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Größte Leistung, heftigste Diskussion (Vienna City Marathon)

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11.08.2016, 11109 Zeichen

Laufen oder nicht laufen: Das olympische 800-m-Rennen der Frauen und die programmierte Siegerin Caster Semenya werden bei den Sommerspielen für Turbulenzen sorgen

Prognosen können weit daneben liegen, aber wenn sich im Sport irgendetwas vorhersagen lässt, dann das: Caster Semenya gewinnt in Rio Olympiagold im 800-m-Lauf der Frauen. Möglicherweise läuft die 25-jährige Südafrikanerin Weltrekord und erbringt eine der größten sportlichen Leistungen der Sommerspiele. Die entstehende Diskussion wird heftig ausfallen. Es geht um Fragen wie: Wann ist eine Frau eine Frau? Warum darf sie überhaupt starten? Und: Wie soll man mit Menschen umgehen, die nicht in die Standard-Definition von männlich oder weiblich passen?

Prime-Time des Körperkults

Für Hobbymarathonläufer sind 800 Meter sowas wie eine Kinderlaufdistanz. Bei Olympischen Spielen zählt diese Strecke aber zu den Highlights des Programms. Zwei Stadionrunden, in denen Schnelligkeit, Ausdauer, Laktat-Toleranz, Taktikverständnis und mentale Härte gefragt sind. Caster Semenya startet mit ihrem 800-m-Vorlauf am 17. August und läuft das Finale am 20. August. Spätestens dann wird das Thema hochkochen. Die weltweit überlegene Mittelstreckenläuferin des Jahres ist eine Intersex-Athletin. Durch „Hyperandrogenismus“ hat sie auf natürliche Weise deutlich mehr Testosteron im Körper hat, als bei Frauen üblich. Dafür kann es mehrere Ursachen geben. Semenya ist kräftig und hat eine tiefe Stimme. Vor allem war sie heuer klar schneller als alle anderen Mittelstreckenläuferinnen. „Zu schnell, um eine Frau zu sein?“, fragte eine TV-Doku von BBC schon vor Jahren. Auf der olympischen Bühne, der Prime-Time des Körperkults, steht unversehens die Geschlechteridentität zur Diskussion. Das russische Staatsdoping und der folgende schwere Glaubwürdigkeitsverlust des IOC haben die Diskussion darüber vorerst im Schlaf gelassen.



Mehrere Medaillen für Intersex-Athletinnen?

„Ich habe die Befürchtung, dass die Olympischen Spiele durch das Schreckgespenst von Intersex-Athletinnen überschattet werden, welche einige Frauenbewerbe in der Olympischen Kernsportart dominieren. Und leider wird die Öffentlichkeit diesen Athletinnen Vorwürfe machen, obwohl ihr einziges Vergehen darin besteht, mit den Geschenken, die die Natur ihnen gegeben hat, an den Start zu gehen“, sagtJoanna Harper, eine kanadische Medizinerin, Transgender-Person und frühere Leichtathletin. Sie hält es sogar für möglich, dass alle drei Olympiamedaillen im 800-m-Lauf von Intersex-Athletinnen gewonnen werden. Dabei ist immer wieder von Francine Niyonsaba aus Burundi und Margaret Wambui aus Kenia die Rede, obwohl über deren Status, anders als bei Semenya, offiziell nichts bekannt ist. Harper sieht auch in anderen Sportarten Medaillenkandidatinnen, deren Geschlecht nicht eindeutig festzulegen ist. Die Biologie trennt eben nicht glasklar. Es gibt mehrere Millionen Menschen auf der Erde, die trotz Y-Chromosom nicht eindeutig als Mann oder Frau festgelegt werden können. Einige davon sind in Rio am Start. Das grundsätzlich erfreulich, weil der Sport alles andere als diskriminieren soll. Kompliziert wird es jedoch, wenn das Antreten von wenigen Intersex-Athletinnen zum Nachteil für die übrigen Sportlerinnen wird.

