09.03.2026, 3898 Zeichen
Die Verschreibung von ADHS-Medikamenten an Erwachsene hat sich seit der Pandemie mehr als verdoppelt. Das zeigt eine neue kanadische Studie, die einen globalen Trend bestätigt. Besonders junge Erwachsene und Frauen erhalten deutlich häufiger Stimulanzien wie Methylphenidat.
Pandemie wirkt als Katalysator
Die Studie des Canadian Medical Association Journal (CMAJ) analysierte Daten bis Mitte 2024. Demnach stieg die Zahl neuer Rezepte für Erwachsene nach 2020 rasant an. Allein in der kanadischen Provinz Ontario bekamen über 327.000 Erwachsene ein erstes Rezept.
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Interessant ist der Wandel bei den verschreibenden Ärzten: Der Anteil der Psychiater sank, während Pflegefachkräfte und Hausärzte mehr Rezepte ausstellten. Ein Viertel der Patienten hatte zudem Diagnosen für Angst oder Depression.
„Die Zahlen zeigen eine verbesserte Erkennung von ADHS bei Erwachsenen“, sagt Studienautorin Dr. Tara Gomes. „Aber das Tempo des Anstiegs warnt uns, Diagnose und Verschreibung kritisch zu prüfen.“
Europa meldet Rekordzuwächse
Ein ähnliches Bild zeichnet eine europäische Studie im Fachblatt The Lancet. Forscher werteten Daten aus fünf Ländern bis 2023 aus. Im Vereinigten Königreich verdreifachte sich die Medikamentennutzung, in den Niederlanden verdoppelte sie sich.
Die stärksten Zuwächse gab es bei Erwachsenen über 25. In Großbritannien stieg die Nutzung bei Frauen in dieser Gruppe um das Zwanzigfache, bei Männern um das Fünfzehnfache. Auch in Deutschland und den Niederlanden holten erwachsene Frauen stark auf.
„Die markanten Veränderungen bei Frauen deuten auf ein wachsendes Bewusstsein hin“, erklärt Hauptautorin Xintong Li von der Universität Oxford. Jahrzehntelang wurde ADHS bei Mädchen oft übersehen, weil sie weniger durch Hyperaktivität auffielen.
Warum explodieren die Zahlen?
Experten sehen mehrere Gründe für den Boom. Erstens wird ADHS nicht mehr als reine Kinderkrankheit gesehen, sondern als lebenslange neurologische Störung anerkannt. Zweitens enttarnte die Pandemie viele verborgene Probleme: Homeoffice und fehlende Struktur ließen bei Erwachsenen exekutive Dysfunktionen deutlich hervortreten.
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Drittens erleichtert die Telemedizin den Zugang zu Diagnosen. Viertens suchen viele Patienten zunächst wegen Erschöpfung oder Depression Hilfe – die zugrundeliegende ADHS wird dann erst später erkannt.
Lieferengpässe und Therapieabbrüche
Der Nachfrage-Boom stellt Gesundheitssysteme vor Probleme. Weltweit kommt es zu Engpässen bei Stimulanzien. Neuseelands Arzneimittelbehörde warnte kürzlich, die knappe Versorgungslage werde wohl das ganze Jahr anhalten.
Ein weiteres Problem: Viele Patienten brechen die Therapie ab. In Deutschland nahm nach einem Jahr nur noch knapp jeder Siebte seine Medikamente ein, in Großbritannien rund jeder Dritte. Lieferprobleme, Nebenwirkungen oder mangelnde Begleitung könnten Gründe sein.
Normalisierung mit Risiken
Die Entwicklung markiert einen Wendepunkt. ADHS-Therapie wird normaler, ist aber nicht risikofrei. Experten warnen vor schnellen Verschreibungen ohne gründliche Diagnose – besonders bei Begleiterkrankungen wie Angststörungen.
Die Zukunft wird zeigen, wie Gesundheitssysteme mit dem steigenden Bedarf umgehen. Nötig sind stabile Lieferketten, klare Leitlinien für Erwachsene und mehr nicht-medikamentöse Angebote wie Verhaltenstherapie.
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