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Der circle of competence (Daniel Koinegg)

Bild: © photaq / Drastil, Charts Trading

05.03.2016, 6654 Zeichen

Der Begriff circle of competence ist so ziemlich jedem Anleger, der sich auch mit den Techniken des Value Investing befasst, bekannt. Mir ist kürzlich aufgefallen, dass ich noch nie wirklich darüber nachgedacht habe, wie ich diesen Kompetenzbereich für mich selbst umreiße. Die Konsequenz daraus war bisher möglicherweise, dass ich im übertragenen Sinne auf zu vielen Hochzeiten gleichzeitig getanzt habe. Es ist nun einmal so, dass man nicht gleich zum Experten wird, wenn man einmal einen Geschäftsbericht eines bestimmten Unternehmens gelesen hat. Es dauert seine Zeit und bei mir ist es jedenfalls so, dass aufgenommene Information erst einmal „einwirken“ muss, bis sie wirklich verarbeitet und verwendet werden kann. Oft habe ich gleich nach der Lektüre eines Geschäftsberichts das Gefühl, nach wie vor überhaupt nichts über das fragliche Unternehmen zu wissen. Wenn ich das Ganze aber ein paar Tage ruhen lasse und mir die Unternehmensunterlagen danach noch einmal zur Hand nehme, merke ich, dass doch ein Informationsstock aufgebaut wurde. Wie ich aber bereits kürzlich in meinen Überlegungen zum Ölmarkt geschrieben habe, wird man relativ schnell zum „Fisch am Pokertisch“, wenn man auf der kürzeren Seite der Informationsasymmetrie sitzt.

Was beeinflusst den circle of competence?

Der erste begrenzende Faktor ist die vorhandene Zeit. Wenn man nicht so eine schnelle Auffassungsgabe wie Warren Buffett oder Seth Klarman besitzt und obendrein ein eher gemächlicher Leser ist, ist es realistischerweise schwer, mehr als sagen wir 60 bis 70 Unternehmen regelmäßig und einigermaßen genau mitzuverfolgen – selbst wenn man in Vollzeit Aktienanalyse betreibt. Ich persönlich schaffe es nicht, einen Geschäftsbericht konzentriert an einem Tag durchzubekommen. Wenn man noch Zeit für Nachrichten, andere Publikationen, Bücher und Blogs sowie für Sport und Zeit mit seinen Liebsten einplant, sind da eher – je nach Umfang des Berichts – zwei bis drei Tage notwendig. Daneben sollte ja auch noch etwas Zeit für Zwischenberichte, Investorenpräsentationen, Webcasts und so weiter bleiben. Da ist man dann ziemlich schnell ausgelastet.

Der zweite begrenzende Faktor ist ein gewisses Branchenverständnis bzw. eine Kenntnis des Geschäftsmodells. Da tut man sich bei der Ermittlung seines circle of competence wahrscheinlich leichter, wenn man in einem bestimmten Sektor ein besonders umfassendes Wissen angehäuft hat. Der Investor und Autor Marfir vom Valueblog beispielsweise hat einen schier unglaublichen Wissensstock in der Rohstoffbranche und investiert dann logischerweise auch verstärkt in solche Unternehmen. Ich selbst kann in keiner Branche auf spezielle Vorkenntnisse zurückgreifen. Insofern kann ich mich auch nicht zu sehr auf eine Branche beziehen, sondern muss meinen circle of competence irgendwie anders definieren.

Künftige Regeln

Ich habe nun nach langem Hin und Her einen einfachen Satz von Regeln für mich selbst aufgestellt, in welcher Ecke des Aktienuniversums ich in Zukunft nach potenziellen Investmentideen Ausschau halten werde. Diese Regeln werde ich zuerst nennen und im Nachhinein die Gründe dafür kurz erörtern.

  • Geographischer Fokus auf Österreich und Deutschland
  • Zusätzliche Begrenzung der Marktkapitalisierung in Deutschland auf maximal 200 Mio. Euro

Aus diesem Pool an Unternehmen, der sich derzeit auf ein paar Hundert „Stück“ beläuft, will ich eine engere Watchlist zusammenbauen, wo ich das Gefühl habe, dass erstens die Qualität im Unternehmen stimmt und ich obendrein das Geschäftsmodell einigermaßen verstehe. Die Unternehmen auf dieser watchlist werden dann regelmäßig mitverfolgt und bei entsprechenden Gelegenheiten gekauft. Alles, was nicht in dieses Vorauswahlschema passt, muss aber außen vor bleiben. Sollte sich im Laufe der Zeit herausstellen, dass dieser Kreis zu eng gezogen ist und ich nicht ausgelastet bin, kann ich ihn ja nachträglich etwas erweitern.

