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Was spricht überhaupt für restriktive Geldpolitik? (Robert Halver, Christoph Scherbaum)

Autor:
Christoph Scherbaum

Die Börsenblogger ist das einfache und direkte Sprachrohr von Journalisten und deren Kollegen, die teils schon mit jahrzehntelanger Arbeits- und Börsenerfahrung aufwarten können. Auch als professionelle Marktteilnehmer. Letztlich sind wir alle Börsenfans. Aber wir vertreten in diesem Blog auch eine ganz simple Philosophie: Wir wollen unabhängig von irgendwelchen Analysten, Bankexperten oder Gurus schreiben, was wir zum aktuellen (Börsen-)Geschehen denken, was uns beschäftigt. Das kommt Ihnen, dem Leser, zu Gute.

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26.07.2017, 8213 Zeichen

In der Wirtschaftstheorie ist es ein fast religiöses Glaubensbekenntnis: Üppige Geldpolitik führt irgendwann über steigende Rohstoffnachfrage, Beschäftigung, Löhne und Konjunktur zu Inflation.

Und wenn nicht jetzt, wann dann? Immerhin ersäufen uns die Notenbanken förmlich in Liquidität. Dagegen war die Sintflut ein Nieselregen. In Amerika z.B. reicht das Notenbankgeld mühelos aus, um die gesamte US-Volkswirtschaft noch ungefähr viermal zu finanzieren. Wenn es aber dramatisch mehr Geld als dafür zu kaufende Waren und Dienstleistungen gibt, müssten wir dann nicht sogar unter Hyperinflation leiden? Theoretisch kreist zwar der geldpolitische Berg, praktisch gebärt er jedoch nur eine Inflations-Maus. Man mag einwenden, dass die offizielle Preissteigerung gegenüber der tatsächlichen geschönt ist. Ja, der zu ihrer Berechnung verwendete Warenkorb orientiert sich zu wenig an der Lebensrealität der Verbraucher, an der Kaufhäufigkeit von Produkten und Dienstleistungen.

Wie kann es sein, dass es in allen OECD-Ländern nicht zu spürbarer Inflation kommt?

Trotzdem müsste selbst die offizielle Inflation deutlich höher liegen. Doch in den USA sind die Preisdaten seit Anfang des Jahres von über zwei wieder unter zwei Prozent gefallen. Und in der Eurozone muss man fast zum absurden Schluss kommen, dass Geldversorgung der EZB und Inflation nicht nur nicht gleichförmig, sondern gegengleich laufen. Und ist es nicht erstaunlich, dass die deutsche Inflationsrate während der Ägide der stabilitätsorientierten Deutschen Bundesbank im Durchschnitt bei 2,7 Prozent lag, während sie seit der Happy Hour der EZB ab Oktober 2008 mit dramatischen Zinssenkungen und Geldflutungen nur bei 1,1 Prozent liegt?

Zunächst verhindern ein in puncto Förderdisziplin ziemlich begrenzter Corpsgeist der Opec und die alternative Fördermethode Fracking rohstoffseitigen Preisdruck. Doch auch die Kerninflationsrate ohne Energiepreise kommt kaum vom Fleck. Lohnpreisgetriebene Inflation ist ebenso wenig vorhanden wie Badeseen in der Wüste. Der Faktor Arbeit ist auf der Angebotsseite durch die Globalisierung und Mobilität heutzutage einer starken Konkurrenz ausgesetzt. Auch sind aus früher normalen Arbeitsverhältnissen vielfach quasi-Selbstständigkeiten und Teilzeitjobs geworden, die nicht mehr in den Genuss regelmäßiger tariflicher „Lohnerhöhungs-Automatismen“ kommen.

Liquiditätsversorgung der EZB ein Ozean, tatsächliche Geldmenge nur ein Baggersee

Vor allem aber nutzt selbst die üppigste Notenbankpolitik nichts, wenn ihre Liquiditätsflut nicht in der Konjunkturwüste ankommt und sie somit auch nicht grün machen kann. Es gibt da eine Staumauer: Die Nachwehen des Immobiliencrashs und seiner Vermögensverluste – wir feiern bald 10-Jahresgedächtnis – spürt man in Europa immer noch. Die Konsum- und Investitions-Seelen sind immer noch belastet. Und langweilig wie ich bin, muss ich wiederholen, dass die sture Reformverweigerung in den Euro-Ländern nicht für einen stimmungsseitigen Mauerfall sorgt. Die momentanen konjunkturellen Nachholeffekte sollten nicht mit nachhaltigem Wirtschaftswachstum verwechselt werden, das in einer globalen Welt ohne Standortverbesserungen und klares Bekenntnis zur Digitalisierung nicht erreichbar ist.

