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Vorsichtig, vorsichtiger, EZB! (Robert Halver, Christoph Scherbaum)

Autor:
Christoph Scherbaum

Die Börsenblogger ist das einfache und direkte Sprachrohr von Journalisten und deren Kollegen, die teils schon mit jahrzehntelanger Arbeits- und Börsenerfahrung aufwarten können. Auch als professionelle Marktteilnehmer. Letztlich sind wir alle Börsenfans. Aber wir vertreten in diesem Blog auch eine ganz simple Philosophie: Wir wollen unabhängig von irgendwelchen Analysten, Bankexperten oder Gurus schreiben, was wir zum aktuellen (Börsen-)Geschehen denken, was uns beschäftigt. Das kommt Ihnen, dem Leser, zu Gute.

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09.06.2017, 11800 Zeichen

Die EZB führt einen Balanceakt der Spitzenklasse vor. Einerseits betont sie eine stabilere Euro-Konjunktur, was den Einstieg in den Ausstieg aus ihrer ultralockeren Geldpolitik nahelegt. Andererseits signalisiert sie mit der Rücknahme ihrer Inflationsprognosen, dass dieser Ausstieg im Schneckentempo und vor allem erst nach der Bundestagswahl und den italienischen Parlamentswahlen im Herbst stattfinden wird. Jegliche Europa-kritische Wählerirritation soll unterbleiben. Unterdessen scheint in Großbritannien das Wahldesaster von Premierministerin May ein Non-Event zu sein. Und in den USA wird aufgrund des Scheiterns der Trumponomics sogar wieder das Wort „Re-Deflation“ in den Mund genommen.

Brexit means not Hard Brexit!

Vox populi, die Stimme des britischen Wahlvolkes, hat gesprochen und den konservativen Tories unter Premierministerin Theresa May ein Desaster beschert. Sie sind zwar noch stärkste Partei, haben aber die absolute Mehrheit verloren. Der Plan von May, sich mehr Rückendeckung für die Brexit-Verhandlungen zu sichern, ist völlig gescheitert. Zukünftig sind die parlamentarische Mehrheit im Unterhaus und somit das Verhandlungsmandat der Briten gegenüber der EU so schwach, dass ein harter Brexit nicht mehr möglich ist.

Aufgrund der umfangreichen Scheidungssubstanz ist eine offizielle Auseinandersetzung in zwei Jahren ohnehin Wunschdenken. Es geht um nicht weniger als die Quadratur des Kreises. Immerhin ist eine Verlängerung der Trennungszeit bei Zustimmung beider Seiten problemlos möglich. Im zermürbenden Verhandlungsmarathon dürfte es insgesamt nur noch um die Ausarbeitung eines weichen Brexit gehen. Aber dieser ist weder Fisch noch Fleisch: Entweder man tritt aus der EU aus oder man bleibt in ihr. Das politische Großbritannien wird sich die Frage stellen müssen, ob der Brexit dann nur noch ein populistischer Popanz ist, der dem Land wirtschaftlich schadet. Bereits aktuell sinken die Immobilienpreise. Eine höhere Arbeitslosigkeit und eine Rezession werden sich nicht verhindern lassen. Dieser Prozess könnte allmählich zu einem Umdenken in der britischen Bevölkerung führen, so dass schließlich über Neuwahlen im nächsten oder übernächsten Jahr auch ein zweites Referendum mit dem Ergebnis eines Verbleibs der Briten in der EU nicht auszuschließen ist. Brüssel und Berlin sind an einer derartigen Entwicklung sehr interessiert, nicht zuletzt um Amerika, China und Russland Paroli zu bieten. In Europa haben sich seit 2008 politische Revolutionen immer wieder gezeigt. Warum sollte eine weitere nicht in Großbritannien stattfinden?

Die Reaktion am britischen Aktienmarkt ist entspannt. Denn ein abwertendes Pfund steigert die preisliche Wettbewerbsfähigkeit britischer Unternehmen. Das Experiment eines EU-Austritts mit völlig unklaren Folgen und sogar einem Exit vom Brexit wird an den britischen Finanzmärkten noch nicht gespielt.

