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"Wer Startups sagt, muss auch Börse sagen" (addendum Artikel)

Bild: © Aussendung, Wiener Börse von außen, Fotocredit: Wiener Börse

24.04.2018, 7429 Zeichen

Idee, Produkt, Frühphasenfinanzierung, Marktstart, Spätphasenfinanzierung, Verkauf oder Börsengang: So sieht der klassische Lebenslauf eines Startups aus. Nicht aber in Österreich, denn es fehlen sowohl Großinvestoren als auch der Zugang zum Kapitalmarkt, wie Christoph Boschan, Chef der Wiener Börse, kritisiert.

Tech-Börsengänge sind in den USA eine beliebte Fotogelegenheit: Die Gründer und CEOs läuten zum Handelsstart die Glocke, die New Yorker Wall Street wird mit Plakaten der Börsen-Neulinge übersät. Zuletzt gab es dieses Bild bei Stitch Fix, einem Online-Modeunternehmen, allerdings in unüblicher Form. Denn erstens war mit CEO Katrina Lake eine Frau zu sehen – weibliche Geschäftsführungen sind bei Börsengängen in der Tech-Branche selten –, und zweitens hatte sie hatte ihr Kind dabei.

Der Dritte Markt

An der Wiener Börse in der Wallnerstraße wird man eine solche Szene in naher Zukunft nicht erleben. Das liegt nicht nur am Frauenmangel in der Startup- und Technologiebranche, sondern vor allem an den Zugangshürden für Klein- und Mittelunternehmen. „Wer Startups sagt, muss auch Börse sagen“, findet Börse-CEO Christoph Boschan. Das geeignetste Segment für Jungunternehmen wäre der Dritte Markt, der im Wesentlichen von der Wiener Börse geregelt wird. Bei diesem sogenannten „Multilateralen Handelssystem“ sind die Eintrittsbarrieren theoretisch gering, erklärt Boschan. Für den Dritten Markt braucht es keinen Börsenprospekt, es bestehen keine Vorschriften in Bezug auf die Rechtsform der Unternehmen, und auch die Bestandsdauer ist nicht vorgegeben.

De facto kein Zugang

Dennoch ist österreichischen Klein- und Mittelunternehmen der Zugang zum Dritten Markt de facto unmöglich, kritisiert der Börse-Chef. Grund dafür ist das Gesellschaftsrecht-Änderungsgesetz, welches besagt, dass österreichische Aktiengesellschaften nur mehr Namensaktien ausgeben dürfen. Für gesetzlich geregelte Märkte gibt es eine Ausnahmeregelung, für börsengeregelte Märkte wie den Dritten Markt der Wiener Börse gilt sie jedoch nicht. „In der Praxis ist das ein großes Problem, weil keine Meldepflicht der Banken von Aktionärsdaten an ein Aktienregister – wie in Deutschland – besteht. Auch die Regelung, dass Dividenden nur auf eine im Aktienregister eingetragene Kontonummer überwiesen werden dürfen, stellt ein Hindernis dar“, erläutert Boschan. Ohne eine Anpassung des Aktienrechts sei eine Notierung österreichischer Gesellschaften nicht möglich: „Diese Tür sollte für österreichische Unternehmen dringend gesetzlich wieder geöffnet werden.“ Man sehe großes Interesse und großen Bedarf an einer raschen Lösung, richtet sich Boschan an die Politik.

Ausländische mittelständische Unternehmen werden hingegen sehr wohl vom Dritten Markt angezogen, berichtet der CEO: „Niemand möge mehr behaupten, es fehle Österreich an einer KMU-Börse. Richtig ist vielmehr, es fehlt – politisch verhindert – eine KMU-Börse für die eigenen österreichischen Unternehmen.“

Der Exit im Ausland

Neben dem Börsengang ist der Exit – der Verkauf – das zweite Szenario für das Erwachsenwerden eines Startups. Betrachtet man die bekanntesten Startup-Exits in Österreich, so zeigt sich, dass Käufer im Inland fehlen: Die Fitness-App Runtastic ging an Adidas in Deutschland, der Marktplatz Shpock ging an Schibsted in Norwegen, die Diabetes-App MySugr gehört seit diesem Jahr dem Schweizer Pharmakonzern Roche. Das Wiener Technologieunternehmen Streamunlimited verkaufte erst im Herbst 41 Prozent an Google. Bezahlt hat die Tochter des Konzerns Alphabet einen zweistelligen Millionenbetrag, wie die Gründer selbst sagen.