Und so erklärt sich, dass das Überangebot an Notenbankgeld der EZB nicht in Form von befriedigender Kreditnachfrage bei Banken – dann nämlich wird es erst richtiges Geld – in der Realwirtschaft ankommt. Die sogenannte Geldmenge M3 als Spiegelbild der Konjunkturstärke ist schwach.

Und wo zu wenig Geldumlauf, da keine Inflation. Warum sollte Geldpolitik also restriktiv werden?

Statt in der Realwirtschaft hat die Liquidität der Notenbanken in den Finanzmärkten ein Auffangbecken gefunden? Hier findet eine alternative Inflation über Anlageblasen statt. Doch warum sollten die Notenbanken diese Blasen durch massive Zinserhöhungen und Radikaldiäten der durch Anleiheaufkäufe fett gefütterten Notenbankbilanzen entblähen? 2008 wurde durch vorherige geldpolitische Restriktion das Platzen der Immobilienblase herbeigeführt, das psychologisch massiv auf die Konsum- und Investitionsneigung drückte und eine Welt-Rezession mit Extremdeflation auslöste. 10 der letzten 13 Zinserhöhungszyklen der US-Notenbank endeten in einer Rezession. Die Fed hat kein Interesse an einer Wiederholung der wirtschaftlichen Endzeitstimmung mit deflationärer Apokalypse. Ein gebranntes Yellen-Kind scheut das Feuer.

Die EZB bleibt der beste Freund der Euro-Finanzminister

In der eurozonalen Geldpolitik geht es ohnehin schon längst nicht mehr um Inflationsfragen. Sie hat andere Probleme. Sie soll das Euro-Vaterland wie Pattex zusammenhalten. Dazu will man u.a. den Untergang Roms verhindern. Bei restriktiver Geldpolitik ginge Italien mit seinen Staatsschulden von fast 140 Prozent der Wirtschaftsleistung in die Hyperdepression und vermutlich in die Pleite. Dann fiele die Eurozone zusammen wie ein Soufflee bei Kaltluft. Es kann nicht sein, was nicht sein darf!

Es wäre auch ein Strukturbruch der bisherigen Rettungsmission. Denn laut Juli-Monatsbericht der Deutschen Bundesbank hat die Geldpolitik der EZB den Euro-Ländern seit Ende 2008 Zinsausgaben von fast einer Billion Euro erspart. Deutschland profitierte mit Einsparungen von insgesamt 240 Milliarden Euro. Allein 2016 liege die Entlastung bei 47 Milliarden Euro. Eigentlich müsste Mario Draghi als Heiligenbild in jedem Euro-Finanzministerium hängen.

Überhaupt, das SEK der EZB ist noch nicht am Ende seiner Rettungsmission. Griechenlands Schulden bedürfen noch der Behandlung. Ist es nicht faszinierend, wie mittlerweile Euro-Politiker die Bonität Hellas preisen, obwohl sich die (finanz-)wirtschaftliche Lage nicht verbessert hat? Aber es ist klar, um was es geht: Griechenland soll den europäischen Finanzfrieden nicht mehr stören. Sollte sich Athen also auf Grundlage eines verbesserten Leumunds wieder selbst am Kapitalmarkt ausreichend mit neuen Schulden eindecken können, ist es dann nicht nur ein Katzensprung, bis die EZB auch griechische Staatspapiere aufkauft? Mit diesen höheren geldpolitischen Weihen werden die großen institutionellen Zinsanleger über griechische Staatspapiere mit im Vergleich paradiesisch hohen Renditen herfallen wie Heuschrecken über die grünen Felder. Dadurch fallen die Schuldzinsen wie Blätter vom Baum und Griechenland kann seine Schulden wieder allein stemmen. Dann kann Brüssel mit viel Schmackes das endgültige Ende der Euro-Finanzkrise verkünden. Solche geld- und finanzpolitischen Wunder haben selbst Zeus, Herkules und Odysseus in der griechischen Mythologie nicht vollbringen können.