Der Weg zur Normalisierung der europäischen Geldpolitik ist ein Marathonlauf

In der Eurozone liefern die stabilen konjunkturellen Frühindikatoren prinzipiell zwar Potenzial für eine zukünftig weniger expansive Geldpolitik. Tatsächlich stuft die EZB die Risiken für die Euro-Wirtschaft aktuell ausgeglichen, nicht mehr kritisch ein und hebt auch ihre Wachstumsprojektionen leicht an: 1,9 nach 1,8 Prozent im Jahr 2017; 2018 1,8 nach 1,7 Prozent und 2019 1,7 nach 1,6 Prozent. Gleichzeitig beteuert EZB-Präsident Mario Draghi jedoch, dass diese Konjunkturerholung ohne die Unterstützung der Geldpolitik nicht möglich ist. In diesem Zusammenhang verweist die EZB sogar darauf, theoretisch die Leitzinsen, wenn nötig, weiter senken zu können, auch wenn diese geldpolitische Maßnahme aus dem aktuellen Kommuniqué der EZB gestrichen wurde. Die geldpolitische Botschaft der EZB bleibt eine frohe.

Laut Einkaufsmanagerindices für das Verarbeitende Gewerbe verläuft der konjunkturelle Erholungsprozess in der Eurozone ohnehin uneinheitlich. Während die deutsche Wirtschaft spürbar an Momentum gewinnt, profitiert Spanien von Nachholeffekten, die nach Jahren der Rezession jedoch nicht überbewertet werden sollten. In Frankreich und Italien bleibt das Grundproblem die schwache Wettbewerbsfähigkeit. Nicht umsonst hat Draghi erneut die volkswirtschaftliche Runderneuerung über Reformpolitik angemahnt.

Geldpolitisch entspannend wirken die von der EZB verringerten Inflationsprojektionen, die das Inflationsziel von zwei Prozent bis 2019 nicht erreichbar machen: 2017 1,5 nach 1,7 Prozent; 2018 1,3 nach 1,6 Prozent und 2019 auf 1,6 nach 1,7 Prozent. Die Ölpreise, die wegen einer schwach ausgeprägten Förderdisziplin der Opec bei gleichzeitigem Alternativölangebot durch die Fracking-Methode über keinen Aufwärtsdruck verfügen, verhindern preissteigernde Basiseffekte. Auch die Kerninflationsrate – ohne Berücksichtigung von Energie- und Nahrungsmitteln – zeigt keine Aufwärtsdynamik. Sie ist noch weit davon entfernt – wie von der EZB gefordert – auch ohne geldpolitisches Zutun selbsttragend zu sein. Der mangelnde Inflationsdruck verleiht der EZB Alibis, die geldpolitische Trendwende zu verschieben. Ohnehin betonte Mario Draghi mit Nachdruck, dass weiterhin ein „sehr umfangreiches geldpolitisches Engagement“ notwendig ist, um die Wachstums- und Inflationsziele der EZB zu erreichen. Auch seine Bemerkung, dass Anleiheaufkäufe – falls erforderlich – ausgeweitet und/oder verlängert werden könnten und dass es aktuell keine Ausstiegsdebatte gab, sind unmissverständliche Ansagen.

Das eigentliche Anliegen der EZB hinter vorgehaltener Hand

Nachdem die politischen Risiken in der Eurozone nach dem Euro-freundlichen Wahlausgang in Frankreich an Bedeutung verloren haben, rücken sie mit vermutlich vorgezogenen Neuwahlen in Italien im Herbst wieder verstärkt in den Anlegerfokus. Diese Parlamentswahl ist der entscheidende Grund für die ausbleibende Trendwende der EZB. Zur Schonung u.a. Italiens vor höheren Schuldzinsen und damit auch vor deren Risiken im Hinblick auf ein Euro-kritisches Wahlergebnis wird die Geldpolitik jede Verunsicherung an den Anleihemärkten vermeiden.

Denn als Alternative zu einer wirtschaftsfreundlichen Reformpolitik setzt Italien notgedrungen auf staatliche Konjunkturförderung und Transferleistungen, die für sozialen Frieden bei den Wählern sorgen sollen. Da diese Finanzmittel mangels Steuermasse nur über Neuverschuldung darzustellen sind, steht die EZB zumindest bis zu den italienischen Neuwahlen im Herbst weiter in der „sozialpolitischen“ Verantwortung, die zinsgünstige und reibungslose Finanzierung des Staatshaushalts zu gewährleisten. Auch wird sie bei der Sanierung italienischer Banken Unterstützung leisten müssen.

