12.03.2015, 5635 Zeichen
Überraschungen in der Lohnpolitik
-
Die Reallöhne steigen in Deutschland in diesem Jahr so stark wie schon lange nicht mehr.
-
Das ist eine gute Nachricht. Es gibt keine sich selbst beschleunigende Deflation. Das Wachstum erhält zusätzliche Impulse. Der Export leidet bisher nicht.
-
International wird Deutschland um die Lohnentwicklung beneidet.
Damit hatte ich nicht gerechnet. In der Metall- und Elektroindustrie wird es in diesem Jahr den höchsten Reallohnzuwachs seit langem geben. Die Tarifpartner vereinbarten, Löhne und Gehälter um 3,4% zu erhöhen. Dazu kommen noch ein paar Nebenleistungen. Zusammen mit einer Preissteigerung, die kaum über Null hinaus geht, ergibt sich ein Anstieg der Reallöhne um 3 1⁄2%.
Damit wurde ein dicker Pflock in die tarifpolitische Landschaft des Jahres eingerammt. Sicher kann man das Ergebnis nicht ein zu eins auf die Gesamtwirtschaft übertragen. Im Dienstleistungsbereich und im öffentlichen Dienst ist die Produktivitätssteigerung als Basis für die Erhöhung der Löhne niedriger. Aber man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass die Tarifverdienste in der Gesamtwirtschaft in diesem Jahr preisbereinigt um 3 bis 3 1⁄2% zunehmen werden. Auch das ist sehr viel. Vor einem Jahr waren es gerade einmal 2%.
Das passt es so gar nicht in den Chor der Klagen über schwaches Wachstum und
Deflation, der heute en vogue ist. Sind die Lohnabschlüsse überzogen oder sind die gesamtwirtschaftlichen Bedingungen besser als bisher angenommen? Ich glaube, dass Letzteres der Fall ist. Wir müssen umdenken.
Die Lohnerhöhungen zeigen, dass die Befürchtungen einer sich selbst beschleunigenden Deflation nicht gerechtfertigt sind. Die Pessimisten der Europäischen Zentralbank haben nicht Recht. Der Rückgang der Preise führt nicht zu einer entsprechenden Verringerung der Löhne. Zumindest die Tarifparteien haben weiterhin positive Inflationserwartungen.
Aber nicht nur das: Die Lohnsteigerungen sind auch ein Indiz, dass die Inflation trotz der niedrigen Ölpreise und unabhängig von der ultralockeren Geldpolitik wieder zunehmen wird. Die Arbeitskosten steigen schneller. Dann müssen auch die Preise nach oben gehen.
Hohe Reallöhne fördern auch das Wirtschaftswachstum. Die Arbeitnehmer können mehr konsumieren. Und das tun sie auch. Im Januar sind die deutschen Einzelhandelsumsätze um über 5% gestiegen. Bereits im letzten Jahr war der private Verbrauch die wichtigste Triebkraft der Konjunktur. Das ist eine ganz neue Erfahrung für Deutschland. In der Vergangenheit waren Aufschwünge immer vom Export getragen. Der Konsum kam erst in der Spätphase des Zyklus ins Spiel. Jetzt ist das offenbar bereits in der Anfangsphase der Fall. Insgesamt rechne ich damit, dass die Wirtschaftsleistung in Deutschland in diesem Jahr nicht um 1% zunehmen wird, wie ursprünglich erwartet. Ich erwarte eher 2%, vielleicht sogar mehr.
Natürlich erhöht sich der Kostendruck in den Unternehmen. Das war früher immer ein wichtiges Argument gegen zu hohe Lohnsteigerungen. Jetzt fällt es nicht so stark ins Gewicht. Gegenüber Wettbewerbern auf den Märkten des Euroraums haben deutsche Exporteure aus den vergangenen Jahren immer noch einen erheblichen Vorsprung. Er wird nicht durch eine einmalige Lohnerhöhung aufgezehrt. Gegenüber der Konkurrenz in Drittländern hilft die Abwertung des Euro. Negative Effekte auf den Export sind hier zunächst nicht zu befürchten.
Auch aus struktureller Perspektive sind die höheren Löhne erwünscht. Sie führen dazu, dass die Exportlastigkeit der deutschen Wirtschaft abgebaut wird. Wenn im Inland mehr Güter und Dienste nachgefragt werden, muss nicht mehr so viel gegen im Zweifel ungewisse Geldforderungen ans Ausland geliefert werden. Den Partnern im Euroraum geht es besser, wenn Deutschland nicht so viel exportiert. Der Leistungsbilanzüberschuss, der im letzten Jahr 7,4% des BIP betrug (6% hält die EU-Kommission noch für erträglich), geht zurück.
Schließlich bedeuten die höheren Löhne, dass die wirtschaftlichen Erholung nicht nur den besser Verdienenden in der Gesellschaft zugute kommt, sondern auch der breiten Masse der Bevölkerung. Die Lohnquote, das heißt der Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen, die seit dem Jahr 2000 zurückgegangen ist, steigt wieder. Das ist wichtig, nachdem das Thema Gerechtigkeit in letzter Zeit zunehmend wichtiger geworden ist.
