08.08.2019, 7558 Zeichen
Leistungsgesellschaft. Auf der Suche nach News zum aktuellen japanisch-südkoreanischen Handelsstreit bin ich auf den Youtube-Kanal eines jungen Japaners gestoßen, der meint, dass die Wirtschaft der beiden Länder zu stark verflochten ist, die gegenseitigen Boykotte würden Südkorea stärker treffen, da sie dort schon jetzt eine höhere Arbeitslosenrate als in Japan hätten, insbesondere spricht er von "over-education" in Südkorea, im Konkurrenzkampf um die höchsten Studienabschlüsse gäbe es so viele, die nach dem Studium keinen Arbeitsplatz fänden, daher sei die Suizidrate in Südkorea höher als in Japan. Das war für mich überraschend, denn viele Jahre lang las man in den Zeitungen vom absoluten Suizidspitzenreiter Japan (eben wegen der Leistungsgesellschaft), dicht gefolgt von Finnland, Ungarn und Österreich. Ich habe mich jetzt im Internet schlau gemacht und vielerlei Informationen gefunden, viele davon beziehen sich auf eine WHO-Statistik aus 2012. Ich denke, dass man über dieses Thema absichtlich nicht so viele Daten zur Verfügung stellen will. Wenn ich diese nun doch auch schon in die Jahre gekommene offizielle Statistik zu Rate ziehe, zeichnet sich dennoch ab, dass die Aussage stimmen könnte. Die Rate in Südkorea dürfte um etwa die Hälfte höher sein als in Ländern wie Ungarn, Japan und Russland. Österreich liegt relativ gut, mit etwa 2/3 von Japan. Die wenigsten Suizide gibt es offiziell in einigen arabischen Ländern. Diese Statistik müssen wir natürlich mit Vorsicht genießen, ich bin sicher, es werden nicht alle Fälle in die Statistik aufgenommen, aus welchen Gründen immer. Ich glaube, wir können aus dieser Statistik dennoch herauslesen, dass Menschen an der Leistungsgesellschaft zerbrechen. Unser bildungsmäßiges Vorbild Südkorea ist hier leider das Beispiel. Wer beim beruflichen Aufstieg "versagt", also nicht unter den besten ist, der fühlt sich auch gesellschaftlich wertlos. Ich habe noch eine Szene aus Japan in den Neunzigern im Kopf: Da sitzt ein Mann im Anzug in der Wartehalle im Bahnhof. Jeden Tag. Als ich ihn frage, wohin er fährt, sagt er, dass er nirgends hin könne. Er sei bei Mazda abgebaut worden. Daraufhin habe seine Frau das Haustürschloss ausgewechselt, sie möchte mit einem Loser nichts zu tun haben. Arbeitsplatz weg = Haus weg = Frau weg = Ersparnisse weg. Denn die Frau verwaltet in Japan meistens die Familienersparnisse, der Mann hat keine Zeit und Kapazität dafür, er muss ja in der Arbeit sein bestes geben. Der arbeitslose Mensch hat(te) dort in seinen eigenen Augen und in den Augen von Familie und Gesellschaft offenbar keinen Wert. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Seine Geschichte hat mich jedenfalls geschockt. Wie kann man in einem so reichen und erfolgreichen Land aus heiterem Himmel so abstürzen? In einem Land, auf das alle aufblicken, weil in ihren Ländern vieles schlechter läuft? Wenn in einem reichen Land jemand plötzlich vor dem Nichts stehen kann, um wieviel mehr dann erst in einem armen Land?
Wir gehören - verglichen jedenfalls mit vielen afrikanischen Ländern - wohl zu den "reichen" Ländern. Es gibt ein gewisses soziales Netz in Österreich. Das eine große Problem ist wohl, dass diejenigen, die unvorbereitet aus der Leistungsgesellschaft fallen, oft nicht mit Unterstützung rechnen können, weil man erwartet, dass sie ihre Immobilie verkaufen, damit sie Anspruch auf Hilfe haben, und das können viele nicht, weil sie ein Leben lang in diese Immobilie investiert haben, viel Geld und viel Liebe, sie sind daran gebunden. Das zweite große Problem ist wohl, dass viele Leute nicht die Kraft aufbringen, um Hilfe zu bitten, weil sie Absagen gewohnt sind. Ich kenne einige Betroffene, die nach einer schroffen Abfuhr nie wieder auf ihr Amt gegangen sind, obwohl sie Anspruch auf eine Geldleistung hätten. Ich muss mich kurz halten: Der Punkt ist, dass kein Mensch in Depressionen verfallen sollte, wenn er aus der Leistungsgesellschaft hinausgekickt wurde. Und das auch dann, wenn er mit sehr viel weniger Einkommen auskommen muss. Ja, es ist schwer mit wenig Geld, ich will nichts beschönigen, man muss die fundamentalsten Lebensbedürfnisse befriedigen. Oft sind auch noch Schulden da, hier muss man eine Lösung mit den Gläubigern finden. Entweder Privatkonkurs oder langfristige Abstattungsvereinbarung.