Doch selbst ab Herbst wird die EZB ihre Geldpolitik lediglich in kleinsten Trippelschritten zurückfahren. Zu den Ursprüngen einer normalen, stabilitätspolitisch einwandfreien Politik, die man aus Zeiten der Deutschen Bundesbank kannte, wird sie nie mehr zurückkehren können. Dazu ist zunächst das Niveau der Verschuldung der Eurozone zu hoch. Auch die Aussicht auf gemeinschaftliche Schuldenaufnahmen verringert dieses Problem definitiv nicht. Dazu kommt eine jeweils nationale Wirtschaftspolitik, die sich aus Gründen des Wahlpopulismus auch zukünftig nicht an die Umsetzung von dringend erforderlichen Reformmaßnahmen traut.

Marktstimmung – Re-Deflationsszenario?

Seit der Wahl Trumps zum US-Präsidenten wurden an den US-Finanzmärkten großzügig Vorschusslorbeeren verteilt. Doch mittlerweile haben die Enttäuschungen über die ausbleibenden Trumponomics ihre Wirkung am amerikanischen Staatsanleihemarkt auch nicht verfehlt. So zeigt die konjunktursensitive Zinsstrukturkurve – Differenz aus den Renditen 30- und 2-jähriger US-Staatstitel – eine deutliche wirtschaftsschwächelnde Verflachung an, die zuletzt vor der Präsidentenwahl im November 2016 zu beobachten war. Dagegen verharrt der US-Aktienmarkt nahezu auf Allzeithoch und scheint damit den Glauben an die versprochenen konjunkturfördernden Steuersenkungen und Infrastrukturmaßnahmen noch nicht aufgegeben zu haben. Angesichts dieser widersprüchlichen Signale, stellt sich die Frage, ob der Aktien- oder der Rentenmarkt Recht behält? Fallen die Aktienmärkte in ein Deflationsszenario zurück, in dessen Folge eine deutliche Konsolidierung am US-Aktienmarkt von bis zu 20 Prozent bevor steht, die man Crash nennt?

Tatsächlich, nachdem ein imposanter Gewinnwachstumstrend vom I. Quartal 2016 bis I. Quartal 2017 an den US-Aktienmärkten zu beobachten war, haben die Analysten ihre Gewinnschätzungen für das II. Quartal 2017 bereits reduziert. Hat die Gewinnqualität ihren Höhepunkt bereits erreicht und damit auch die Fundamentalstärke an den Aktienmärkten?

Zum einen werden die US-Regierung und die sie tragende republikanische Partei – welches politische Schicksal Präsident Trump über die FBI-Affäre auch immer widerfährt – konjunkturfördernde Maßnahmen zur Verhinderung einer Denkzettel-Wahl bei den im Herbst anstehenden Kongresswahlen in Angriff nehmen müssen. Zum anderen hat die US-Notenbank aufgrund einer zuletzt schwächelnden US-Konjunktur und eben auch ausbleibenden Trumponomics keine Veranlassung zu wirklichen geldpolitischen Restriktionen. Nach einer weiteren Zinserhöhung in der kommenden Woche kann sich die Fed insofern eine zinspolitische Auszeit nehmen. Und je länger diese andauert, desto stärker wird einer spürbaren Konsolidierung am US-Aktienmarkt entgegengewirkt.

In den Sommermonaten sind insgesamt zwar keine markanten Kurszuwächse am US-Aktienmarkt zu erwarten, allerdings Abstrafungen auch nicht. Im direkten Vergleich behält Europa und speziell Deutschland die Nase aus politischen, konkret wirtschafts- und geldpolitischen, Gründen vorn.

Charttechnik DAX – Die Marke von 13.000 ist eine harte Nuss

Beim DAX verläuft die erste wichtige Unterstützung bei 12.700 und darunter bei 12.532 Punkten. Knapp darauf folgt bei 12.524 eine weitere Haltelinie. Auf der Oberseite liegt die nächste Barriere bei 12.842 Punkten.

Der Wochenausblick für die KW 24 – Die Fed erhöht den Leitzins

In der ersten Runde der Parlamentswahlen in Frankreich am 11. Juni 2017 bleibt abzuwarten, ob der „Macronismus“ direkt sticht und sich nach dem zweiten Wahlgang sogar eine absolute Mehrheit zur Freude der französischen bzw. europäischen Aktienmärkte abzeichnet. Oder kommt es zu einer „Cohabitation“ mit konservativen und/oder liberalen Sozialisten, die den Reformzug abbremsen würde?

In Japan bleibt die Notenbank aufgrund fehlender Inflation weiterhin expansiv. In China signalisieren stabile Einzelhandelsumsätze und eine festere Industrieproduktion konjunkturelle Entspannung.

