16.06.2012,
4126 Zeichen
(Autor:
Herbert Geyer, original für das
WirtschaftsBlatt)
Cieszyn/Tesin/Teschen - ein echter Grenzfall
Tschechien gegen Polen - das ist Teschen: Einst Sitz eines Herzogs, dann habsburgische Provinzhauptstadt, ist die Stadt jetzt zwischen den beiden Staaten geteilt.
Seit der Wiedervereinigung Berlins gibt es in Europa nicht mehr viele Städte, die durch eine Staatsgrenze geteilt werden. Bad Radkersburg/Gornja Radgona ist eine.
Und Teschen, das ins polnische Cieszyn und ins tschechische Tesin geteilt ist. Ein echter Grenzfall.
Ursprünglich wohl eine slawische Gründung, später - von Schlesien aus -deutsch kolonisiert, schaffte es Teschen, zum eigenständigen Herzogtum zu werden, ehe es nach dem Aussterben seiner Herzöge 1625 an die böhmische Krone und damit an die Habsburger fiel.
Der Teschener Herzogstitel wurde von den Habsburgern auch später noch einige Male verwendet, Maria Theresias Lieblingsschwiegersohn Albert von Sachsen, der Erbauer der Wiener Albertina, trug ihn, Erzherzog Karl, der Held von Aspern, ebenfalls.
Mit dem Österreichischen Erbfolgekrieg 1740 bis 1748, in dem Friedrich II. von Preußen (dort "der Große" genannt) Maria Theresia den Großteil Schlesiens abnahm, blieb Teschen zwar österreichisch, wurde aber Grenzstadt zum jetzt preußischen Schlesien. Das änderte sich erst nach dem Ersten Weltkrieg, als Oberschlesien polnisch und Böhmen tschechoslowakisch wurde: Polen und Tschechen erhoben Anspruch auf die Stadt, es kam sogar zu Kämpfen, ehe ein internationaler Schiedsspruch die Stadt zwischen den beiden Staaten entlang des Flusses Olsa/Olse teilte.
Auch das währte nur kurz, denn als sich Adolf Hitler mit dem Münchner Abkommen die deutschsprachigen Teile Tschechiens unter den Nagel riss, nutzte Polen die Chance, sich Teschen wieder zur Gänze einzuverleiben.
Aber nur kurz, denn schon ein Jahr später überfiel Hitler auch Polen und Teschen wurde erstmals deutsch.
1945 wurde der Status vor dem Krieg wiederhergestellt und Teschen wieder zwischen Polen und der Tschechoslowakei aufgeteilt. Mit dem Beitritt beider Staaten zu EU und Schengen wurden die Grenzbalken beseitigt, geteilt wird Cieszyn/Tesin jetzt immerhin nur noch durch eine administrative Grenze.
Wobei die Polen den deutlich attraktiveren Teil für sich gewonnen haben: Die 35.000-Einwohner-Stadt Cieszyn enthält nicht nur das alte Stadtzentrum mit einem riesigen Rynek (Marktplatz), sondern auch den Schlossberg, auf dem das älteste Gebäude Schlesiens steht, die romanische Nikolauskirche aus dem 11. Jahrhundert.
Cesky Tesin (29.000 Einwohner) umfasst daneben nur das frühere Industriegebiet der Stadt Teschen, was zum Zeitpunkt der Teilung wahrscheinlich durchaus ein Asset war, fast 100 Jahre später aber auch wirtschaftlich nicht wirklich attraktiv ist. Für Touristen ist Tesin nur als Durchgangsort in die weit attraktiveren Städte Mährisch Ostrau und Olmütz interessant. Und allenfalls zur Übernachtung, weil hier die Hotels billiger sind als im Nachbarort.
Womit wir beim Match der Volkswirtschaften sind. Die Tschechen beginnen das Spiel druckvoll: Ihr BIP pro Kopf hat bereits 80 Prozent des EU-Schnitts erreich, die Polen halten erst bei 63 Prozent:
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Aber die geben nicht auf. Ihre Wirtschaft wird heuer um 2,7 Prozent wachsen - mehr schafft in der EU keiner, auch die Tschechen nicht, wo das BIP mit 0,0 Prozent stagniert.
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Die südlichen Nachbarn lassen den Ausgleich nicht auf sich sitzen. Ihr Arbeitsmarkt gehört mit einer Arbeitslosenquote von 7,2 Prozent zu den besten im Osten, da können die Polen mit 9,8 Prozent nicht mithalten:
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Die tschechische Inflation ist-trotz Flaute -nach Anhebung der Mehrwertsteuer mit 3,3 Prozent relativ hoch. Aber immer noch besser als die der Polen (3,7):
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Die Drangperiode der Tschechen setzt sich fort. Ihre Handelsbilanz - ein Überschuss von 2,8 Prozent des BIP -ist nicht leicht zu schlagen. Schon gar nicht von den Polen, deren Handelbilanz ein Minus von 1,7 Prozent ausweist:
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Damit ist die Partie gelaufen, aber wenn's laaft, dann laaft's. Polens Budget wird heuer mit einem Defizit von 3,0 Prozent des BIP abschließen, die Tschechen kommen mit 2,9 knapp darunter. Endstand:
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