Ich stimme der Verwendung von Cookies zu. Auch wenn ich diese Website weiter nutze, gilt dies als Zustimmung.

Bitte lesen und akzeptieren Sie die Datenschutzinformation und Cookie-Informationen, damit Sie unser Angebot weiter nutzen können. Natürlich können Sie diese Einwilligung jederzeit widerrufen.





Wenn du nicht davon laufen kannst... (Christoph Sander)

Magazine aktuell


#gabb aktuell



21.09.2016, 7894 Zeichen

Da stehe ich wieder. Vor einem Spiegel. Schmal aber lang.

Doch dieses Mal in keinem Hotel, sondern im Aufzug im Altbau, in dem ich im Herzen Wiens aufwuchs.

Der Lift bringt mich hinauf. Real.

Metaphorisch geht es eher in die inverse Richtung.

Ich stehe da mit Shirt und Short und betrachte vor dem Drücken des Stockwerks meinen Körper.

Der Blick geht Richtung Extremitäten. Zunächst Richtung obere Extremitäten.

Linke Ellenbeuge: kleines Pflaster.

Dann schweift der blick Richtung untere Extremitäten.

Rechtes Knie unterhalb der Patella: großes quadratisches Pflaster.

Linkes Knie unterhalb der Patella: großes quadratisches Pflaster.

Ihnen gemein ist die Ähnlichkeit mit der japanischen Flagge: viel weiß und in der Mitte ein einzelner, roter Punkt. Mein Blut, mein Eigenblut.

Schuld an dem Blick in den Spiegel wie an den japanischen Flaggen auf meinen Knien ist eine weitere ACP-Injektion. Oder besser: gleich zwei. Links und rechts eben.

ACP, das Eigenblutdoping ohne leistungssteigernden Gedanken, ist der letzte Strohhalm, an ich mich nun echt schon verzweifelt klammere.

Vor rund zwei Stunden gab es die dritte Injektion innerhalb von zwei Wochen. Dieses Mal im gebeugten Zustand, was die Sache proportional unangenehmer macht… aber gut, ACP soll eben die Rettung sein – nicht die metaphorische, sondern die reale! Wenn das doch bitte möglich wäre…

 

Ich drücke auf den Knopf.

Der Aufzug nimmt Fahrt auf, bleibt aber bald wieder Stehen. Was für ein Sinnbild!

Na gut, der zweite Stock ist nun mal auch nicht der letzte – selbst mit Halbstock – in meinem bürgerlichen Elternhaus Mezzanin genannt – sind es eben nur drei Stöcke bis der Lift wieder anhält.

Normalerweise würde ich die paar Stockwerke auch laufen. Im Wettlauf mit der so weit wie möglich aufgestoßenen Eingangstür: „wie weit komme ich, bevor die schwere Eisentüre und ihr Schloss sich wieder vereinen?“ Vermutlich 1.000 Mal gemacht – heute nicht. Generell: schon länger nicht. Es geht ja auch schon länger nicht mehr, das Laufen.

Daher bin ich heute auch dankbar für den Aufzug. Wenngleich der Blick ins eigene Spiegelbild mir alles andere als gut tut. Ich sehe – wie vor einigen Wochen – einen beinahe schon gebrochenen Sportler, der von der Ausübung seiner großen Leidenschaft so weit entfernt ist wie selten zuvor. Und das will was heißen, gab es doch fast auf den Tag genau vor zwei Jahren eine Operation…

Was tue ich also momentan nicht alles dafür, irgendwann wieder meiner Leidenschaft nachgehen zu können. Beispielsweise eben den Auszug aus den eigenen vier Wänden, da die dortigen drei Stockwerke – ohne Aufzug! – im Moment nicht machbar sind.