Vorteil durch Testosteron

Die für viele Experten entscheidende Grenzlinie ist das Testosteron, ein Schlüsselfaktor für die körperliche Leistungsfähigkeit. Sportliche Spitzenleistungen von Männern sind den Spitzenleistungen von Frauen immer überlegen, hauptsächlich wegen des Hormonhaushalts, der die Körper von Mädchen und Burschen mit Beginn der Pubertät verändert. Würde man den Sport nicht in Männer- und Frauenbewerbe teilen, könnten Frauen nie an Olympischen Spielen teilnehmen, weil sie die Qualifikationsleistungen gar nicht schaffen würden. Hat Caster Semenya also einen uneinholbaren und ungerechtfertigten Vorteil gegenüber den meisten ihrer Konkurrentinnen? Die Spitzenathletin hat eine Odyssee von entwürdigenden Diskussionen und sensationsheischenden Schlagzeilen rund um ihr Geschlecht hinter sich. Doch die Sportwelt weiß immer noch nicht, wie sie mit ihr umgehen soll.

Frau, die nicht bei den Frauen starten soll

„Caster Semenya identifiziert sich als Frau. Nur sie selbst und niemand anderer kann das machen. Aber meine Überlegung ist, wenn jemand sich als Angehörige eines Geschlechts identifiziert, dass sie nicht notwendigerweise auch bei Wettkämpfen dieses Geschlechts mitmachen darf“, sagt der südafrikanische Sportwissenschaftler Ross Tucker. Im Fall von Caster Semenya hieße das: Man soll ihr soziales Geschlecht als Frau anerkennen, aber von Frauensportbewerben wäre sie aufgrund ihrer Vorteile auszuschließen. Das würde in der Praxis jedoch den Ausschluss von Sportwettkämpfen generell bedeuten. Denn im Vergleich mit männlichen Spitzenläufern wäre Caster Semenya ohne Chance.

Olympisches Dilemma

Heikles Terrain, das vor vollen Tribünen in Rio und den Augen der Weltöffentlichkeit betreten wird. Dazu kommt, dass bei Semenya neben der Favoritenrolle über 800 Meter auch ein neuer Weltrekord in der Luft liegt. Denn sie hat ihre Rennen heuer so dominant und zugleich mühelos gewonnen, dass ihr Experten zutrauen, den 33 Jahre alten Weltrekord von Jarmila Kratochvílová aus Tschechien anzugreifen. Deren Zeit von 1:53,28 Minuten ist eine seit 1983 unerreichte Bestmarke aus der Hochblüte des Kalten Doping-Krieges. Einfach drüber hinwegsehen und sich über eine unglaubliche sportliche Leistung freuen, wird nicht funktionieren. Aber soll man jemand wegen seiner natürlichen Voraussetzungen kritisieren oder sanktionieren? Kann man vorschreiben, wie er oder sie zu sein und auszusehen hat? Aufgrund welcher Vorstellungen oder Vorurteile, aufgrund welcher Ideale oder Ideologien? Ist es anders betrachtet nicht sogar ein moralischer Auftrag, ihr die Teilnahme zu verbieten, um Fairness für alle übrigen Frauen zu gewährleisten? Wird sonst eine kleine Gruppe genetisch außergewöhnlich disponierter Personen die Leistungsspitze im Frauensport revolutionieren, während der große Rest „normaler“ Frauen keinen Blumentopf mehr gewinnen kann? Wird man diese potentiellen Superathletinnen für die Produktion von sportlichen Sternstunden gezielt suchen – oder zukünftig die Voraussetzungen dafür im Labor schaffen – und ein Businessmodell daraus machen?

Erfolg und Alptraum

2009 hat Caster Semenya, damals 18-jährig, bereits den Weltmeistertitel gewonnen. Für die Südafrikanerin bedeutete ihr bislang größter Erfolg zugleich den Beginn eines Alptraums. Ihre privatesten Bereiche und die Frage nach ihrer persönlichen Identität wurden in den Weltmedien und am Boulevard ausgebreitet, nachdem der Leichtathletik-Weltverband IAAF in einem veritablen PR-Desaster Zweifel an ihrem Geschlecht öffentlich gemacht hat. „Sie ist eine Frau, aber vielleicht nicht zu 100 Prozent“, orakelte der damalige IAAF-Generalsekretär Pierre Weiss. Die russische Läuferin Maria Savinova, der mittlerweile eine lebenslange Dopingsperre droht, sagte abwertend: „Schau sie nur an …“ Für Skepsis sorgte zudem, dass Semenya in dieser Zeit vom ehemaligen DDR-Cheftrainer Eckart Arbeit betreut wurde, der jahrelang das staatliche Dopingprogramm exekutierte. Das gewonnene WM-Gold durfte Semenya behalten, aber für die Teilnahme an Wettkämpfen wurde sie vorerst gesperrt. Erst im Juli 2010 hat die IAAF Semenya wieder für Rennen zugelassen. Das Ergebnis ihres Geschlechtstests ist nicht veröffentlicht worden.

