,12 im q1 2011, hochgerechnet auf das Jahr also bei US $ 0,40 bis US $ 0,45. Bei einem Emissionskurs von US $ 38 reden wir also von einem KGV in der Größenordnung von 85 bis 94, und selbst auf dem Niveau des Gewinns 2011 von 73.

Mag sein, dass die begleitenden Investmentbanken das IPO ein wenig geschönt haben. Dafür wurden sie vom Emittenten auch bezahlt und beauftragt. Aber die Grundrechenarten sollten jedem Investor selbst zumutbar sein. Und selbst bei einer durchaus möglichen Wachstumsstory sind derartige Bewertungsniveaus sehr optimistisch, um es einmal vorsichtig zu formulieren. Typisch USA, dass nun schon vier Tage nach dem IPO erste Schadenersatzklagen in den Raum gestellt werden. Man kann dort auch klagen, wenn man sich an einem heißen Kaffee verbrennt, oder die Katze in die Mikrowelle steckt, aber vorab keine entsprechenden Risikohinweise des Produzenten erhalten hat. Die Klage hätte man sich sparen können, wenn man, so wie ich, fünf Minuten lang in den Prospekt geschaut hätte, und eine Limitorder in der Größenordnung von US $ 25 - 30 platziert hätte. Oder gewartet hätte, bis dieses Kursniveau erreicht wird (das hat gar nicht so lange gedauert). Oder man wäre einfach (so wie ich) einer von 901 Mio. Usern geblieben, statt Aktionär um jeden Preis zu werden.

 



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