Alleine die Schmerzen bei den ACP-Injektionen reichen normalerweise schon für eine ganze LA-Saison. Der Laie stelle sich vor, jemand rammt einem eine Nadel auf eine unfassbar druckempfindliche Stelle seines Körpers, injiziert dann eine Substanz. Die Injektion wäre ja gar nicht das schmerzhafte – doch sie erfolgt gleich mehrmals an verschiedene Stellen. Eben jene, mit den meisten Schmerzen. Auf gut wienerisch „furdelt“ der Mediziner somit mit der Nadel an deinen Schmerzpunkten richtig unangenehm rum. Während das beim ersten Knie noch halbwegs zu ertragen ist, sieht es beim Zweiten schon anders aus. Heute zitterte ich am ganzen Körper noch bevor die Nadel angesetzt wurde. Der Oberhammer ist jedoch, dass man meist relativ schmerzfrei (Achtung: NICHT beschwerdefrei!) zur Behandlung erscheint, und sich nachher am liebsten in einen Rollstuhl setzen würde. Jedoch mit ausgestreckten Beinen, denn die ersten 2-3 Tage nach der Injektion ist jede Beugung im Knie ein Horror. Und wer sich denkt: „ach, dann lässt man das doch einfach“, der möge das mal eine Stunde im Alltag ausprobieren…

Neben den Injektionen gibt es noch Physiotherapie, an deren Nutzen ich aber aktuell nicht mehr glauben kann, was gleichzeitig deren Durchführung ein wenig ad absurdum führt…

Die mehrmals tägliche Einnahme von diversen Präperaten zur Unterstützung des Sehnenaufbaus, zur Durchblutungsförderung oder gegen Entzündungsreaktionen im Körper im Allgemeinen ist alles andere als angenehm. Aber zumindest nicht schmerzhaft…

Apropos schmerzhaft. Ich stoße die Aufzugstüre auf und nähere mich schmerzhaften Schrittes der Haustüre. Innen angekommen gilt mein erster Weg meinem alten Bett im sich mittlerweile stark veränderten Kinderzimmer, in dem ich 23 Jahre meines Lebens schlief. Vieles ist anders, gleich sind die von der Wand baumelnden Urkunden, die ich im Laufe der Jahre bei österreichischen Meisterschaften und Staatsmeisterschaften gesammelt habe und so lange aufgehängt habe, wie ich Quadratmeter freie Wand zur Verfügung hatte.

Ich liege da und starre auf die Urkunden. Manche erinnern mich an wunderbare, überraschende Rennen. Andere lassen mich an den Wettkampftag zurückdenken und rufen eine Art von Trauer hervor.

„Warum bin ich nicht marschiert?“

„Warum habe ich nicht mehr riskiert?“

Es ist Trauer gemischt mit Unverständnis über das eigene Handeln.

Irgendwie seltsam.

Eigentlich sogar unglaublich.

Unglaublich passend nämlich.

Ich bin mit den nahe zur Bettkante hängenden Urkunden durch und erkenne beim Blick nach oben keine Details mehr. Darum schweifen die Gedanken zurück zum Hier und Jetzt. Bis hin zum letzten Jahr. Zu jenem 31. Mai 2015 als ich erstmals was gespürt habe, da unten bei meinem linken Knie.

Ich sinniere darüber, was ich alles falsch gemacht habe. Was ich hätte besser können. Was ich besser gelassen oder noch wichtiger, besser doch getan hätte.

Es macht mich wütend. Es macht mich traurig. Es schmerzt.

Ich habe vielleicht sogar so viele falsche Entscheidungen getroffen, so viele Fehler gemacht, dass ich nie wieder in diese Situation gelangen werden, in der sich der Leistungssportler fragt „kann ich über diesen Schmerz hinwegsehen?“

Nicht, dass ich in genau diese sch**** Situation noch einmal kommen möchte. Doch ich möchte noch einmal in die Situation kommen, mir die Frage zu stellen, ob es Sinn macht, weiter zu laufen.