Mit ihrer Guthabenkrise zahlen Zinsanleger weiter für die Bewältigung der Schuldenkrise

Selbst wenn die EZB irgendwann – um (geld-)politische Korrektheit zu beweisen – die Zinsen anheben sollte, wird sie pingelig darauf achten, dass die Realzinsen (Nominalzinsen abzüglich Inflation) negativ bleiben. Damit bleibt die reale Staatsschuldentilgung gewährleistet. Übrigens, mit einem vergleichsweise starken Euro hat die EZB ein Alibi, sich mit dem Zinswendchen Zeit zu lassen.

So stellen insgesamt Zinsen, die Anleger anhaltend entreichern, abseits von Konsolidierungen keine grundsätzliche Crash-Gefahr für Aktien dar. Vor allem ist nichts gegen Substanzaktien mit historisch stabilen Geschäftsverläufen und attraktiven Dividenden einzuwenden. Regelmäßige Aktiensparpläne bleiben ein Evergreen.

Abgesehen von viel heißer Dampfplauderei sollte niemand an das Märchen einer wirklich restriktiven Geldpolitik glauben. Sie ist so unwahrscheinlich wie ein Sommer ohne Mücken.

RobertHalverEin Beitrag von Robert Halver.

Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. Das Haus mit Sitz in Unterschleißheim bei München ist eine der führenden Investmentbanken in Deutschland und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten. Halver beschäftigt sich seit 1990 mit Wertpapieren und Anlagestrategien.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: http://www.bondboard.de/main/pages/index/p/128.

Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die CASMOS Media GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

 


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    In der Wirtschaftstheorie ist es ein fast religiöses Glaubensbekenntnis: Üppige Geldpolitik führt irgendwann über steigende Rohstoffnachfrage, Beschäftigung, Löhne und Konjunktur zu Inflation.

    Und wenn nicht jetzt, wann dann? Immerhin ersäufen uns die Notenbanken förmlich in Liquidität. Dagegen war die Sintflut ein Nieselregen. In Amerika z.B. reicht das Notenbankgeld mühelos aus, um die gesamte US-Volkswirtschaft noch ungefähr viermal zu finanzieren. Wenn es aber dramatisch mehr Geld als dafür zu kaufende Waren und Dienstleistungen gibt, müssten wir dann nicht sogar unter Hyperinflation leiden? Theoretisch kreist zwar der geldpolitische Berg, praktisch gebärt er jedoch nur eine Inflations-Maus. Man mag einwenden, dass die offizielle Preissteigerung gegenüber der tatsächlichen geschönt ist. Ja, der zu ihrer Berechnung verwendete Warenkorb orientiert sich zu wenig an der Lebensrealität der Verbraucher, an der Kaufhäufigkeit von Produkten und Dienstleistungen.

    Wie kann es sein, dass es in allen OECD-Ländern nicht zu spürbarer Inflation kommt?

    Trotzdem müsste selbst die offizielle Inflation deutlich höher liegen. Doch in den USA sind die Preisdaten seit Anfang des Jahres von über zwei wieder unter zwei Prozent gefallen. Und in der Eurozone muss man fast zum absurden Schluss kommen, dass Geldversorgung der EZB und Inflation nicht nur nicht gleichförmig, sondern gegengleich laufen. Und ist es nicht erstaunlich, dass die deutsche Inflationsrate während der Ägide der stabilitätsorientierten Deutschen Bundesbank im Durchschnitt bei 2,7 Prozent lag, während sie seit der Happy Hour der EZB ab Oktober 2008 mit dramatischen Zinssenkungen und Geldflutungen nur bei 1,1 Prozent liegt?

    Zunächst verhindern ein in puncto Förderdisziplin ziemlich begrenzter Corpsgeist der Opec und die alternative Fördermethode Fracking rohstoffseitigen Preisdruck. Doch auch die Kerninflationsrate ohne Energiepreise kommt kaum vom Fleck. Lohnpreisgetriebene Inflation ist ebenso wenig vorhanden wie Badeseen in der Wüste. Der Faktor Arbeit ist auf der Angebotsseite durch die Globalisierung und Mobilität heutzutage einer starken Konkurrenz ausgesetzt. Auch sind aus früher normalen Arbeitsverhältnissen vielfach quasi-Selbstständigkeiten und Teilzeitjobs geworden, die nicht mehr in den Genuss regelmäßiger tariflicher „Lohnerhöhungs-Automatismen“ kommen.

