22.07.2026, 6296 Zeichen
Sport bewegt Millionen Menschen, und treibt dabei eine gewaltige wirtschaftliche Maschinerie an. 70,2 Milliarden Euro betrug die Bruttowertschöpfung des Sports in Deutschland im Jahr 2019, ein Anstieg von 20,4 Prozent gegenüber 2010. Das entspricht einem Gewicht vergleichbar mit dem Verkehrsgewerbe oder den Metallerzeugern. Wer Sport noch als bloße Freizeitbeschäftigung betrachtet, unterschätzt schlicht die Realität.
Private Haushalte geben jährlich rund 65 Milliarden Euro für Sport aus : 56 Milliarden Euro fließen in aktives Sporttreiben, weitere 9 Milliarden Euro in passive Interessen wie Zuschauen, Streaming oder Fan-Merchandise. Der größte Ausgabenposten sind Sportgeräte und -ausrüstung mit 13 Milliarden Euro, dicht gefolgt von Fahrtkosten zum Training mit 12,3 Milliarden Euro, wobei Bus und Bahn mit gerade mal 5 Prozent dieser Kosten kaum eine Rolle spielen. Das Auto dominiert, eindeutig.
2015 beschäftigte die Sportwirtschaft rund 1,2 Millionen Menschen direkt oder indirekt. Klingt imposant, ist aber weniger als 2010: Die Beschäftigung sank in diesem Zeitraum um 9,5 Prozent, während die Gesamtwirtschaft gleichzeitig ein Plus von 5 Prozent verzeichnete. Dieser Rückgang erklärt sich durch hohen Kostendruck, intensive Konkurrenz und erzwungene Produktivitätssteigerungen im Sektor.
Die Bruttowertschöpfung wuchs dennoch: Von 58,3 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf 60,6 Milliarden Euro 2015, dann auf 70,2 Milliarden Euro 2019. Der Anteil an der gesamten inländischen Bruttowertschöpfung lag 2010 noch bei 2,5 Prozent und sank bis 2019 auf 2,2 Prozent, nicht weil der Sport stagnierte, sondern weil die Gesamtwirtschaft stärker wuchs.
Laut der Studie „Sportwirtschaft, Fakten & Zahlen 2018", die im Auftrag des BMWi (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) und des BISp (Bundesinstitut für Sportwissenschaft) erstellt wurde, gilt Sport als klassische Querschnittsbranche. Kein einzelner Sektor bildet die Sportwirtschaft ab; sie greift quer durch Handel, Dienstleistungen, Tourismus, Bau und Medien. Auch digitale Angebote wie Schweizer Sportwetten sind Teil des erweiterten Sportökosystems und zeigen, wie vielfältig sich die wirtschaftliche Bedeutung des Sports in den vergangenen Jahren entwickelt hat.
Welche Sportarten bewegen das meiste Geld? Bei aktiven Sportlern führen Schwimmen (23 Millionen regelmäßige Aktive über 16 Jahren), Radfahren (21 Millionen) und Fitness die Rangliste an. Fußball kommt erst auf Platz neun mit 7,6 Millionen regelmäßigen Spielern. Bei den passiven Ausgaben dreht sich das Bild komplett um:
Fußball als Zuschauersport ist damit ein wirtschaftliches Schwergewicht, das seinesgleichen sucht.
Der wirtschaftliche Einfluss von Sport verteilt sich in Deutschland sehr ungleich. Das zeigt die Studie „Wirtschaftsfaktor Sport in Nordhessen", die am 28. Januar 2026 vorgestellt wurde. Beauftragt von der IHK Kassel-Marburg und umgesetzt durch die Regionalmanagement Nordhessen GmbH unter wissenschaftlicher Leitung von Univ.-Prof. Dr. Kuno Hottenrott von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, liefert sie ernüchternde Zahlen.
Nordhessen stellt knapp 17 Prozent der hessischen Bevölkerung, erzielt aber nur 2,7 Prozent des gesamten steuerbaren Sportumsatzes im Bundesland : gerade einmal 87 Millionen Euro gegenüber 3,0 Milliarden Euro hessenweit. Zum Vergleich : Darmstadt kommt allein auf 2,8 Milliarden Euro. Der Regierungsbezirk Kassel liegt bei rund 110 Millionen Euro. Die Diskrepanz ist frappierend.
Zwei Gegenbeispiele zeigen jedoch, was möglich ist. Das Weltcup-Skispringen in Willingen zieht regelmäßig 43.100 bis 46.400 Zuschauer an, generierte 2024 und 2025 einen Ticketumsatz von je rund 1,13 Millionen Euro und ließ am Veranstaltungswochenende 27.998 Übernachtungen registrieren, wovon 90 Prozent direkt dem Skispringen zuzuordnen sind. Die Deutsche Zollmeisterschaft in Baunatal brachte eine Bruttowertschöpfung von 520.000 Euro, hauptsächlich durch Teilnehmende von außerhalb der Region.
Klar ist : Großveranstaltungen funktionieren als regionaler Wirtschaftsmotor, wenn die Infrastruktur stimmt. Beim KSV Baunatal fehlt seit zwei Jahren ein wettkampftaugliches Schwimmbecken, ein Landesleistungszentrum bleibt damit unmöglich. Olympia- und Bundesstützpunkte sind in der Region kaum vorhanden, mit der Ausnahme des Ski-Bundesstützpunkts in Willingen.
Im europäischen Vergleich liegt Deutschland sportökonomisch im Mittelfeld, ähnlich wie Großbritannien. Österreich sticht deutlich heraus: Dort arbeiteten 2013 fast 8 Prozent aller Erwerbstätigen mit Sportbezug, und der Sport trug knapp 6 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei. Der Grund ist eindeutig: der wirtschaftliche Einfluss des Skisports auf den gesamten Tourismus- und Infrastruktursektor.
Der damalige Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier brachte es auf den Punkt: Sport trägt gleichzeitig zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, zur Gesundheit und zur Integration bei, und schafft dabei messbare Wertschöpfung und Beschäftigung. Das ist keine politische Rhetorik, das ist belegbar mit jeder Zeile des SSK.
Wer die Sportwirtschaft stärken will, muss in Infrastruktur investieren. Nicht irgendwo, sondern gezielt. Für Nordhessen empfiehlt die Studie von Prof. Hottenrott konkrete Schritte : den Aufbau einer Eliteschule des Sports, die Einrichtung von Nachwuchsleistungszentren und die Entwicklung des „Sportcampus Auepark" in Kassel.
Diese Empfehlungen sind nicht nur sportpolitisch relevant. Jede Sportstätte, die Leistungssport ermöglicht, zieht Athleten, Begleitpersonen, Zuschauer und Sponsoren an. Das erzeugt Übernachtungen, Gastronomieumsätze, Transportnachfrage. Willingen zeigt diesen Multiplikatoreffekt eindrücklich, bei jedem Skispringen neu.
Frankreich hat mit Paris 2024 demonstriert, wie Großsportereignisse ganze Stadtteile transformieren können. Deutschland hat das strukturelle Potenzial, diesen Weg regional zu gehen, vorausgesetzt, Kommunen und Wirtschaftsverbände ziehen an einem Strang und investieren jetzt in die Sportinfrastruktur von morgen.
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American Football, Quaterback - https://pixabay.com/de/photos/football-quarterback-sport-spieler-67701/
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