Ob es Sinn macht, kleine Schmerzen auf mich zu nehmen, um sich zumindest einen einzigen dieser vielen Kindheitsträume zu erfüllen.

Ob es Sinn macht, seinen Körper zu quälen für etwas, was einem persönlichen fast alles bedeuten würde.

Doch von dieser Sinnfrage bin ich weit entfernt. Vielmehr haben sich da diese anderen eingeschlichen.

„Macht es Sinn, weiter zu machen?“

„Macht es Sinn, ohne den Zeitpunkt zu kennen, noch einmal von vorne zu beginnen?“

„Macht es Sinn, sich alles noch mal anzutun, um dann am Ende vielleicht doch (erneut) zu scheitern?“

Nach endlosen Minuten des Sinnierens schlafe ich ein. Mit schmerzverzerrtem Gesicht.

 

Einige Tage später wache ich an der Copacabana auf. Mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Ich bin als Fan – oder besser: „Olympia-Tourist“ – in Rio de Janeiro.

Ich sehe die Wettkämpfe. Erlebe den Spirit dieses trotz seiner vierjährigen Periodisierung irgendwie einzigartigen Sportevents. Sehe die Begeisterung bei SportlerInnen und ZuseherInnen.

Später an dem Tag erlebe ich sogar die Stimmung im Olympischen Dorf.

Und dann, der Britte würde sagen „all of a sudden“, sehe ich sie erstmals in natura: die Olympischen Ringe. Schwarz. Rot. Grün. Blau. Gelb.

Und urplötzlich weiß ich die Antwort auf all diese quälenden, schlafraubenden Fragen der letzten Wochen:

„Ja, ich will!“ – „ja, es macht Sinn!“

Es macht Sinn, weiter zu glauben. Es macht Sinn, weiter zu kämpfen. Es macht Sinn, weiter zu laufen.

 

Nach der Rückkehr aus Südamerika sind die Schmerzen jedoch immer noch da – der Glaube an die Sinnhaftigkeit, es noch einmal zu versuchen, aber zum Glück auch. Vorerst. Und täglich ein wenig kleiner werdend.

Zumal mir letzte Woche quasi auch noch „Alternativ-Training-Verbot“ erteilt wurde.

Aber ganz ehrlich: das ist jetzt auch schon egal.

Denn nun kann ich halt nicht mehr nur nicht vor meinen Sorgen weglaufen, sondern eben auch nicht davon Radfahren, Crosstrainern oder Schwimmen…

Im Original hier erschienen: Wenn du nicht davon laufen kannst…



BSN Podcasts
Christian Drastil: Wiener Börse Plausch

Monthly Main Event #1: Darüber spricht man an der Wiener Börse im April 2026




 

Bildnachweis

1. Andreas Vojta, Dominik Stadlmann, Nada Ina Pauer, Jennifer Wenth, Christoph Sander, Timon Theuer, Martin Mistelbauer. Nach 6 km, die Gruppe wird etwas kleiner... , (© Wilhelm Lilge)   >> Öffnen auf photaq.com

Aktien auf dem Radar:Rosenbauer, Flughafen Wien, Österreichische Post, EuroTeleSites AG, Kapsch TrafficCom, Polytec Group, Bajaj Mobility AG, AT&S, CPI Europe AG, SBO, Andritz, DO&CO, Erste Group, FACC, Gurktaler AG Stamm, OMV, Palfinger, RBI, Verbund, voestalpine, Wienerberger, Semperit, BKS Bank Stamm, SW Umwelttechnik, BTV AG, Oberbank AG Stamm, Amag, CA Immo, Telekom Austria, RHI Magnesita, DAX.


Random Partner

Porr
Die Porr ist eines der größten Bauunternehmen in Österreich und gehört zu den führenden Anbietern in Europa. Als Full-Service-Provider bietet das Unternehmen alle Leistungen im Hoch-, Tief- und Infrastrukturbau entlang der gesamten Wertschöpfungskette Bau.

