07.08.2017, 8275 Zeichen
Die Deutschen sind kein Volk von Aktionären. Ein Grund ist die teilweise „mangelhafte“ finanzielle Bildung im Land. Der Deutscher Derivate Verband (DDV) versucht seit Jahren etwas für die Finanzbildung zu tun. Nun hat man den ausgewiesenen Börsenexperten Holger Scholze unter anderem dazu befragt, wie Wissensvermittlung an deutschen Hochschulen verlaufen kann, und was das mit dem Risikobewusstsein der Deutschen zu tun hat. Dieses Interview wollen wir Ihnen auch hier auf dieboersenblogger.de nicht vorenthalten:
Sie sind ein Finanzprofi. Wann fiel der Startschuss, sich mit dem Thema Finanzen zu beschäftigen?
Vor 25 Jahren entdeckte ich in einer Dresdner Bücherei das Meisterwerk von André Kostolany mit dem Titel: „Das Wunderland von Geld und Börse“. Damals studierte ich noch Zahnmedizin und war eigentlich auf der Suche nach einem bestimmten Anatomiebuch. Doch dann entpuppte sich dieser Ausflug als Initialzündung für meinen späteren Berufsweg. Denn ich habe die großartigen Geschichten und Anekdoten des von mir noch heute sehr verehrten Börsenexperten geradezu verschlungen. Sie inspirierten mich enorm und so fokussierte sich mein Interesse fortan immer mehr auf die Themen Wirtschaftspolitik und Börse.
Was fasziniert Sie an der komplexen Finanzmaterie?
Nahezu alle wichtigen Geschehnisse auf der Welt spiegeln sich durch entsprechende Kursbewegungen in den Währungen, Rohstoffen, Aktien, Anleihen und anderen Wertpapieren wider. Somit kann man eigentlich kein relevantes Ereignis verpassen. Wer sich mit den Finanzmärkten beschäftigt, ist also immer mit dem Ohr am Puls der Zeit. Und das fasziniert mich tatsächlich sehr.
Das Spektrum an Finanzprodukten ist riesig. Welche finden Sie persönlich spannend und warum?
Dies hängt natürlich immer vom jeweils aktuellen Marktumfeld ab. Ich selbst bin ein großer Fan von Aktien, weil ich mich hier an einer unternehmerischen Idee beteiligen kann. Mehr als zwölf einzelne Werte lassen sich aus meiner Sicht im eigenen Portfolio aber schwer überblicken und damit nicht so gut überwachen. Deshalb finde ich es gut, als Basis einer Anlagestrategie Investitionen in ETFs tätigen zu können, um damit das eingesetzte Kapital mit einem ausgewogenen Chance-Risiko-Verhältnis breiter zu streuen. Besonders attraktiv finde ich natürlich die große Palette der verbrieften Derivate, weil hier jeder Anleger entsprechend seiner persönlichen Risikoneigung und für jedes erwartete Marktszenario das für sich optimal geeignete Produkt finden kann.
Wie viele Vorträge halten Sie im Jahr und wie viele Menschen erreichen Sie damit?
Im vergangenen Jahr durfte ich u. a. an 25 deutschen Universitäten über die Börse plaudern. Insgesamt sind dabei rund 3.000 Interessierte zu Gast gewesen. Das Publikum ist oft ganz bunt gemischt. Neben sehr vielen Studenten und anderen jungen Leuten kommen auch Banker, Manager, Professoren, Anwälte, Ärzte, Angestellte und sogar Rentner zu den Veranstaltungen. Die Palette reicht vom absoluten Börseneinsteiger bis zum erfahrenen Anleger. Das bereitet mir große Freude, denn der intensive Gedankenaustausch mit anderen Menschen inspiriert und bereichert mich selbst auch sehr.
Wer ist Ihre primäre Zielgruppe?
Jeder einzelne Gast ist mir lieb und teuer. Seit 25 Jahren setze ich mich gemeinsam mit vielen anderen engagierten Mitstreitern für die Entwicklung der Anlagekultur ein. Trotzdem haben mehr als 85(!) Prozent der Menschen in unserem Land noch immer keine Muße gefunden, um ernsthafte Alternativen zum Sparbuch oder zur Festgeldanlage in Erwägung zu ziehen. Das ist doch erschreckend! Gerade im aktuellen Niedrigzinsumfeld… Allein aus diesem Grund bin ich natürlich dankbar für das Interesse an meinen Vorträgen und heiße jeden Besucher herzlich willkommen.
Kommunikation setzt an der Wissensvermittlung an. Diese beginnt in Schulen und Hochschulen. Wird dort Ihrem Empfinden nach zu praxisfern gelehrt?