In den USA signalisieren schwächere Zahlen des Einkaufsmanagerindex laut Philadelphia Fed sowie der Industrieproduktion anhaltenden Gegenwind für die US-Konjunktur. Auch der Konsum gerät gemäß schwächeren Einzelhandelsumsätzen und einem unveränderten Konsumentenvertrauen der University of Michigan ins Stottern. Auch mit Blick auf die Rohstoffseite verliert die Inflation im Mai insgesamt wieder an Kraft. Auf der US-Notenbanksitzung wird die Fed zwar die eingepreiste Zinserhöhung vollziehen, gleichzeitig aber zukünftige Zurückhaltung signalisieren.

In der Eurozone bestätigen die finalen Inflationszahlen für Mai die EZB in ihrem anhaltend lockeren geldpolitischen Kurs. In Deutschland unterstreichen erneut freundlichere ZEW Konjunkturerwartungen die robuste Wirtschaftslage.

Ein Beitrag von Robert Halver.

Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. Das Haus mit Sitz in Unterschleißheim bei München ist eine der führenden Investmentbanken in Deutschland und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten. Halver beschäftigt sich seit 1990 mit Wertpapieren und Anlagestrategien.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG:http://www.bondboard.de/main/pages/index/p/128.

 


(09.06.2017)


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    Die EZB führt einen Balanceakt der Spitzenklasse vor. Einerseits betont sie eine stabilere Euro-Konjunktur, was den Einstieg in den Ausstieg aus ihrer ultralockeren Geldpolitik nahelegt. Andererseits signalisiert sie mit der Rücknahme ihrer Inflationsprognosen, dass dieser Ausstieg im Schneckentempo und vor allem erst nach der Bundestagswahl und den italienischen Parlamentswahlen im Herbst stattfinden wird. Jegliche Europa-kritische Wählerirritation soll unterbleiben. Unterdessen scheint in Großbritannien das Wahldesaster von Premierministerin May ein Non-Event zu sein. Und in den USA wird aufgrund des Scheiterns der Trumponomics sogar wieder das Wort „Re-Deflation“ in den Mund genommen.

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    Vox populi, die Stimme des britischen Wahlvolkes, hat gesprochen und den konservativen Tories unter Premierministerin Theresa May ein Desaster beschert. Sie sind zwar noch stärkste Partei, haben aber die absolute Mehrheit verloren. Der Plan von May, sich mehr Rückendeckung für die Brexit-Verhandlungen zu sichern, ist völlig gescheitert. Zukünftig sind die parlamentarische Mehrheit im Unterhaus und somit das Verhandlungsmandat der Briten gegenüber der EU so schwach, dass ein harter Brexit nicht mehr möglich ist.

    Aufgrund der umfangreichen Scheidungssubstanz ist eine offizielle Auseinandersetzung in zwei Jahren ohnehin Wunschdenken. Es geht um nicht weniger als die Quadratur des Kreises. Immerhin ist eine Verlängerung der Trennungszeit bei Zustimmung beider Seiten problemlos möglich. Im zermürbenden Verhandlungsmarathon dürfte es insgesamt nur noch um die Ausarbeitung eines weichen Brexit gehen. Aber dieser ist weder Fisch noch Fleisch: Entweder man tritt aus der EU aus oder man bleibt in ihr. Das politische Großbritannien wird sich die Frage stellen müssen, ob der Brexit dann nur noch ein populistischer Popanz ist, der dem Land wirtschaftlich schadet. Bereits aktuell sinken die Immobilienpreise. Eine höhere Arbeitslosigkeit und eine Rezession werden sich nicht verhindern lassen. Dieser Prozess könnte allmählich zu einem Umdenken in der britischen Bevölkerung führen, so dass schließlich über Neuwahlen im nächsten oder übernächsten Jahr auch ein zweites Referendum mit dem Ergebnis eines Verbleibs der Briten in der EU nicht auszuschließen ist. Brüssel und Berlin sind an einer derartigen Entwicklung sehr interessiert, nicht zuletzt um Amerika, China und Russland Paroli zu bieten. In Europa haben sich seit 2008 politische Revolutionen immer wieder gezeigt. Warum sollte eine weitere nicht in Großbritannien stattfinden?

    Die Reaktion am britischen Aktienmarkt ist entspannt. Denn ein abwertendes Pfund steigert die preisliche Wettbewerbsfähigkeit britischer Unternehmen. Das Experiment eines EU-Austritts mit völlig unklaren Folgen und sogar einem Exit vom Brexit wird an den britischen Finanzmärkten noch nicht gespielt.

