24.09.2018, 6674 Zeichen
Anna, den Kredit hamma. Gute Marketingidee. Dass man als "KontoBox"-Kunde der Bawag-PSK bis zu 24 Monate lang bis zu 500 Euro zinsenfrei überziehen kann. Allerdings nur bei positiver Bonitätsprüfung. Also die Kunden, die die 500 Euro dringend brauchen, werden sie möglicherweise eh nicht bekommen. Es wird sicher Kunden geben, die davon profitieren können. Einiges kriegt man ja um 500 Euro schon, z.B. einen neuen PC oder eine kleine Urlaubsreise. Wenn man die vielleicht 12% normalen Sollzinsen bei Kontoüberziehung hernimmt, könnte man sich damit bis zu 60 Euro im Jahr oder 120 Euro in den 24 Monaten ersparen. Nicht vergessen sollte man freilich, dass die Bawag-PSK eine Extrakontogebühr für Konten hat, die im Minus sind, und sei der Minusbetrag noch so gering. Halal-Konto halt, auf Zinsen wird verzichtet, dafür gibts Gebühren. Wer seine 500 Euro auf dem Sparbuch lässt und sich lieber 500 Euro Gratiskredit nimmt, der erspart sich wohl nicht wirklich viel. Wer mit viel Glück oder Verhandlungsgeschick 1% p.a. rausschindet, erspart sich somit nach Abzug der KESt pro Jahr bis zu 3,75 Euro. Die zusätzliche quartalsweise Negativkontengebühr abgerechnet, wird es trotzdem ein kleines Minusgeschäft.
Aber das Ganze hat einen tieferen Sinn. Nichts ärgert eine Bank mehr als brave Sparer, die ihre Finanzen im Griff haben. Denen soll man für ihre paar Netsch noch Zinsen zahlen. Dabei sind Kontoüberziehungen so ziemlich das lukrativste Geschäft, das die Banken machen. Wenn die Bankdirektoren auch immer über die niedrigen Kreditzinsen jammern: die Sollzinsen auf dem Girokonto haben im Normalfall den Weg nach unten nicht mitgemacht. Kaum jemand verhandelt nach, weil er denkt, das ist ja eh nur für sehr kurze Zeit, als Überbrückung. Gute Kunden gewöhnen sich ans Überziehen des Kontos, sie kommen kaum mehr ins Plus, streben das auch gar nicht mehr an, denn Habenzinsen sind mit 0,01% p.a. absolut vernachlässigbar. So verdient die Bank auch an Mikrokrediten recht viel: bei 500 Euro Überziehung 60 Euro im Jahr, wie oben gezeigt, bei 2.000 Euro sind es schon 240 Euro. Regelmäßiges Einkommen für die Bank, und der dahin abgerichtete Kunde kann sich bald gar nicht mehr vorstellen, wie es ist, aus dieser Spirale einmal auszubrechen und ohne Zinsenzahlungen zu leben. Ich bin sicher: bei den 500 Euro bleibt es nicht, schnell werden 2.000 Euro draus, wenn man schon kreditwürdig ist. 500 Euro Zinsenfreiheit für 24 Monate sind das Lockangebot, für die anderen 1.500 Euro zahlt der Kunde Länge mal Breite.
Klar, dass unbotmäßige Kunden per kurzfristigem Ultimatum gefeuert werden. Kunden, die sich alles so gut einteilen, dass sie keine Sollzinsen und (fast) keine Kontoführungsgebühren zahlen. Das 880-Euro-Mindestdurchschnitt-im-Quartal-Konto ist ein Auslaufmodell. Wer nicht umstieg, obwohl er der Bank keinen Profit beschert hat, verlor sein Konto. "Wir haben ein gutes Produkt, dafür wollen wir einen guten Preis!" sagte der Vorstand zu diesem Thema auf der diesjährigen Hauptversammlung. Diese Arroganz (also dass Kunden fliegen, die nicht binnen weniger Tage auf ein Konto mit höheren Gebühren umsteigen) ist neu. Es gab durchaus Zeiten, wo das Produkt als nicht so gut empfunden wurde, Politiker mussten vor laufenden Kameras Sparbücher auf der Bawag eröffnen, um ihr Vertrauen zur Bawag zu zeigen. Dabei hat sich das Produkt all die Jahre nicht wirklich geändert, nicht zum Guten und nicht zum Schlechten, das Bawag-PSK-Konto war stabil und verlässlich wie die Konten der anderen Banken auch.