Aber hat man kein Recht mehr, glücklich zu sein, wenn man aus der Leistungsgesellschaft draußen ist? Wenn man die täglichen Lebensbedürfnisse befriedigt hat, kann man sehr wohl glücklich sein. Glücklicher als die Kollegen, die noch in der Leistungsgesellschaft sind. Die vielleicht unter ungerechten und unfähigen Führungskräften leiden, unter dem Konkurrenzdruck innerhalb der Firma, die sich mit Tabletten vollstopfen, um noch die letzten Jahre bis zur Pension weiter zu "funktionieren". Einige von denen erleben ihre Pension gar nicht. Wen die Leistungsgesellschaft rausgekickt hat, der kann ruhig eine Zeitlang um seinen Job trauern, das ist normal, aber er sollte dann aufstehen und die gewonnene Freiheit nutzen. Nun kann er unter anderem endlich auch tun, was ihm Freude macht. Er kann vielleicht endlich einmal wirklich Urlaub machen, früher hat er sich das eh nicht getraut. Er kann zu Ärzten gehen, ohne dass er seinem Chef erklären muss, warum. Er hat Zeit für seine Hobbies.
Kann er sich das Leben dann noch leisten? Nicht unbedingt das alte Leben, ein Großteil der alten "Freunde" wird sich eh abwenden, wenn er nicht mehr das Geld hat, um die gewohnten Lokale zu besuchen, aber auf diese Gesellschaft zu verzichten tut nicht weh. Viele Ausgaben kann man sich sparen, man wird sich mit der neuen finanziellen Situation arrangieren und hoffentlich bald schon nicht mehr das Gefühl haben, auf etwas verzichten zu müssen. Das Wichtigste ist, zu akzeptieren, dass man jetzt neu beginnt. Was Beruf oder Hobbies betrifft. Und zu wissen, dass das Leben, das man jetzt führt, nicht schlechter sein muss, nur anders. Man ist um kein bißchen weniger wert als diejenigen, die noch tagtäglich in der Leistungsgesellschaft um ihren Platz kämpfen. Der Wert wird nicht in Geld angezeigt: Wir alle kennen Leute, die ihr Geld absolut nicht wert sind. Und wir alle kennen Leute, die viel mehr Geld wert wären. Man betrachte z.B. all die Freiwilligen, denen man nie das abgelten könnte, was sie wert sind. Dafür bekommen andere viel Geld, nur weil sie am richtigen Sessel sitzen, egal wie sie da hingekommen sind.
Ich hätte noch viel mehr zu sagen, aber ich beende diesen Artikel mit dem Aufruf: Genießt Euer Leben, egal auf welche Art, es ist eh viel zu kurz! Niemand muss sich wertlos fühlen, wenn er nicht mehr konsumieren kann, er schuldet der Gesellschaft gar nichts, sie tut ja eh auch nichts für ihn, sie hat ihn rausgekickt und gibt ihm keine realistische Chance auf Wiedereintritt. Und wer sich noch in der Leistungsgesellschaft befindet: Vielleicht sollte man versuchen, neben der Karriere auch etwas mehr zu leben, man sollte nicht Prioritäten setzen, die man im Rückblick bereut. Ich würde mir wünschen, dass man das auch in Südkorea liest. Sie müssen nicht um jeden Preis Vorbild für Österreich sein, jedenfalls nicht um diesen hohen Preis, dass so viele Menschen dabei unter die Räder kommen. Auch sie sollten ihren einzigen Lebenszweck nicht nur im Bestehen in der Leistungsgesellschaft sehen. Was ich über das Scheitern in der Arbeitswelt geschrieben habe, betrifft übrigens genauso das Scheitern bei der Vermögensanlage. Niemand verliert gern, aber: Es ist nur Geld.
(Der Input von Günter Luntsch für den http://www.boerse-social.com/gabb vom 08.08.)
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