    Der Weg zur Normalisierung der europäischen Geldpolitik ist ein Marathonlauf

    In der Eurozone liefern die stabilen konjunkturellen Frühindikatoren prinzipiell zwar Potenzial für eine zukünftig weniger expansive Geldpolitik. Tatsächlich stuft die EZB die Risiken für die Euro-Wirtschaft aktuell ausgeglichen, nicht mehr kritisch ein und hebt auch ihre Wachstumsprojektionen leicht an: 1,9 nach 1,8 Prozent im Jahr 2017; 2018 1,8 nach 1,7 Prozent und 2019 1,7 nach 1,6 Prozent. Gleichzeitig beteuert EZB-Präsident Mario Draghi jedoch, dass diese Konjunkturerholung ohne die Unterstützung der Geldpolitik nicht möglich ist. In diesem Zusammenhang verweist die EZB sogar darauf, theoretisch die Leitzinsen, wenn nötig, weiter senken zu können, auch wenn diese geldpolitische Maßnahme aus dem aktuellen Kommuniqué der EZB gestrichen wurde. Die geldpolitische Botschaft der EZB bleibt eine frohe.

    Laut Einkaufsmanagerindices für das Verarbeitende Gewerbe verläuft der konjunkturelle Erholungsprozess in der Eurozone ohnehin uneinheitlich. Während die deutsche Wirtschaft spürbar an Momentum gewinnt, profitiert Spanien von Nachholeffekten, die nach Jahren der Rezession jedoch nicht überbewertet werden sollten. In Frankreich und Italien bleibt das Grundproblem die schwache Wettbewerbsfähigkeit. Nicht umsonst hat Draghi erneut die volkswirtschaftliche Runderneuerung über Reformpolitik angemahnt.

    Geldpolitisch entspannend wirken die von der EZB verringerten Inflationsprojektionen, die das Inflationsziel von zwei Prozent bis 2019 nicht erreichbar machen: 2017 1,5 nach 1,7 Prozent; 2018 1,3 nach 1,6 Prozent und 2019 auf 1,6 nach 1,7 Prozent. Die Ölpreise, die wegen einer schwach ausgeprägten Förderdisziplin der Opec bei gleichzeitigem Alternativölangebot durch die Fracking-Methode über keinen Aufwärtsdruck verfügen, verhindern preissteigernde Basiseffekte. Auch die Kerninflationsrate – ohne Berücksichtigung von Energie- und Nahrungsmitteln – zeigt keine Aufwärtsdynamik. Sie ist noch weit davon entfernt – wie von der EZB gefordert – auch ohne geldpolitisches Zutun selbsttragend zu sein. Der mangelnde Inflationsdruck verleiht der EZB Alibis, die geldpolitische Trendwende zu verschieben. Ohnehin betonte Mario Draghi mit Nachdruck, dass weiterhin ein „sehr umfangreiches geldpolitisches Engagement“ notwendig ist, um die Wachstums- und Inflationsziele der EZB zu erreichen. Auch seine Bemerkung, dass Anleiheaufkäufe – falls erforderlich – ausgeweitet und/oder verlängert werden könnten und dass es aktuell keine Ausstiegsdebatte gab, sind unmissverständliche Ansagen.

    Das eigentliche Anliegen der EZB hinter vorgehaltener Hand

    Nachdem die politischen Risiken in der Eurozone nach dem Euro-freundlichen Wahlausgang in Frankreich an Bedeutung verloren haben, rücken sie mit vermutlich vorgezogenen Neuwahlen in Italien im Herbst wieder verstärkt in den Anlegerfokus. Diese Parlamentswahl ist der entscheidende Grund für die ausbleibende Trendwende der EZB. Zur Schonung u.a. Italiens vor höheren Schuldzinsen und damit auch vor deren Risiken im Hinblick auf ein Euro-kritisches Wahlergebnis wird die Geldpolitik jede Verunsicherung an den Anleihemärkten vermeiden.

    Denn als Alternative zu einer wirtschaftsfreundlichen Reformpolitik setzt Italien notgedrungen auf staatliche Konjunkturförderung und Transferleistungen, die für sozialen Frieden bei den Wählern sorgen sollen. Da diese Finanzmittel mangels Steuermasse nur über Neuverschuldung darzustellen sind, steht die EZB zumindest bis zu den italienischen Neuwahlen im Herbst weiter in der „sozialpolitischen“ Verantwortung, die zinsgünstige und reibungslose Finanzierung des Staatshaushalts zu gewährleisten. Auch wird sie bei der Sanierung italienischer Banken Unterstützung leisten müssen.

