28.11.2014, 6150 Zeichen
In einem früheren Artikel Mitte September habe ich mich bereits mit den äußerst bemerkenswerten Vorgängen im Zusammenhang mit der Ultrasonic AG, einem in Deutschland gelisteten Unternehmen mit (angeblicher) operativer Tätigkeit in China, beschäftigt. Damals wurde vor allem die Pressemeldung, der CEO sei mitsamt dem Großteil der liquiden Mittel des Unternehmens verschwunden, beleuchtet.
Zwischenzeitlich hat sich bei dieser Gesellschaft wieder einiges getan, und um auch den Unterhaltungscharakter des bargain magazines nicht völlig veröden zu lassen, sei ein kurzes „follow up“ verfasst:
Einige Tage, nachdem die Meldung publiziert wurde, dass der CEO Qingyong Wu nicht mehr auffindbar sei, schien es sich der Abtrünnige nämlich anders überlegt zu haben, denn es wurde Folgendes vermeldet1:
„Der abberufene ehemalige Vorstandsvorsitzende der Ultrasonic AG, Qingyong Wu, hat am Wochenende telefonisch Kontakt zu Clifford Chan, dem CFO der Gesellschaft, und der begleitenden Bank in Deutschland aufgenommen: Er bereite seine Rückkehr zum Unternehmen vor und würde auch die Finanzmittel wiederbeschaffen. Der Versuch einer persönlichen Kontaktaufnahme durch einen Vertreter des Aufsichtsrats in Xiamen blieb bislang jedoch erfolglos. Eine tiefergehende Bewertung des Anrufs war Aufsichtsrat und Vorstand in der Kürze der Zeit deshalb nicht möglich. Gleichwohl schien der Gesellschaft in der aktuellen Situation eine Weitergabe dieser Information geboten, da für die Aktionäre jede neue Information von Bedeutung sein kann. Selbstverständlich bemühen sich Vorstand und Aufsichtsrat in Zusammenarbeit mit Kreditgebern und Behörden intensiv um eine Aufklärung der gegenwärtigen Faktenlage und werden wesentliche neue Erkenntisse wie gehabt unverzüglich veröffentlichen.“
Die Medien berichteten im Anschluss an diese ad hoc Meldung außerdem von einem Video-Interview, in dem der gute Mann seine eigene Version der Geschichte auftischte: Er habe nämlich im Urlaub sein Handy verloren und hätte sich nicht melden können. Die finanzielle Situation des Unternehmens sei aber weiterhin „normal“.2
Was mir an dieser ersten Wendung besonders gut gefällt, ist, dass Herr Wu einerseits trotz Verlust des Handys telefonisch Kontakt mit der Gesellschaft aufnehmen konnte, verspätet allerdings. Warum er das nicht rechtzeitig tun konnte, steht in den Sternen. Möglicherweise wollte er noch ein paar ruhige Tage genießen, bevor ihn der harte Arbeitsalltag wieder voll vereinnehmen würde. Andererseits klingt es in meinen Augen widersprüchlich, wenn er behauptet, die finanzielle Situation des Unternehmens sei „normal“, aber gleichzeitig mit dem Vorsatz aufwartet, er werde die Mittel „wiederbeschaffen“. Wofür das Geld verwendet wurde, wenn es offenbar doch weg ist, konnte er scheinbar nicht sagen. Dieses – gelinde ausgedrückt – Kasperltheater war allerdings ausreichend, um den Kurs der zuvor deutlich abgestürzten Aktie in Windeseile um über 100% (!!!) nach oben zu treiben.
In der Zwischenzeit gab es dann einen Vorstandswechsel in der deutschen Muttergesellschaft.3 Mit Herrn Dr. Zender ist es scheinbar gelungen, einen äußerst erfahrenen Mann an die Spitze der Holding zu stellen, jemanden, der zuvor unter anderem in der RHI AG sowie auch bei einem weiteren deutsch-chinesischen Unternehmen, der Kinghero AG, tätig war.
Ein paar Tage später konnte man einen Analysten-Bericht4 lesen, in dem via Besuch vor Ort festgestellt wurde, dass die Fabrik augenscheinlich in Betrieb, aber offenbar nicht ausgelastet sei. Zudem hält sich der ehemalige CEO Herr Wu scheinbar auch dort auf und verkündet voller Entschlossenheit, er werde das Unternehmen wieder aufbauen und den geschädigten Ruf wiederherstellen. Aussagen zum Verbleib der liquiden Mittel konnten aber offenbar wieder nicht geliefert werden. Diesmal sei der Grund aber eine entzogene Vollmacht gewesen(?!), die notwendig sei, sich gegenüber den Behörden auszuweisen. Was das nun genau heißt, ob es öffentliche Stellen gibt, die darüber Auskunft geben könnten, oder ähnliches, erschließt sich mir bei weitem nicht.
In meinen Augen ist diese Situation schon etwas bizarr, wenn jemand, der möglicherweise Firmengelder veruntreut hat, dies implizit auch eingesteht, indem er von der „Wiederbeschaffung“ dieser Mittel spricht, sich erstens auf freiem Fuß befindet, sich obendrein am Gelände des Unternehmens aufhält, um dessen Gelder es geht, und schließlich – obwohl er gar kein Vorstandsmandat mehr innehat, den „Wiederaufbau“ der Gesellschaft anstrebt.
Gestern wurde dann noch brühwarm bekannt gegeben5, dass sich die Veröffentlichung des aktuellen Zwischenberichtes zum 3. Quartal des laufenden Geschäftsjahres, auf unbestimmte Zeit verschieben wird.
Ich verstehe derzeit an dieser Situation mehrere Dinge nicht:
1. Warum um alles in der Welt kann der ehemalige CEO nicht darüber Auskunft geben, was mit dem Geld, das offenbar transferiert wurde, geschehen ist, bevor ihm die Vollmacht entzogen wurde?
2. Weshalb kann die Behörde, die diese Vollmacht entzogen hat, keine Anhaltspunkte liefern, was nach dem Entzug der Vollmacht mit dem Geld passiert ist?
3. Wie ist derzeit die Lage in Bezug auf den vorzeitig fällig gestellten Kredit von Nomura? Besteht keine Verpflichtung, Insolvenz anzumelden, wenn ein fällig gestellter Kredit nicht bedient werden kann?
4. Warum um alles in der Welt hat das Unternehmen, d.h. die de facto leere Hülle der Mutter in Deutschland, noch immer einen Marktwert von über 14 Millionen Euro?
Man darf gespannt sein, wie sich die Geschichte noch weiterentwickelt.
3 http://www.finanzen.net/nachricht/aktien/DGAP-Ad-hoc-Ultrasonic-AG-3959064
Der Beitrag Ultrasonic AG – Volume II erschien zuerst auf Bargain.
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