>> Besuchen Sie 55 weitere Partner auf boerse-social.com/partner


Andreas Vojta, Dominik Stadlmann, Nada Ina Pauer, Jennifer Wenth, Christoph Sander, Timon Theuer, Martin Mistelbauer. Nach 6 km, die Gruppe wird etwas kleiner... , (© Wilhelm Lilge)


Useletter

Die Useletter "Morning Xpresso" und "Evening Xtrakt" heben sich deutlich von den gängigen Newslettern ab. Beispiele ansehen bzw. kostenfrei anmelden. Wichtige Börse-Infos garantiert.

Newsletter abonnieren

Runplugged

Infos über neue Financial Literacy Audio Files für die Runplugged App
(kostenfrei downloaden über http://runplugged.com/spreadit)

per Newsletter erhalten


Ausgewählte Jobs von PIR-Partnern


Meistgelesen
>> mehr





PIR-Zeichnungsprodukte
Newsflow
>> mehr

Börse Social Club Board
>> mehr
    BSN Vola-Event Infineon
    #gabb #2083

    Featured Partner Video

    Wiener Börse Party #1128: ATX am Gründonnerstag rot, Extremes zu AT&S und RBI, dazu Input zu Edda Vogt und New Orders ab Dienstag

    Die Wiener Börse Party ist ein Podcastprojekt für Audio-CD.at von Christian Drastil Comm.. Unter dem Motto „Market & Me“ berichtet Christian Drastil über das Tagesgeschehen an der Wiener Börse. Inh...

    Books josefchladek.com

    Lisette Model
    Lisette Model
    1979
    Aperture

    Pierre Bost
    Photographies Modernes Présentées par Pierre Bost
    1927
    Librairie des arts Décoratifs

    Anton Bruehl
    Mexico
    1933
    Delphic Studios

    Daido Moriyama
    Ligh and Shadow (English Version
    2019
    Getsuyosha, bookshop M

    Dean Garlick
    100 Sculptural Circumstances
    2025
    Lodge Press

    Wenn du nicht davon laufen kannst... (Christoph Sander)


    21.09.2016, 7894 Zeichen

    Da stehe ich wieder. Vor einem Spiegel. Schmal aber lang.

    Doch dieses Mal in keinem Hotel, sondern im Aufzug im Altbau, in dem ich im Herzen Wiens aufwuchs.

    Der Lift bringt mich hinauf. Real.

    Metaphorisch geht es eher in die inverse Richtung.

    Ich stehe da mit Shirt und Short und betrachte vor dem Drücken des Stockwerks meinen Körper.

    Der Blick geht Richtung Extremitäten. Zunächst Richtung obere Extremitäten.

    Linke Ellenbeuge: kleines Pflaster.

    Dann schweift der blick Richtung untere Extremitäten.

    Rechtes Knie unterhalb der Patella: großes quadratisches Pflaster.

    Linkes Knie unterhalb der Patella: großes quadratisches Pflaster.

    Ihnen gemein ist die Ähnlichkeit mit der japanischen Flagge: viel weiß und in der Mitte ein einzelner, roter Punkt. Mein Blut, mein Eigenblut.

    Schuld an dem Blick in den Spiegel wie an den japanischen Flaggen auf meinen Knien ist eine weitere ACP-Injektion. Oder besser: gleich zwei. Links und rechts eben.

    ACP, das Eigenblutdoping ohne leistungssteigernden Gedanken, ist der letzte Strohhalm, an ich mich nun echt schon verzweifelt klammere.

    Vor rund zwei Stunden gab es die dritte Injektion innerhalb von zwei Wochen. Dieses Mal im gebeugten Zustand, was die Sache proportional unangenehmer macht… aber gut, ACP soll eben die Rettung sein – nicht die metaphorische, sondern die reale! Wenn das doch bitte möglich wäre…

     

    Ich drücke auf den Knopf.