Grenzwertregel und ihre Folgen

Im Mai 2011 trat eine neue Regel in Kraft, wonach Frauen mit Testosteronwerten von mehr als 10 Nanomol pro Liter im Blut ihre Werte senken müssen, um keinen unfairen Wettbewerbsvorteil zu haben. Für Männer gelten Werte von 10 – 35 nmol/L als normal, bei Frauen 0,35 – 2,0. Drei Wege standen für Intersex-Athletinnen nun offen. Erstens ein Rückzug aus dem Sport. Zweitens eine operative Behandlung, wie sie bei vier jungen Elitesportlerinnen im Alter von 18 bis 21 Jahren „aus ländlichen oder bergigen Gebieten in Entwicklungsländern“ durchgeführt wurde. Die vier wurden von Sportverbänden in ein französisches Krankenhaus gebracht, um ihren geschlechtlichen Status näher zu untersuchen und ihre Hormonwerte zu reduzieren. Ein 2013 im „Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism” veröffentlichter Fachartikelbeschreibt, dass den namentlich nicht genannten Sportlerinnen operativ innenliegende Hoden entfernt wurden und man ihnen auch die Klitoris verkleinert hat. Es wurde ihnen in Aussicht gestellt, dass sie danach wieder bei Wettkämpfen startberechtigt seien, wenngleich die Operation leistungsmindernd sein würde. Alle hätten nach erfolgter Aufklärung den Eingriffen zugestimmt. Der dritte Weg, um die Testosteronwerte in den erlaubten Bereich zu bringen, lautete Hormontherapie. Caster Semenya wählte diese Möglichkeit und wurde bei den Weltmeisterschaften 2011 und den Olympischen Spielen 2012 dennoch jeweils Zweite. Danach sanken ihre Leistungen deutlich ab.

Regel wurde gekippt – alles ist offen

Seit einem Jahr ist jedoch alles anders. Ein Verfahren vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS, angestrengt von der indischen Sprinterin Dutee Chand, hat aufgrund von wissenschaftlichen Bedenken die Testosteron-Grenzwertregel im Juli 2015 zu Fall gebracht. Zwei Jahre wurden dem Leichtathletik-Weltverband Zeit gegeben, um eine neue Richtlinie zu erstellen oder hinreichende Beweise für die Notwendigkeit der alten Regelung vorzulegen. Doch in der rundum regulierten Olympiawelt, in der selbst Postings und Tweets der Sportler strengen Vorgaben unterliegen, existiert derzeit keine Richtlinie für den Umgang mit Intersexualität. Caster Semenya kann nach Aufhebung der Regel seit gut einem Jahr wieder laufen, so wie sie ist. Und sie läuft schneller als je zuvor. Am 1. August 2015, unmittelbar nach dem Aus für den Grenzwert, ist sie beim „Austrian Top Meeting“ in Linz gestartet. Ihre damalige Siegerzeit von 2:00,72 Minuten ist um mehr als fünf Sekunden langsamer als ihre Bestzeit von 1:55,33 Minuten, die sie heuer am 15. Juli in Monaco gelaufen ist. War diese große und schnelle Steigerung nur die Folge einer überstandenen Knieverletzung, wie ihr Trainer sagt? Das bezweifeln viele und führen die unfaire Wirkung des Testosterons ins Treffen.

Frauensport schützen, Rechte anerkennen – aber wie?

X oder Y. Mann oder Frau. Laufen oder nicht laufen. Die Welt ist bunt, doch Regeln können oft nur Schwarz-Weiß ausfallen. Ein Ausweg aus der komplexen Situation ist nie für alle befriedigend. Joanna Harper hält es für legitim, dass Sportverbände eine Vorgabe anhand von Grenzwerten definieren, wonach Intersex-Personen nur unter bestimmten Voraussetzungen bei Wettkämpfen starten dürfen, weil der sportliche Wettkampf sonst grob verzerrt sei. Das Dilemma dabei bringt sie so auf den Punkt: „Im Kern steht die Frage: Wie unterstützen und schützen wir den Frauensport und erkennen gleichzeitig die Rechte eines marginalisierten Teils der Menschheit an?“

Festzuhalten bleibt: Caster Semenya hat nichts falsch gemacht. Sie ist nur sie selbst.

© VCM News / Andreas Maier
Im Original hier erschienen: Gr??te Leistung, heftigste Diskussion



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