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Haben politische Börsen wirklich kurze Beine? (Andreas Kern)

12.06.2019, 5539 Zeichen

Der nicht enden wollende Handelsstreit und die unklaren Folgen der Europawahl – das politische Umfeld ist nicht gerade eine Triebfeder für die weltweiten Aktienmärkte. Die 2019er-Bilanz sieht zwar bislang nicht schlecht aus, so richtig trauen mag dem Braten aber kaum jemand.

Vor allem kurzfristig agierende Börsianer kämpfen in diesen Tagen mit erschwerten Bedingungen. „Jeder Tweet von US-Präsident Donald Trump und jede Gegenreaktion aus China sorgt für große Kursbewegungen“, bemängelt der erfahrene wikifolio-Trader Michael Flender ( GoldeselTrading ), dass die Kurse an den Märkten ganz klar von den politischen Börsen beeinflusst werden. Und das wird seiner Meinung nach vorerst auch so bleiben. „Wir sehen aktuell eine zunehmende Verunsicherung, die auch Investitionsentscheidungen der Unternehmen beeinflusst und damit das Wachstum behindert. Zudem sorgen Zölle für höhere Kosten für Unternehmen und Konsumenten. Das alles wird sich mittelfristig auf die Gewinne auswirken und damit auch auf die Kurse.“

Ähnlich sieht das sein Trader-Kollege Christian Jagd ( Portfoliomatrix ): „Längst verschwimmen im Konflikt zwischen den USA und der Volksrepublik China die Sphären zwischen Geo-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik. Das Thema wird den Aktienmärkten in all seinen Facetten als bestimmender Faktor wohl noch länger, wahrscheinlich über Jahre, erhalten bleiben.“ Das liegt in seinen Augen vor allem daran, dass die Dimension des Handelsstreits weit über den üblichen Protektionismus hinausgeht und vielmehr den „Kampf der alten Weltmacht USA gegen die wieder aufstrebende Weltmacht China“ widerspiegelt. Eine hochexplosive Gemengelage, die laut dem Trader Kai Knobloch ( Halbprofi87 ) vor allem für exportorientierte Unternehmen zum Problem wird. Die hätten in den vergangenen Jahrzehnten stark vom Freihandel profitiert und dürften nun bei einer weiteren Verschärfung der Handelskonflikte mit immer neuen Zöllen nachhaltig negative Auswirkungen zu spüren bekommen.

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Aktien aus Branchen, die nur geringfügig vom Protektionismus betroffen sind, dürften die Korrektur relativ schnell hinter sich lassen.

Kai Knobloch
Halbprofi87

Knobloch will aber nicht über den gesamten Markt den Stab brechen. „Aktien aus Branchen, die nur geringfügig vom aufkommenden Protektionismus betroffen sind, dürften die Korrektur relativ schnell hinter sich lassen“, glaubt der Trader, der weiterhin „keine Anlagealternativen zum Aktienmarkt“ sieht. Zumal die Kapitalmarktzinsen zuletzt deutlich gefallen seien und der Markt noch in diesem Jahr mit einer Senkung des Leitzinses durch die US-Notenbank Fed rechne. Darauf baut auch Christian Jagd, der die bedeutende Rolle von US Notenbankchef Jerome Powell für die Entwicklung an den Aktienmärkten hervorhebt. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass die jüngste Korrektur nach dem sehr starken Jahresauftakt „überfällig“ gewesen und die Verschärfung des Handelskriegs von den Marktakteuren „als willkommener Anlass zu Gewinnmitnahmen“ genutzt worden sei.

wikifolio-Trader Stephan Beier ( Trendfolge ) geht sogar noch einen Schritt weiter: „Politische Ereignisse werden in der öffentlichen Berichterstattung häufig als vermeintliche Gründe für Bewegungen an den Kapitalmärkten herangezogen. Ob eine ursächliche Verbindung tatsächlich vorliegt ist aber unklar. Ich gehe davon aus, dass grundsätzlich andere Parameter die Aktienkursentwicklung nachhaltiger beeinflussen als die politischen Ereignisse.“ Konkret meint er dabei „fundamentalökonomische Bewertungsfaktoren von Volkswirtschaften, Währungsräumen und Unternehmen“ sowie andere Faktoren wie Psychologie, Sentiment und das Momentum. Das alles habe mittelfristig einen größeren Einfluss auf das Angebot und die Nachfrage an den Aktienmärkten. Politische Ereignisse würden die Aktienkurse „allerhöchstens sehr kurzfristig beeinflussen“.

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christian-jagd-wikifolio-trader

Der 'ergrünte' gesellschaftliche Zeitgeist ist auf jeden Fall eine wichtige Determinante, die bei Investmententscheidungen der Marktteilnehmer eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

Christian Jagd
Portfoliomatrix

Während viele Trader aufgrund der politischen Ereignisse aktuell tendenziell eher defensive Branchen wie Nahrungsmittel, Konsum und Pharma bevorzugen, könnten gerade in Deutschland mittelfristig wieder ganz andere Segmente in den Fokus der Investoren rücken. Christian Jagd jedenfalls vertritt die Meinung, dass der „ergrünte“ gesellschaftliche Zeitgeist „auf jeden Fall eine wichtige Determinante ist, die bei Investmententscheidungen der Marktteilnehmer eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt“. Vor diesem Hintergrund gefällt ihm aktuell die Aktie der norwegischen Tomra Systems „mit ihren intelligenten Sammel- und Sortierlösungen“.

Kai Knobloch wiederum bezeichnet Unternehmen wie Energiekontor , 2G Energy, 7C Solarparken , Cropenergies und Verbio als mögliche Profiteure einer verstärkten Klimaschutzpolitik. Das Stimmungshoch der „Grünen“ in diesem Lande könnte also bald auch an der Börse eine wichtige Rolle spielen.

Im Original hier erschienen: Haben politische Börsen wirklich kurze Beine?


(12.06.2019)

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