    Der Aufzug nimmt Fahrt auf, bleibt aber bald wieder Stehen. Was für ein Sinnbild!

    Na gut, der zweite Stock ist nun mal auch nicht der letzte – selbst mit Halbstock – in meinem bürgerlichen Elternhaus Mezzanin genannt – sind es eben nur drei Stöcke bis der Lift wieder anhält.

    Normalerweise würde ich die paar Stockwerke auch laufen. Im Wettlauf mit der so weit wie möglich aufgestoßenen Eingangstür: „wie weit komme ich, bevor die schwere Eisentüre und ihr Schloss sich wieder vereinen?“ Vermutlich 1.000 Mal gemacht – heute nicht. Generell: schon länger nicht. Es geht ja auch schon länger nicht mehr, das Laufen.

    Daher bin ich heute auch dankbar für den Aufzug. Wenngleich der Blick ins eigene Spiegelbild mir alles andere als gut tut. Ich sehe – wie vor einigen Wochen – einen beinahe schon gebrochenen Sportler, der von der Ausübung seiner großen Leidenschaft so weit entfernt ist wie selten zuvor. Und das will was heißen, gab es doch fast auf den Tag genau vor zwei Jahren eine Operation…

    Was tue ich also momentan nicht alles dafür, irgendwann wieder meiner Leidenschaft nachgehen zu können. Beispielsweise eben den Auszug aus den eigenen vier Wänden, da die dortigen drei Stockwerke – ohne Aufzug! – im Moment nicht machbar sind.

    Alleine die Schmerzen bei den ACP-Injektionen reichen normalerweise schon für eine ganze LA-Saison. Der Laie stelle sich vor, jemand rammt einem eine Nadel auf eine unfassbar druckempfindliche Stelle seines Körpers, injiziert dann eine Substanz. Die Injektion wäre ja gar nicht das schmerzhafte – doch sie erfolgt gleich mehrmals an verschiedene Stellen. Eben jene, mit den meisten Schmerzen. Auf gut wienerisch „furdelt“ der Mediziner somit mit der Nadel an deinen Schmerzpunkten richtig unangenehm rum. Während das beim ersten Knie noch halbwegs zu ertragen ist, sieht es beim Zweiten schon anders aus. Heute zitterte ich am ganzen Körper noch bevor die Nadel angesetzt wurde. Der Oberhammer ist jedoch, dass man meist relativ schmerzfrei (Achtung: NICHT beschwerdefrei!) zur Behandlung erscheint, und sich nachher am liebsten in einen Rollstuhl setzen würde. Jedoch mit ausgestreckten Beinen, denn die ersten 2-3 Tage nach der Injektion ist jede Beugung im Knie ein Horror. Und wer sich denkt: „ach, dann lässt man das doch einfach“, der möge das mal eine Stunde im Alltag ausprobieren…

    Neben den Injektionen gibt es noch Physiotherapie, an deren Nutzen ich aber aktuell nicht mehr glauben kann, was gleichzeitig deren Durchführung ein wenig ad absurdum führt…

    Die mehrmals tägliche Einnahme von diversen Präperaten zur Unterstützung des Sehnenaufbaus, zur Durchblutungsförderung oder gegen Entzündungsreaktionen im Körper im Allgemeinen ist alles andere als angenehm. Aber zumindest nicht schmerzhaft…

    Apropos schmerzhaft. Ich stoße die Aufzugstüre auf und nähere mich schmerzhaften Schrittes der Haustüre. Innen angekommen gilt mein erster Weg meinem alten Bett im sich mittlerweile stark veränderten Kinderzimmer, in dem ich 23 Jahre meines Lebens schlief. Vieles ist anders, gleich sind die von der Wand baumelnden Urkunden, die ich im Laufe der Jahre bei österreichischen Meisterschaften und Staatsmeisterschaften gesammelt habe und so lange aufgehängt habe, wie ich Quadratmeter freie Wand zur Verfügung hatte.