Der Gratiskredit für ein Auto, wenn man es mit Bawag-Werbefolie bekleben lässt, ist eine ähnlich gute Marketingidee. Ich habe noch nicht viele Autos gesehen, die mit Bawag-Werbung beklebt sind. Der Autobesitzer freut sich, allen Leuten zeigen zu können, dass er dieses Auto auf Pump gekauft hat. Wenn der Normalkredit für das 10.000-Euro-Auto nun 4% p.a. kostet, so spart sich der Kreditnehmer immerhin 400 Euro pro Jahr. Wenn das Auto wirklich bewegt wird und oft im Straßenverkehr gesehen wird, hat das ein Vielfaches an Werbewert. Die Kehrseite: Wenn der Fahrer sich im Straßenverkehr rüde verhält oder gar einen Unfall baut, nagt das auch an der Reputation der Bawag.
Schmunzeln könnten wir auch über das Kombisparen der Bawag, wenn es nicht so plump über das Hochzinsversprechen die Sparer vom Sparbuch weglocken wollte. 50% des Geldes werden zu 3% p.a. für 6 Monate angelegt, ergibt bei 5.000 Euro schöne 56,25 Euro netto nach KESt. Die anderen 5.000 Euro werden (wohl unter Berechnung eines Ausgabeaufschlags, und schon sind die 56,25 Euro fort) in "ein ausgewähltes Wertpapier gemäß Ihrem Risikoprofil" veranlagt. Ich nehme nicht an, dass es ein Wertpapier ohne Ausgabeaufschlag sein wird, das Risikoprofil eines Wertpapierneulings wird ja nicht so spekulativ sein, dass man ihm eine Einzelaktie ins Depot legen kann. Ja, und dann fällt dieser Fondsanteil am End noch um 5%, und der Sparer weint: "So etwas mache ich sicher nie wieder! Hände weg von Wertpapieren!" Eventuell könnt dieses Kombisparen was für jemanden sein, der bisher auch schon in Investmentfonds veranlagt hat. Der braucht dann halt ein neues Depot, aber er kann die Hälfte seines Geldes zu vernünftigen Zinsen veranlagen, allerdings nur 6 Monate lang. Dann ist der Sparanteil wieder auf der Suche nach Veranlagung, aber mit dem Investmentfondsanteil wird man vielleicht zum Langfristanleger, wenn die Performance nicht ausreicht, dass man die Spesen hereinbekommt. Dann wird man dem Anleger für seinen freigewordenen Sparanteil vielleicht den gleichen Investmentfondsanteil empfehlen, den er schon im Depot liegen hat, diesmal aber billiger, der Zauber des Cost-Average-Effekts wirkt fast immer. Aber der Kunde mit Erfahrung in Wertpapieren ist ohnehin nicht die Zielgruppe dieses Kombisparens, wenn man die Erklärung der Bawag für dieses Kombisparen in den Werbeeinschaltungen liest: Die Zinsen steigen im Ausland schon, und die Bawag nimmt diese Zinserhöhung auch in Österreich vorweg, mit dem Kombisparen. Wirklich lieb von ihnen.
Man ärgert sich, wenn man als Kunde das Gefühl bekommt, für dumm gehalten zu werden. Wo sind die guten alten Zeiten, wo der Sparer von der Bank noch hofiert worden ist? Der Weltspartag früher, da war der Sparer noch wer. Heute will ihn keine Bank mehr. So gerne würde ich wieder Weltspartag feiern wie in vergangenen Zeiten, mit simplen Produkten, guten Zinsen, einem Geschenk, vielleicht sogar Brötchen und Wein, auf jeden Fall aber mit guter Stimmung. Das gibts alles nicht mehr. Höchstens in verborgenen Bankfilialen in verschlafenen Kleinstädten tief draußen am Land, dort wo die Welt noch ist, wie sie früher einmal war.
Bawag Group (40,91/41,01 , 0,59% )
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