08.09.2022, 3794 Zeichen
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat angesichts des zunehmenden Inflationsdrucks zum zweiten Mal in diesem Jahr die Zinsen angehoben. Die Zinssätze werden um 0,75 Prozentpunkte erhöht. Das ist die stärkste Anhebung der EZB seit 22 Jahren. Zudem kündigte die Notenbank weitere Zinsanhebungen bei ihren nächsten Sitzungen an. Hier einige Statements von Marktteilnehmern
Wolfgang Bauer, Fondsmanager im Public Fixed Income Team bei M&G Investments kommentiert die heutige Zinsentscheidung der EZB wie folgt: “Da ihre Glaubwürdigkeit als Hüterin der Preisstabilität in Europa auf dem Spiel steht, hat sich die EZB heute für die größte Zinserhöhung ihrer Geschichte entschieden. Ob der Schritt von 0,75% eine spürbare Auswirkung auf die Inflation in den kommenden Monaten haben wird, ist jedoch fraglich. Steigende Energie- und andere Rohstoffpreise wirken sich schleichend auf die Kerninflation aus, da höhere Einkaufs- und Herstellungspreise die Unternehmen dazu zwingen, die Kosten – zumindest teilweise – an ihre Kunden weiterzugeben. Diese kostentreibende Inflation, die zu einem großen Teil durch Angebotsschocks verursacht wird, ist mit geldpolitischen Instrumenten nur schwer zu bekämpfen. Um es ganz offen zu sagen: Selbst die ehrgeizigste Zinserhöhung der EZB wird die Wiedereröffnung von Nord Stream 1 nicht ermöglichen. Eine Energiepreisobergrenze, wie sie derzeit in Großbritannien diskutiert wird, wäre unter diesen besonderen Umständen wohl das wirksamere politische Instrument.”
Seitens der IKB heißt es: "Die Zinserhöhung um 75 bp mag als klares Signal einer geldpolitischen Straffung angesehen werden. Allerdings wären noch mehrere solcher Schritte notwendig, bevor die EZB auch nur ansatzweise in eine neutrale – geschweige denn straffe – geldpolitische Ausrichtung kommt. So hat die europäische Notenbank weitere Zinsanhebungen bereits heute in Aussicht gestellt, die Höhe wird von der Datenlage bestimmt. Weiterhin erwartet sie keine Rezession in der Euro-Zone. Doch diese wird angesichts der aktuellen Geldpolitik zunehmend notwendig. Also: Entweder wird das Wirtschaftswachstum nach unten oder die EZB-Zinsen werden nach oben überraschen. So oder so – für einen nachlassenden Inflationsdruck, den die EZB in jeder Prognose erwartet, wird eine ausreichende Abkühlung der europäischen Wirtschaft benötigt". Die IKB erwartet Ende 2022 einen Einlagenzins von mindestens 2 %.
Hetal Mehta, Senior European Economist bei Legal & General Investment Management (LGIM), zur Zinsentscheidung der EZB: “Die EZB schaltet einen Gang höher und reiht sich in den kleinen, feinen Club der großen Zentralbanken ein, die schon einmal in einer einzigen Sitzung den Leitzins um ganze 75 Basispunkte angehoben haben. Die Bank lässt außerdem wenig Spielraum für Interpretation, dass weitere Zinssteigerungen in den kommenden Monaten zu erwarten sind – schließlich bekämpft sie nicht nur die aktuelle Inflation, sondern auch die mittelfristigen Inflationserwartungen, und das, obwohl sich die Wachstumsaussichten eintrüben. Herbst und Winter dürften nicht einfach werden für die EBZ, denn ihr geldpolitisches Dilemma wird sich nicht einfach in Luft auflösen.”
Sandra Holdsworth, Head of Rates bei Aegon Asset Management zum aktuellen Zinsentscheid der EZB: "Die Europäische Zentralbank (EZB) hat heute erneut die Zinssätze erhöht, was von den Finanzmärkten weitgehend erwartet worden war. Sie bekräftigte außerdem, dass in den kommenden Monaten mit weiteren Zinserhöhungen zu rechnen sei. Gleichzeitig aktualisierte die EZB ihre Prognosen für die Wirtschaft der Eurozone. Das Wirtschaftswachstum wurde kurzfristig nach oben korrigiert, wird aber für 2023 schwächer erwartet. Die Inflationsprognosen wurden nach oben korrigiert und es wird erwartet, dass sie bis 2024 über dem Zielwert der EZB liegen werden."
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