02.02.2023, 3711 Zeichen
Die Europäischen Zentralbank (EZB) erhöht, wie erwartet, im Kampf gegen die hohe Inflation den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf drei Prozent. Hier einige Meinungen dazu von internationalen Markt-Kennern:
Gareth Jandrell, Fondsmanager im Anleiheteam von M&G: „Die Märkte aber reagierten so, als hätte die EZB gerade Zinssenkungen angekündigt.Offensichtlich wartet der Markt verzweifelt auf ein Zeichen, dass die EZB bald damit beginnen wird, das Tempo der Straffung zu verlangsamen. Anleihen des Euroraums stiegen daraufhin stark, während der Euro schwächer wurde. Die Aussage von Christine Lagarde, dass sich die Inflations- und Wachstumsrisiken immer mehr die Waage halten, wird den Anleiheinvestoren ebenfalls Zuversicht gegeben haben. Diese Erholung erscheint dennoch verfrüht: Die Gesamtinflation ist noch weit von ihrem Ziel entfernt, und die Kerninflation muss noch deutlich gesenkt werden. In Spanien war kürzlich zu beobachten, dass letztere immer noch nach oben überraschen kann. Zum Prozess der Quantitativen Straffung hieß es, dass die EZB Re-Investitionen aus dem Unternehmensanleihe-Portfolio (CSPP) auf Emittenten mit einer besseren Klimabilanz ausrichten würde. Wie dies genau definiert wird, bleibt allerdings vorerst unklar. Es kommt eine Mischung von Kriterien – von dem absoluten Ausmaß der CO2-Emissionen bis hin zu einer hohen Transparenz der Unternehmensdaten – zum Einsatz. Ich erwarte, dass die Anleger sehr genau darauf achten werden, welche Anleihen die EZB jede Woche kauft und verkauft, um herauszufinden, wer auf der „bösen“ Liste steht.“
Jamie Niven, Senior Fund Manager bei Candriam, kommentiert den heutigen Zinsschritt der EZB: „Es ist ganz klar, dass der Markt auf eine hawkische EZB eingestellt war. Trotz der ausdrücklich aggressiven Äußerungen der Zentralbank, ihrer Rückkehr zur Forward Guidance, die sie angeblich aufgegeben hatte, und der „Absicht“, die Zinsen im März um weitere 50 Basispunkte anzuheben, haben wir eine starke Rallye bei den Anleihen erlebt – zumindest vor der Pressekonferenz von Lagarde. Die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB hier einen politischen Fehler begeht, halte ich für groß. Zwar liegt die Inflation immer noch deutlich über dem Zielwert und die Wachstumsergebnisse sind eindeutig positiver als noch vor zwei Monaten, da die Entwicklung der Gaspreise und die Wiedereröffnung Chinas für deutlichen Rückenwind sorgen. Doch der Zinserhöhungszyklus in Europa war aggressiv – sogar aggressiver als der der Fed, was das Tempo der Zinserhöhungen angeht, vor allem angesichts des späteren Starttermins. Es besteht die Sorge, dass die verzögerte Wirkung der Geldpolitik zu einem schwächeren Wachstum in der zweiten Hälfte des Jahres 2023 führt. Die Reaktion der Anleihekurse nach der heutigen Ankündigung der EZB zeigt, dass der Markt dieser Meinung ist und nicht wirklich daran glaubt, dass die EZB ihren aggressiven Kurs noch länger beibehalten kann, als bereits eingepreist."
Seitens der IKB heißt es: "Infolge struktureller Herausforderungen wie Klimawandel und demografische Entwicklung wird der neutrale Zinssatz in der Euro-Zone in den kommenden Jahren steigen. Die Geldpolitik muss für längere Zeit mit höheren Zinsen rechnen, auch weil sie durch die Fiskalpolitik in ihrer Effektivität eingeengt wird. Eine langfristig höhere Inflation zu erwarten, ist hingegen unangebracht. Die Frage ist vielmehr, wie hoch der neutrale Zinssatz und damit die Leitzinsen der EZB ausfallen werden. Aktuell wird eine „terminal rate“ des Einlagenzinses von ca. 3,5 Prozent erwartet. Das Risiko bleibt jedoch nach oben gerichtet. Damit die EZB Mitte 2023 ihre geldpolitische Straffung beenden kann, ist eine ausreichend spürbare konjunkturelle Eintrübung erforderlich."
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