    Liquiditätsversorgung der EZB ein Ozean, tatsächliche Geldmenge nur ein Baggersee

    Vor allem aber nutzt selbst die üppigste Notenbankpolitik nichts, wenn ihre Liquiditätsflut nicht in der Konjunkturwüste ankommt und sie somit auch nicht grün machen kann. Es gibt da eine Staumauer: Die Nachwehen des Immobiliencrashs und seiner Vermögensverluste – wir feiern bald 10-Jahresgedächtnis – spürt man in Europa immer noch. Die Konsum- und Investitions-Seelen sind immer noch belastet. Und langweilig wie ich bin, muss ich wiederholen, dass die sture Reformverweigerung in den Euro-Ländern nicht für einen stimmungsseitigen Mauerfall sorgt. Die momentanen konjunkturellen Nachholeffekte sollten nicht mit nachhaltigem Wirtschaftswachstum verwechselt werden, das in einer globalen Welt ohne Standortverbesserungen und klares Bekenntnis zur Digitalisierung nicht erreichbar ist.

    Und so erklärt sich, dass das Überangebot an Notenbankgeld der EZB nicht in Form von befriedigender Kreditnachfrage bei Banken – dann nämlich wird es erst richtiges Geld – in der Realwirtschaft ankommt. Die sogenannte Geldmenge M3 als Spiegelbild der Konjunkturstärke ist schwach.

    Und wo zu wenig Geldumlauf, da keine Inflation. Warum sollte Geldpolitik also restriktiv werden?

    Statt in der Realwirtschaft hat die Liquidität der Notenbanken in den Finanzmärkten ein Auffangbecken gefunden? Hier findet eine alternative Inflation über Anlageblasen statt. Doch warum sollten die Notenbanken diese Blasen durch massive Zinserhöhungen und Radikaldiäten der durch Anleiheaufkäufe fett gefütterten Notenbankbilanzen entblähen? 2008 wurde durch vorherige geldpolitische Restriktion das Platzen der Immobilienblase herbeigeführt, das psychologisch massiv auf die Konsum- und Investitionsneigung drückte und eine Welt-Rezession mit Extremdeflation auslöste. 10 der letzten 13 Zinserhöhungszyklen der US-Notenbank endeten in einer Rezession. Die Fed hat kein Interesse an einer Wiederholung der wirtschaftlichen Endzeitstimmung mit deflationärer Apokalypse. Ein gebranntes Yellen-Kind scheut das Feuer.

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    Es wäre auch ein Strukturbruch der bisherigen Rettungsmission. Denn laut Juli-Monatsbericht der Deutschen Bundesbank hat die Geldpolitik der EZB den Euro-Ländern seit Ende 2008 Zinsausgaben von fast einer Billion Euro erspart. Deutschland profitierte mit Einsparungen von insgesamt 240 Milliarden Euro. Allein 2016 liege die Entlastung bei 47 Milliarden Euro. Eigentlich müsste Mario Draghi als Heiligenbild in jedem Euro-Finanzministerium hängen.

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    Mit ihrer Guthabenkrise zahlen Zinsanleger weiter für die Bewältigung der Schuldenkrise

    Selbst wenn die EZB irgendwann – um (geld-)politische Korrektheit zu beweisen – die Zinsen anheben sollte, wird sie pingelig darauf achten, dass die Realzinsen (Nominalzinsen abzüglich Inflation) negativ bleiben. Damit bleibt die reale Staatsschuldentilgung gewährleistet. Übrigens, mit einem vergleichsweise starken Euro hat die EZB ein Alibi, sich mit dem Zinswendchen Zeit zu lassen.

    So stellen insgesamt Zinsen, die Anleger anhaltend entreichern, abseits von Konsolidierungen keine grundsätzliche Crash-Gefahr für Aktien dar. Vor allem ist nichts gegen Substanzaktien mit historisch stabilen Geschäftsverläufen und attraktiven Dividenden einzuwenden. Regelmäßige Aktiensparpläne bleiben ein Evergreen.

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    Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die CASMOS Media GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

     


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