13.03.2026, 4993 Zeichen
Die deutsche Glasindustrie steckt in der tiefsten Strukturkrise ihrer Geschichte. Hunderte hochqualifizierte Jobs in der traditionellen Glas-Lausitz sind akut bedroht. Gewerkschaften fordern eine politische Kehrtwende, um die Deindustrialisierung zu stoppen.
Das Ende kam mit dem Rückzug eines Investors. Die Glasmanufaktur Brandenburg (GMB) in Tschernitz, einst die letzte Solar-Glasfabrik der Europäischen Union, wird nicht gerettet. Rund 220 Mitarbeiter erhielten im Dezember 2025 ihre Kündigungen; die letzten Beschäftigungsverhältnisse laufen jetzt im März 2026 aus.
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Für die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) ist dies eine „industriepolitische Kapitulation“. Die Gewerkschaft kritisiert scharf, dass die Politik in Berlin zu sehr auf Marktkräfte setzte, anstatt eine strategisch wichtige Schlüsselindustrie für die Energiewende zu schützen. Deutschland und die EU sind nun bei diesem kritischen Bauteil für Solarmodule vollständig auf subventionierte Importe aus Asien angewiesen. Betriebsrat und IGBCE hatten monatelang verhandelt und protestiert – vergeblich.
Die Schließung in Tschernitz ist kein Einzelfall, sondern Teil einer Abwärtsspirale in der gesamten Lausitz. Bereits 2025 hatte Ardagh Glass Packaging die Stilllegung seines Werks in Drebkau mit 163 Arbeitsplätzen angekündigt. Ein bitterer Schlag für einen Standort, der kurz zuvor noch sein 110-jähriges Bestehen feierte. Die Belegschaft wird nun schrittweise in eine Transfergesellschaft überführt.
Ein ähnliches Schicksal ereilte das Werk von O-I Glasspack in Bernsdorf nach einer Ankündigung im Oktober 2025. Die IGBCE warnt: Diese geballten Schließungen zerstören nicht nur Existenzen, sondern destabilisieren die gesamte regionale Wirtschaftsstruktur. Die Gewerkschaft prüft alle Mittel, vom Betriebsratsdialog bis zum öffentlichen Protest.
Während die traditionelle Glasindustrie an Energiekosten zerbricht, gerät auch der spezialisierte Pharmasektor unter Druck. Der Düsseldorfer Konzern Gerresheimer, Hersteller von Verpackungen für Pharma und Kosmetik, steckt in finanziellen Turbulenzen. Die Veröffentlichung des Jahresabschlusses 2025 verzögert sich aufgrund interner Untersuchungen und Prüfungen der BaFin.
Gleichzeitig treibt das Management ein umfassendes Transformationsprogramm voran, um Kosten zu senken und effizienter zu produzieren. Ein Werk in den USA soll noch 2026 schließen. Die deutschen Betriebsräte sind alarmiert. Sie beobachten genau, ob die Sanierungsmaßnahmen nicht auch zu Jobabbau und verschlechterten Arbeitsbedingungen an den Heimatstandorten führen.
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Die Krise offenbart ein systemisches Problem: Die Glasherstellung ist extrem energieintensiv. Hohe und volatile Energiepreise sowie die Kosten der Klimatransformation setzen die Betriebe existenziell unter Druck. Können sie keine bezahlbare grüne Energie sichern oder halten sie dem Wettbewerb aus Regionen mit niedrigeren Kosten nicht stand, folgt oft der Marktrückzug.
Arbeitsrechtler stellen fest, dass Betriebsräte zunehmend in die Defensive gedrängt werden. Statt für höhere Löhne verhandeln sie vorrangig über Sozialpläne, Abfindungen und Transfergesellschaften. Diese bieten zwar eine finanzielle Brücke und Umschulung für bis zu zwölf Monate. Eine nachhaltige Industriepolitik ersetzen sie aber nicht. Die Gewerkschaften sehen den industriellen Kern Deutschlands systematisch schwinden.
Für das Jahr 2026 bleibt die Lage angespannt. Die endgültigen Schließungen in Tschernitz, Drebkau und Bernsdorf hinterlassen dauerhafte Lücken. Die IGBCE wird ihren politischen Druck erhöhen. Ihre Forderungen sind klar: wettbewerbsfähige Industriestrompreise, gezielte Förderung für die grüne Transformation und der Schutz strategischer Lieferketten wie der Solar-Glasproduktion.
Ohne eine Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik, so die Warning, könnte die Restrukturierungswelle weitere Branchen erfassen. Für die betroffenen Glasfacharbeiter hängt die Zukunft nun am Erfolg der Transfergesellschaften. Ihre hochspezialisierten Jobs werden im deutschen Industrielandschaftsbild wohl für immer fehlen.
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