International wird Deutschland für die hohen Lohnsteigerungen beneidet. In den USA, wo Wachstum und Produktivität sehr viel stärker steigen, erhöhen sich die Löhne und Gehälter in der privaten Wirtschaft gerade mal um nominell 2,3%. Real sind das weniger als 2%. Der private Konsum muss dort vielfach durch Konsumentenkredite finanziert werden. In Japan liegt das Plus bei 0,4%. Real ist das ein Minus. Das ist einer der Gründe, weshalb die Konjunktur in Fernost so schleppend in Gang kommt.
Die positive Bewertung hoher Lohnsteigerungen ist freilich kein Freibrief für die Zukunft. Die Welt befindet sich derzeit in einer Ausnahmesituation. Da müssen auch besondere Maßnahmen möglich sein. Wenn sich die Verhältnisse wieder normalisieren, wird manches anders aussehen. In jedem Fall muss dann neu nachgedacht werden.
Für den Anleger: Der hohe Zuwachs der Reallöhne zeigt, dass es der Wirtschaft wieder besser geht. Das passt zu dem stürmischen Aufschwung des deutschen Aktienmarkts in den letzten Monaten und wird ihn weiter stützen. Von hier wird es kein Störfeuer geben. Allerdings gibt es, wie alle wissen, andere Risikofaktoren. Für den Rentenmarkt sind die Lohnerhöhungen nicht gut. Die Renditen müssten steigen. Dass dies bislang nicht der Fall ist, liegt natürlich an den Wertpapierkäufen der EZB.
(Martin Hüfner für direktanlage.at)
SportWoche-Podcast: Egon Theiner bzw. was lief bei den Olympischen Winterspielen in Livigno, Alter? (Come on, Eileen Gu )
Bildnachweis
Aktien auf dem Radar:Bawag, FACC, Amag, Austriacard Holdings AG, Polytec Group, Kapsch TrafficCom, Rosgix, Mayr-Melnhof, Strabag, AT&S, Gurktaler AG Stamm, Hutter & Schrantz Stahlbau, Marinomed Biotech, SBO, Wiener Privatbank, RHI Magnesita, BKS Bank Stamm, Oberbank AG Stamm, CA Immo, EuroTeleSites AG, EVN, Flughafen Wien, CPI Europe AG, OMV, Bajaj Mobility AG, Österreichische Post, Telekom Austria, UBM, Verbund, Lenzing, American Express.
Random Partner
RBI
Die Raiffeisen Bank International ist eine der führenden Corporate- und Investment-Banken Österreichs und in 11 Märkten Zentral- und Osteuropas als Universalbank tätig. Darüber hinaus bietet der RBI-Konzern zahlreiche weitere Finanzdienstleistungen an, zum Beispiel in den Bereichen Leasing, Asset Management und M&A.
>> Besuchen Sie 53 weitere Partner auf boerse-social.com/partner
Latest Blogs
» Google Maps erhält nach 20 Jahren Zugang zu Südkoreas Karten ( Finanztre...
» Equal Care Day: Proteste fordern gerechtere Verteilung von Sorgearbeit (...
» Hinter den Kulissen Olympischer Winterspiele: Ein Medienmanager berichte...
» Kalk im Leitungswasser: Gesundheitsrisiko oder Mineral-Boost? ( Finanztr...
» DIfE-Studie: Adipositas fast immer mit Gesundheitsfolgen ( Finanztrends)
» Stoffwechsel ankurbeln: So bringen Sie Ihren Körper auf Touren ( Finanzt...
» PodcastOne Aktie: Prognose angehoben ( Finanztrends)
» Grundsicherungsreform steht vor entscheidender Bundestags-Abstimmung ( F...
» JA Solar Aktie: Kosten sinken ( Finanztrends)
» DGE plant höhere Protein-Empfehlungen für Senioren ( Finanztrends)
Useletter
Die Useletter "Morning Xpresso" und "Evening Xtrakt" heben sich deutlich von den gängigen Newslettern ab.
Beispiele ansehen bzw. kostenfrei anmelden. Wichtige Börse-Infos garantiert.
Newsletter abonnieren
Runplugged
Infos über neue Financial Literacy Audio Files für die Runplugged App
(kostenfrei downloaden über http://runplugged.com/spreadit)
per Newsletter erhalten
- Google Maps erhält nach 20 Jahren Zugang zu Südko...
- Equal Care Day: Proteste fordern gerechtere Verte...
- Hinter den Kulissen Olympischer Winterspiele: Ein...
- Kalk im Leitungswasser: Gesundheitsrisiko oder Mi...
- DIfE-Studie: Adipositas fast immer mit Gesundheit...
- PodcastOne Aktie: Prognose angehoben ( Finanztrends)
Featured Partner Video
Börsepeople im Podcast S23/19: Daniel Hahn
Daniel Hahn ist Key-Account-Manager bei wikifolio. Wir sprechen zunächst über zwei spannende Stationen davor: Studytube (Amsterdam), die Schatzkammer und dann über ein wichtiges Prost Ende 2024 zum...
Books josefchladek.com
Jacques Fivel
CHINON DCM-206
2025
Le Plac’Art Photo
Thonet
Stahlrohrmöbel (Catalogue 1934)
1934
Selbstverlag
Ludwig Kozma
Das Neue Haus
1941
Verlag Dr. H. Girsberger & Cie
Olga Ignatovich
In the Shadow of the Big Brother
2025
Arthur Bondar Collection WWII