Es ist mir durchaus bewusst, dass ich sehr viele und möglicherweise sehr lukrative Gelegenheiten auslasse, wenn ich mich zu sehr auf eine bestimmte Ecke des Aktienmarktes fokussiere. Auf der anderen Seite gewährleiste ich mir selbst aber, dass ich diese Ecke mit der Zeit wirklich genau kenne und nicht Hals über Kopf in neues Territorium vorstoße. Diesen Kompromiss möchte ich eingehen.

Warum sind nun diese Regeln so, wie sie sind? Einen Grund dafür, dass ich die Abgrenzung nicht nach Branchenmerkmalen, sondern geographisch vornehme, habe ich zuvor schon genannt. Ich bin in keiner bestimmten Branche ein Experte, weshalb ich in Bezug auf die Produkte und das Geschäftsmodell nur unterscheiden kann in „absolut unverständlich“ (zum Beispiel Biotechnologie) und „möglicherweise mit etwas Aufwand verständlich“. Warum Österreich und Deutschland? Ein Aspekt hier ist die Sprache. Ich kann zwar einigermaßen gut Englisch, aber ein deutscher Bericht ist trotzdem schneller gelesen und begriffen. Ein weiterer Aspekt ist das rechtliche Umfeld. Vor allem in Österreich kenne ich mich zumindest etwas aus und muss beispielsweise vor einem Delisting oder einer anderen gesellschaftsrechtlichen Maßnahme wie einer Verschmelzung keine „Angst“ haben. Die deutsche Rechtslage ist im Groben der österreichischen sehr ähnlich. Das gilt insbesondere für die Bilanzierungsvorschriften nach HGB/UGB bei sehr kleinen Unternehmen. Der dritte Grund – und der ist vor allem aus investmenttechnischer Sicht sehr wichtig – ist die Konkurrenz. Der österreichische Aktienmarkt wird fast zur Gänze ignoriert oder von Handelsautomatismen bestimmt. Das hat zur Folge, dass selbst Unternehmen, die in ihren Nischen weltweit erfolgreich sind, wie beispielsweise Do&Co, SBO, Mayr-Melnhof, Palfinger, WP oder KTM zum Teil gnadenlos abverkauft werden, wenn es kleine Korrekturen an den weltweiten Märkten gibt. Große deutsche Unternehmen werden demgegenüber schon sehr genau verfolgt. Das hat auch den Grund, dass die Unternehmen im DAX meist um ein Vielfaches größer sind, als die größten Unternehmen in Österreich. Nichtsdestoweniger sehe ich aber bei kleinen deutschen Unternehmen ebenfalls weniger Konkurrenz.

Ich werde im Laufe der nächsten Tage einen weiteren Menüpunkt im Bargain Magazine erstellen, wo die aktuelle Watchlist einsehbar ist. Diese besteht natürlich zunächst vor allem aus den Unternehmen, die ich ohnehin schon im Bargain Portfolio habe. Selbstverständlich werde ich jene Unternehmen, die ich mir schon genauer angesehen habe und sie deshalb gekauft habe, nicht wieder verwerfen, nur weil sie die oben genannten Kriterien nicht erfüllen. Der „Nachschub“ wird aber ausschließlich aus dem umschriebenen Kreis stammen.

The post Der circle of competence appeared first on Bargain Magazine.


(05.03.2016)

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    Der zweite begrenzende Faktor ist ein gewisses Branchenverständnis bzw. eine Kenntnis des Geschäftsmodells. Da tut man sich bei der Ermittlung seines circle of competence wahrscheinlich leichter, wenn man in einem bestimmten Sektor ein besonders umfassendes Wissen angehäuft hat. Der Investor und Autor Marfir vom Valueblog beispielsweise hat einen schier unglaublichen Wissensstock in der Rohstoffbranche und investiert dann logischerweise auch verstärkt in solche Unternehmen. Ich selbst kann in keiner Branche auf spezielle Vorkenntnisse zurückgreifen. Insofern kann ich mich auch nicht zu sehr auf eine Branche beziehen, sondern muss meinen circle of competence irgendwie anders definieren.

    Künftige Regeln

    Ich habe nun nach langem Hin und Her einen einfachen Satz von Regeln für mich selbst aufgestellt, in welcher Ecke des Aktienuniversums ich in Zukunft nach potenziellen Investmentideen Ausschau halten werde. Diese Regeln werde ich zuerst nennen und im Nachhinein die Gründe dafür kurz erörtern.

    • Geographischer Fokus auf Österreich und Deutschland
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