Begleitet wurde der Deal von i5invest. Die Firma war früher der Startup-Inkubator von Unternehmer und Investor Markus Wagner, heute hat sich i5invest auf M&A-Beratung spezialisiert. Die meisten Deals werden mit ausländischen Partnern abgeschlossen, informiert Geschäftsführer Herwig Springer: „Wir begleiten pro Jahr mehr als 20 Transaktionen. In nur einer einzigen Transaktion war der Käufer aus Österreich. Bei den restlichen Exits war nicht einmal eine österreichische Firma im engeren Kreis der Käufer.“

Kaum österreichische Top-Player

Warum ist das so? „Die strategisch und kommerziell interessanten Transaktionen haben gemeinsam, dass es multiple Anknüpfungspunkte gibt und der strategische Käufer die österreichische Firma im globalen Vertrieb maximal hebeln kann“, führt der i5invest-CEO aus. Dafür seien Top-Player in der jeweiligen Branche gesucht, und von denen gibt es laut Springer in Österreich nicht viele globale: „Gäbe es mehr, dann gäbe es auch mehr Käufer aus Österreich für unsere Projekte.“ Das sei aber „nicht so schlimm, wie es klingt“. Denn die Käufer und Partner aus dem Ausland schaffen laut dem Berater auch Arbeitsplätze, bringen Serienunternehmer hervor und dienen als Vorbild für die nächste Gründergeneration. „Es wäre auf alle Fälle schön, wenn es mehr internationale Firmen mit Wertschöpfung und Arbeitsplätzen in Österreich gäbe. Bei 95 Prozent aller unserer Transaktionen geht es um viel Investment aus dem Ausland in Firmen und in Arbeitsplätze in Österreich.“

Frühphasenfinanzierer hoffen auf größere Investoren

Um zu einem nachhaltigen Unternehmen und damit einem wichtigen Treiber des Wirtschaftsstandorts heranzuwachsen, bliebe noch das Fremdkapital in Spätphasen. Doch davon gibt es in Österreich bislang nur wenig, der Fokus liegt bei den Förderungen, Business Angels und Venture-Capital-Fonds auf der Frühphasenfinanzierung. Auf die Spätphase wollen sich weder Hansi Hansmann noch Speedinvest einlassen. Auch Apex Ventures, der neueste Risikokapitalgeber im österreichischen Startup-Ökosystem, hat sich der Anfangsphase verschrieben. Managing Partner Stefan Haubner begründet die Entscheidung damit, dass man sich auf die eigene Expertise konzentrieren möchte. Apex Ventures entstand durch die Zusammenarbeit mehrerer Business Angels, die unter anderem bei der mittlerweile insolventen Plattform Meinkauf investiert waren. „Unsere Anteile haben wir schon davor verkauft“, erzählt Haubner.

Zu spät auf den Markt

Im ersten Closing hat Apex Ventures laut Eigenangabe zehn Millionen Euro eingesammelt, bis Ende des ersten Quartals 2018 könnten es maximal 30 Millionen Euro werden, so Haubner. Im Fonds befinden sich unter anderem 2,5 Millionen Euro von der Förderbank AWS, die mit ihrer Venture-Capital-Initiative auch Geld in institutionelle VC-Fonds steckt. Wie Herwig Springer von i5invest sieht Apex-Partner Haubner Potenzial im Ausland – sowohl auf Investoren- als auch Startup-Seite. „Österreichische Startups tendieren zum Over-Engineering. Sie tüfteln sehr lange an einer Idee und gehen zu spät damit auf den Markt“, beobachtet er. „Viele interessante Unternehmer wollen sich selbst auch gar nicht als Startups bezeichnen, da der Begriff in den letzten Jahren so gehypt wurde.“ Hierzulande sei außerdem noch immer Aufklärungsarbeit im Bereich Risikokapital bei potenziellen Geldgebern für den Fonds notwendig. „In Deutschland hingegen wollen Pensionsversicherungen gleich mit einem zweistelligen Millionenbetrag einsteigen.“ Österreich sei zwar ein Förderparadies, steuerliche Anreize für Privatinvestoren könnten den Markt jedoch besonders in der Spätphasenfinanzierung vorantreiben.

Das sieht auch Börse-Chef Boschan so: „Eine Stärkung der heimischen VC- und Private-Equity-Szene machen den Finanzplatz Österreich attraktiver.“ 

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht unter https://www.addendum.org/startups/boerse/


(24.04.2018)

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