    Doch selbst ab Herbst wird die EZB ihre Geldpolitik lediglich in kleinsten Trippelschritten zurückfahren. Zu den Ursprüngen einer normalen, stabilitätspolitisch einwandfreien Politik, die man aus Zeiten der Deutschen Bundesbank kannte, wird sie nie mehr zurückkehren können. Dazu ist zunächst das Niveau der Verschuldung der Eurozone zu hoch. Auch die Aussicht auf gemeinschaftliche Schuldenaufnahmen verringert dieses Problem definitiv nicht. Dazu kommt eine jeweils nationale Wirtschaftspolitik, die sich aus Gründen des Wahlpopulismus auch zukünftig nicht an die Umsetzung von dringend erforderlichen Reformmaßnahmen traut.

    Marktstimmung – Re-Deflationsszenario?

    Seit der Wahl Trumps zum US-Präsidenten wurden an den US-Finanzmärkten großzügig Vorschusslorbeeren verteilt. Doch mittlerweile haben die Enttäuschungen über die ausbleibenden Trumponomics ihre Wirkung am amerikanischen Staatsanleihemarkt auch nicht verfehlt. So zeigt die konjunktursensitive Zinsstrukturkurve – Differenz aus den Renditen 30- und 2-jähriger US-Staatstitel – eine deutliche wirtschaftsschwächelnde Verflachung an, die zuletzt vor der Präsidentenwahl im November 2016 zu beobachten war. Dagegen verharrt der US-Aktienmarkt nahezu auf Allzeithoch und scheint damit den Glauben an die versprochenen konjunkturfördernden Steuersenkungen und Infrastrukturmaßnahmen noch nicht aufgegeben zu haben. Angesichts dieser widersprüchlichen Signale, stellt sich die Frage, ob der Aktien- oder der Rentenmarkt Recht behält? Fallen die Aktienmärkte in ein Deflationsszenario zurück, in dessen Folge eine deutliche Konsolidierung am US-Aktienmarkt von bis zu 20 Prozent bevor steht, die man Crash nennt?

    Tatsächlich, nachdem ein imposanter Gewinnwachstumstrend vom I. Quartal 2016 bis I. Quartal 2017 an den US-Aktienmärkten zu beobachten war, haben die Analysten ihre Gewinnschätzungen für das II. Quartal 2017 bereits reduziert. Hat die Gewinnqualität ihren Höhepunkt bereits erreicht und damit auch die Fundamentalstärke an den Aktienmärkten?

    Zum einen werden die US-Regierung und die sie tragende republikanische Partei – welches politische Schicksal Präsident Trump über die FBI-Affäre auch immer widerfährt – konjunkturfördernde Maßnahmen zur Verhinderung einer Denkzettel-Wahl bei den im Herbst anstehenden Kongresswahlen in Angriff nehmen müssen. Zum anderen hat die US-Notenbank aufgrund einer zuletzt schwächelnden US-Konjunktur und eben auch ausbleibenden Trumponomics keine Veranlassung zu wirklichen geldpolitischen Restriktionen. Nach einer weiteren Zinserhöhung in der kommenden Woche kann sich die Fed insofern eine zinspolitische Auszeit nehmen. Und je länger diese andauert, desto stärker wird einer spürbaren Konsolidierung am US-Aktienmarkt entgegengewirkt.

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    Beim DAX verläuft die erste wichtige Unterstützung bei 12.700 und darunter bei 12.532 Punkten. Knapp darauf folgt bei 12.524 eine weitere Haltelinie. Auf der Oberseite liegt die nächste Barriere bei 12.842 Punkten.

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    In der ersten Runde der Parlamentswahlen in Frankreich am 11. Juni 2017 bleibt abzuwarten, ob der „Macronismus“ direkt sticht und sich nach dem zweiten Wahlgang sogar eine absolute Mehrheit zur Freude der französischen bzw. europäischen Aktienmärkte abzeichnet. Oder kommt es zu einer „Cohabitation“ mit konservativen und/oder liberalen Sozialisten, die den Reformzug abbremsen würde?

    In Japan bleibt die Notenbank aufgrund fehlender Inflation weiterhin expansiv. In China signalisieren stabile Einzelhandelsumsätze und eine festere Industrieproduktion konjunkturelle Entspannung.

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