    Ich liege da und starre auf die Urkunden. Manche erinnern mich an wunderbare, überraschende Rennen. Andere lassen mich an den Wettkampftag zurückdenken und rufen eine Art von Trauer hervor.

    „Warum bin ich nicht marschiert?“

    „Warum habe ich nicht mehr riskiert?“

    Es ist Trauer gemischt mit Unverständnis über das eigene Handeln.

    Irgendwie seltsam.

    Eigentlich sogar unglaublich.

    Unglaublich passend nämlich.

    Ich bin mit den nahe zur Bettkante hängenden Urkunden durch und erkenne beim Blick nach oben keine Details mehr. Darum schweifen die Gedanken zurück zum Hier und Jetzt. Bis hin zum letzten Jahr. Zu jenem 31. Mai 2015 als ich erstmals was gespürt habe, da unten bei meinem linken Knie.

    Ich sinniere darüber, was ich alles falsch gemacht habe. Was ich hätte besser können. Was ich besser gelassen oder noch wichtiger, besser doch getan hätte.

    Es macht mich wütend. Es macht mich traurig. Es schmerzt.

    Ich habe vielleicht sogar so viele falsche Entscheidungen getroffen, so viele Fehler gemacht, dass ich nie wieder in diese Situation gelangen werden, in der sich der Leistungssportler fragt „kann ich über diesen Schmerz hinwegsehen?“

    Nicht, dass ich in genau diese sch**** Situation noch einmal kommen möchte. Doch ich möchte noch einmal in die Situation kommen, mir die Frage zu stellen, ob es Sinn macht, weiter zu laufen.

    Ob es Sinn macht, kleine Schmerzen auf mich zu nehmen, um sich zumindest einen einzigen dieser vielen Kindheitsträume zu erfüllen.

    Ob es Sinn macht, seinen Körper zu quälen für etwas, was einem persönlichen fast alles bedeuten würde.

    Doch von dieser Sinnfrage bin ich weit entfernt. Vielmehr haben sich da diese anderen eingeschlichen.

    „Macht es Sinn, weiter zu machen?“

    „Macht es Sinn, ohne den Zeitpunkt zu kennen, noch einmal von vorne zu beginnen?“

    „Macht es Sinn, sich alles noch mal anzutun, um dann am Ende vielleicht doch (erneut) zu scheitern?“

    Nach endlosen Minuten des Sinnierens schlafe ich ein. Mit schmerzverzerrtem Gesicht.

     

    Einige Tage später wache ich an der Copacabana auf. Mit schmerzverzerrtem Gesicht.

    Ich bin als Fan – oder besser: „Olympia-Tourist“ – in Rio de Janeiro.

    Ich sehe die Wettkämpfe. Erlebe den Spirit dieses trotz seiner vierjährigen Periodisierung irgendwie einzigartigen Sportevents. Sehe die Begeisterung bei SportlerInnen und ZuseherInnen.

    Später an dem Tag erlebe ich sogar die Stimmung im Olympischen Dorf.

    Und dann, der Britte würde sagen „all of a sudden“, sehe ich sie erstmals in natura: die Olympischen Ringe. Schwarz. Rot. Grün. Blau. Gelb.

    Und urplötzlich weiß ich die Antwort auf all diese quälenden, schlafraubenden Fragen der letzten Wochen:

    „Ja, ich will!“ – „ja, es macht Sinn!“

    Es macht Sinn, weiter zu glauben. Es macht Sinn, weiter zu kämpfen. Es macht Sinn, weiter zu laufen.

     

    Nach der Rückkehr aus Südamerika sind die Schmerzen jedoch immer noch da – der Glaube an die Sinnhaftigkeit, es noch einmal zu versuchen, aber zum Glück auch. Vorerst. Und täglich ein wenig kleiner werdend.

    Zumal mir letzte Woche quasi auch noch „Alternativ-Training-Verbot“ erteilt wurde.

