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Kommentar zum Interview Wilhelm Rasinger in „Die Presse“ (Daniel Koinegg)

Bild: © IVA, Wilhelm Rasinger

01.07.2015, 3650 Zeichen

In der Rubrik „Kommentierte Links“ möchte ich mich diese Woche kurz mit einem Interview befassen, das der „oberste Anlegerschützer“ Dr. Wilhelm Rasinger unlängst in der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ gegeben hat:

http://diepresse.com/home/meingeld/uebergeld/4759642/Wilhelm-Rasinger_Ich-habe-Sparbucher-immer-fad-gefunden?_vl_backlink=/home/meingeld/index.do

Es ist wirklich lesenswert (also bitte anklicken und zu Gemüte führen) und passt meines Erachtens vom Credo auch gut zu den Themen des Bargain Magazines, weshalb ich es im Rahmen der dieswöchigen Kommentierten Links teilen möchte.

Er kritisiert unter anderem, dass es in Österreich nie eine wirkliche Kapitalmarktkultur gegeben hat und sich auch kaum ein richtiger Bezug zu Eigentum herausgebildet hat. Auch für die ab dem nächsten Jahr geltende höhere KESt auf Aktienerträge hat er wenig überraschend kaum etwas übrig.

Im Grunde genommen bin ich mit Herrn Dr. Rasinger auf gleicher Linie. Lediglich die 100.000 Euro, die er als Grenze nennt, ab wann es überlegenswert sei, sich mit Einzeltiteln zu beschäftigen, halte ich für (viel) zu hoch gegriffen. Wenn man sein Depot auf 10 Einzeltitel streuen will, und die einzelnen Positionen länger zu halten gewillt ist, reichen aus meiner Sicht bei den heutigen Spesen bei Direktbanken auch 15.000 Euro. Wenn ich 10 Einzeltitel kaufe und für jeden 10 Euro Spesen zahle, fallen im Einkauf und im Verkauf jeweils weniger 1% Transaktionsgebühren an. Bei einer ordentlichen Behaltedauer (sagen wir 5 Jahre) treten diese Gebühren deutlich in den Hintergrund und liegen vor allem deutlich unter vergleichbaren Aktienfonds.

Weit unter diesem Betrag von 15.000 Euro wird es natürlich kritisch, zumindest dann, wenn man die Streuung auf 10 Titel oder mehr beibehalten möchte. Allerdings sehe ich keine Tragik darin, bei Beträgen, die darunter liegen, die Anzahl der Titel zu reduzieren und beispielsweise ein Depot mit 5000 Euro nur auf beispielsweise 3 oder 4 Titel zu verteilen. Ich glaube nämlich, dass, je geringer der Betrag ist, desto eher wird der Investor erstens in der Lage sein, Volatilität auszuhalten, weil er sich betragsmäßig noch in einer Art „comfort zone“ befindet. Zweitens dauert es weit weniger lang, eventuelle Verluste durch Einkünfte aus Arbeit wieder aufzufüllen, sollte wirklich was schief gehen. Nehmen wir als Extremfall einen Studenten, der noch vier Semester Studiendauer vor sich hat, und dann ganz gut verdienen wird. Jetzt hat er 2.000 Euro, die er gerade nicht braucht. Warum soll sich der nicht einen Einzeltitel kaufen und so einen ersten Gehversuch am Kapitalmarkt unternehmen? Wenn das Geld weg ist, dauert es im Berufsleben dann wahrscheinlich höchstens ein Jahr, bis er seine Ersparnisse wieder auf ein Level gebracht hat, das er zu Studienzeiten hatte.

Wenigstens hat er dann bei der praktischen Komponente schon Erfahrungen gesammelt und das ist mindestens genauso wichtig. Man muss das Gefühl kennenlernen, wie es ist, wenn man Aktien besitzt. Man entwickelt zwangsläufig eine besondere Beziehung zu dem Unternehmen. Man muss lernen, den Impuls zu unterdrücken, alle fünf Minuten den Aktienkurs zu checken. Es gilt, die eigene Seelenwelt zu erforschen, die sich auftut, wenn der Titel plötzlich 15 Prozent absackt, an einem einzigen Tag. All das kann man nur erleben, wenn man wirklich Aktien besitzt. Besser man durchlebt diese Phase mit 2.000 Euro in jungen Jahren, als mit 100.000 Euro in den Mittvierzigern, einem Alter, wo es realistisch sein dürfte, dass man einen derartigen Betrag durch Sparbuch, Bausparer oder Investmentfonds angespart hat.

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(01.07.2015)

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