Das ist ja eine richtige Suggestivfrage… (lacht). Tatsächlich würde ich sie aber grundsätzlich mit ja beantworten. Allerdings möchte ich das gerne etwas differenzierter betrachten. In allen deutschen Schulen, wenigstens aber in Gymnasien, sollte es unbedingt ein Unterrichtsfach „Wirtschaft und Börse“ geben! Warum hat man dies noch nicht eingeführt? Ich spreche schon seit 1996 bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit Politikern und Bildungsexperten darüber, aber irgendwie scheint sich das Thema nicht durchsetzen zu können. Einige Initiativen wie in Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen bilden hier die löbliche Ausnahme. Es sollte aber überall zur Regel werden! Die dualen Hochschulen haben einen starken Praxisbezug, der natürlich jeweils fachspezifisch ausgeprägt ist. Immerhin wird Deutschland dafür sogar international sehr gelobt. An anderen Hochschulen und Universitäten gibt es ebenfalls hervorragende Beispiele für eine praxisnahe Lehre. Sofern es aber um das Thema „Wertpapiere und Finanzen“ geht, müssen die Studierenden zumeist selbst aktiv werden, um die im Studium erlernte Theorie mit der Praxis zu verknüpfen.
Noch heute sind Sie dem Bundesverband der Börsenvereine an deutschen Hochschulen eng verbunden. Wie wichtig sind solche Organisationen?
Die Börsenvereine an deutschen Hochschulen und Universitäten haben eine enorm wichtige Funktion. Sie bieten den Studierenden den gerade erwähnten Praxisbezug und ergänzen mit ihren zahlreichen Aktivitäten die offiziellen Angebote der Lehranstalten in idealer Weise. Außerdem können die Mitglieder durch ihre aktive Mitarbeit sowohl fachlich als auch menschlich wertvolle Erfahrungen für ihre spätere Berufslaufbahn sammeln. Und da die Börsenvereine die Entwicklung der Anlagekultur in ihren Satzungen fest verankert haben, erfüllen sie selbst natürlich auch einen gemeinnützigen Bildungsauftrag für die Bevölkerung. Besonders erfolgreich ist dabei der bundesweit stattfindende Kurs zum „BVH-Börsenführerschein“. Zudem stellen die Jungbörsianer mit der monatlichen Veröffentlichung des „BVH-Marktindikators“ ihre eigene Kompetenz durch eine Einschätzung der DAX -Entwicklung im jeweils kommenden Monat unter Beweis.
Aus Ihren Erfahrungswerten ableitend, warum tun sich die Bundesbürger letztlich so schwer mit dem Direktinvestment Aktie?
Vermutlich liegt es am besonders stark ausgeprägten Risikobewusstsein der Deutschen. Ob dies geschichtliche Ursachen hat oder einfach nur in unserer Mentalität verankert ist, möchte ich gar nicht beurteilen. Irgendwie hängt das eine ja auch mit dem anderen zusammen. Bei dem Gedanken daran, dass eine Geldanlage auch Verluste mit sich bringen könnte, hat sich das Thema für viele Menschen schon erledigt. Das ist sehr schade, um nicht zu sagen: „fatal“! Denn eine sorgfältige Abwägung zwischen sich bietenden Chancen und möglichen Risiken ist dann natürlich kaum noch möglich. Dabei gibt es so viele Facetten, die sich zu beleuchten lohnen, um die oft mühsam zusammengetragenen Ersparnisse besser anzulegen. Durch die extreme Niedrigzinsphase verlieren die Besitzer von Sparbüchern oder Bargeld sogar wertvolle Kaufkraft, ohne dass ihnen das wirklich bewusst ist. Trotzdem haben sie das Gefühl, ihr Geld sei sicher. Das ist wirklich paradox!
Wie sorgen Sie für das Alter vor?
Basis meiner privaten Altersvorsorge ist ein Fondssparplan, bei dem ich mein bisher eingezahltes Kapital innerhalb des Produktmantels jederzeit umschichten kann. So könnte ich zum Beispiel in einem höheren Alter die Aktienquote zurückfahren und dafür den Anteil festverzinslicher Papiere erhöhen. Oder ich könnte die volatileren Emerging Markets etwas reduzieren, um den Anteil dividendenstarker europäischer Titel zu erhöhen. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Dazu kommen bei mir die Finanzierung einer selbst genutzten Immobilie sowie ein Wertpapierdepot.
Ein Blick in die Zukunft: Was machen Sie in zehn Jahren?
Sie kennen ja sicher die Weisheit: „Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Das gilt für die Börse genauso, wie für das Leben. Als vielseitig interessierter Mensch werde ich auf jeden Fall versuchen, auch in Zukunft meine Neugierde für die Geschehnisse auf der Welt sowie die Freude an meinen facettenreichen Tätigkeiten zu bewahren. Möglicherweise werde ich darüber hinaus in zehn Jahren mit anderen Börsianern darüber diskutieren, wann der DAX die Marke von 30.000 Punkten knackt.
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