    Aber ganz ehrlich: das ist jetzt auch schon egal.

    Denn nun kann ich halt nicht mehr nur nicht vor meinen Sorgen weglaufen, sondern eben auch nicht davon Radfahren, Crosstrainern oder Schwimmen…

    Im Original hier erschienen: Wenn du nicht davon laufen kannst…



    BSN Podcasts
    Christian Drastil: Wiener Börse Plausch

    Monthly Main Event #1: Darüber spricht man an der Wiener Börse im April 2026




     

    Bildnachweis

    1. Andreas Vojta, Dominik Stadlmann, Nada Ina Pauer, Jennifer Wenth, Christoph Sander, Timon Theuer, Martin Mistelbauer. Nach 6 km, die Gruppe wird etwas kleiner... , (© Wilhelm Lilge)   >> Öffnen auf photaq.com

    Aktien auf dem Radar:Rosenbauer, Flughafen Wien, Österreichische Post, EuroTeleSites AG, Kapsch TrafficCom, Polytec Group, Bajaj Mobility AG, AT&S, CPI Europe AG, SBO, Andritz, DO&CO, Erste Group, FACC, Gurktaler AG Stamm, OMV, Palfinger, RBI, Verbund, voestalpine, Wienerberger, Semperit, BKS Bank Stamm, SW Umwelttechnik, BTV AG, Oberbank AG Stamm, Amag, CA Immo, Telekom Austria, RHI Magnesita, DAX.


    Random Partner

    Porr
    Die Porr ist eines der größten Bauunternehmen in Österreich und gehört zu den führenden Anbietern in Europa. Als Full-Service-Provider bietet das Unternehmen alle Leistungen im Hoch-, Tief- und Infrastrukturbau entlang der gesamten Wertschöpfungskette Bau.

    >> Besuchen Sie 55 weitere Partner auf boerse-social.com/partner


    Andreas Vojta, Dominik Stadlmann, Nada Ina Pauer, Jennifer Wenth, Christoph Sander, Timon Theuer, Martin Mistelbauer. Nach 6 km, die Gruppe wird etwas kleiner... , (© Wilhelm Lilge)


    Useletter

    Die Useletter "Morning Xpresso" und "Evening Xtrakt" heben sich deutlich von den gängigen Newslettern ab. Beispiele ansehen bzw. kostenfrei anmelden. Wichtige Börse-Infos garantiert.

    Newsletter abonnieren

    Runplugged

    Infos über neue Financial Literacy Audio Files für die Runplugged App
    (kostenfrei downloaden über http://runplugged.com/spreadit)

    per Newsletter erhalten


    Ausgewählte Jobs von PIR-Partnern


    Meistgelesen
    >> mehr





    PIR-Zeichnungsprodukte
    Newsflow
    >> mehr

    Börse Social Club Board
    >> mehr
      BSN Vola-Event Infineon
      #gabb #2083

      Featured Partner Video

      Wiener Börse Party #1128: ATX am Gründonnerstag rot, Extremes zu AT&S und RBI, dazu Input zu Edda Vogt und New Orders ab Dienstag

      Die Wiener Börse Party ist ein Podcastprojekt für Audio-CD.at von Christian Drastil Comm.. Unter dem Motto „Market & Me“ berichtet Christian Drastil über das Tagesgeschehen an der Wiener Börse. Inh...

      Books josefchladek.com

      Yasuhiro Ishimoto
      Someday Somewhere (Aru hi aru tokoro, 石元泰博 ある日ある所)
      1958
      Geibi Shuppan

      Tehching Hsieh
      One Year Performance 1978–1979
      2025
      Void

      Mark Mahaney
      Polar Night
      2019/2021
      Trespasser

      Jack Davison
      13–15 November. Portraits: London
      2026
      Helions

      Bertien van Manen
      Let's Sit Down Before We Go
      2011
      MACK