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Innovative Tech-Unternehmen in Europa halten (Helmut Fallmann, Fabasoft)

Bild: © Aussendung, Andreas Altmann (MCI Rektor), Helmut Fallmann ( Fabasoft-Vorstandsmitglied) : Fabasoft vergibt hochdotiertes Stipendium für ein internationales MBA-Studium am Management Center Innsbruck : Fotocredit: Fabasoft

Autor:
Fabasoft

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18.03.2020, 8222 Zeichen

Vertreter europäischer Spitzenuniversitäten beklagen regelmäßig, dass die an ihren Instituten ausgebildeten Talente mit ihren Spin-offs und Start-ups schon nach wenigen Jahren Europa Richtung Übersee verlassen, weil sie mit ihren innovativen Ideen in technologischen Zukunftsfeldern  mäßig attraktive Bedingungen für Expansion und Internationalisierung vorfinden. Die Früchte europäischer Ausbildung würden in Amerika oder Südostasien geerntet, mit allen negativen Folgen für den Aufbau und die Fortschreibung von intellektuellem Kapital, die für einen konkurrenzfähigen Wirtschaftsstandort unerlässlich sind.

Dieser Ausverkauf europäischer Spitzentechnologie und der damit einhergehende „brain drain“ hat nach wie vor bekannte strukturelle Ursachen. Zum einen gibt es ein gravierendes Gefälle zwischen den USA und Europa, wenn es um die Bereitstellung von Risikokapital für aufstrebende Innovatoren, vor allem in der Wachstums- und Konsolidierungsphase, geht.

Studie belegt US-Dominanz beim Tech-Shopping

Ein gemeinsamer Report der Unternehmensberatung PwC und des Marktanalysten CB Insights weist für 605 Finanzierungsrunden in den ersten Monaten 2017 für Europa ein Investment von 3,3 Milliarden US-Dollar aus. Am nordamerikanischen Markt betrug das VC-Aufkommen im selben Zeitraum 14,3 Milliarden, in Asien rund 9,3 Milliarden. Venture Capital Funds in Europa haben eine Durchschnittsgröße von 56 Millionen €, amerikanische sind im Durchschnitt mit 156 Millionen € fast dreimal so hoch dotiert. Und beim privaten Risikokapitalmarkt für Start-ups ist das Missverhältnis 1:6 (6,5 zu 39,4 Milliarden €).

Während man in den USA, allen voran im Silicon Valley, längst erkannt hat, dass passende Akquisitionen am Start-up-Exit-Markt der einfachste Weg sind, um die eigene Technologieführerschaft gegen kommende Markt- und Produktdisruptionen abzusichern, beginnt sich diese Einsicht in der europäischen Wirtschaft und ihren erfolgreichen traditionellen Unternehmen erst langsam durchzusetzen. Auch hier ein paar Zahlen und Beispiele für US-amerikanische Einkaufstouren am europäischen Tech-Markt:

Mind the Bridge, Mitglied der Startup Europe Partnership, und CrunchBase haben in ihrem Bericht „Startup Transatlantic M&As – US vs. EU“ rund 6.000 Start-up-Exits in den USA und Europa seit 2012 betrachtet. 82 % aller Akquisitionen erfolgten durch US-Firmen und nur 18 % durch europäische. Der Tech-Shopping-Anteil der Amerikaner in Europa beläuft sich auf 44 %.  Unter den 15 Topeinkäufern tummelten sich 11 aus dem Silicon Valley. Das erste europäische Unternehmen, SAP aus Deutschland, liegt in diesem Ranking auf Platz 33.

Apple kauft am liebsten AI

2017 hat sich Apple am europäischen Start-up-Markt für die weitere Reise in diversen AI-Feldern fit gemacht. Zu den übernommen Unternehmen gehörten u.a. Beddit aus Finnland (Sleep-tracking), SensoMotoric Instruments aus Deutschland (Eye-tracking für Augmented Reality- und in-car-Technologien), Regaind aus Frankreich (Computer Vision API zur Extrahierung von Merkmalen bei der Fotoanalyse) und für 400 Millionen US $ Shazam aus UK, die Musikerkennungstechnologie, die von Kunden eine Milliarde mal heruntergeladen wurde und über 30 Milliarden Songs erkennen kann.
Und Facebook, Alphabet/Google, Microsoft, Amazon oder Snap standen ihrem US-amerikanischen Konkurrenten um nichts nach. Und da Israel bei Artificial Intelligence weltweit spitze ist, machten die Amerikaner bei ihrer Einkaufstour auch dort Halt. Mobileye, eine Vision Safety-Technologie für autonomes Fahren, ging um 15,3 Milliarden US $ an Intel.

Europa zieht langsam nach

Die Zeiten für kluge Start-up-Förderung werden in Europa aber langsam besser. So erreichte das Equity Funding in Europa 2017 an die 25 Milliarden Euro, was einer Steigerung von über 500 % seit 2012 gleichkommt.
Nun gilt es in der Europäischen Union verstärkt Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass der schnelle Verkauf europäischer Start-up-Lösungen an Unternehmen aus Übersee nicht die erste Wahl für Exit-Strategien bleiben kann. Wir müssen dazu traditionelle Industriebetriebe in Europa davon überzeugen, dass Beteiligungsoptionen an kreativen und bereits erfolgreichen jungen Unternehmen eine Win-Win-Situation für beide erzeugen. Erstere können mit der Größe und ihrer Kapitalausstattung das Wachstum von Start-ups in der Reifungsphase beschleunigen und gleichzeitig das eigene Produktportfolio mit neuen, intelligenten und zukunftsfähigen Features anreichern und damit langfristige Wettbewerbsfähigkeit absichern. Durch die gesicherte Finanzierung werden die Start-ups für die laufende Produktweiterentwicklung und Marktbearbeitung freigespielt.

Dazu ist allerdings eine völlig neue Wirtschaftskultur notwendig, mit der die üblicherweise Risiko-averse Marktbearbeitung größerer Unternehmen zugunsten eines innereuropäischen Technologietransfers überwunden wird. 

Fabasoft hat mit der kürzlich erfolgten Übernahme von 60 % der Geschäftsanteile an der Xpublisher GmbH mit Sitz in München vorgezeigt, wie eine erfolgreiche europäische Industrie- und Start-up-Strategie aussehen könnte. Damit haben wir nach dem Search-Technologie-Unternehmen Mindbreeze ein zweites Mal ein junges Unternehmen mit Wachstumskapital ausgestattet, damit es unter Nutzung unserer Erfahrung und unserer Marktkontakte den nächsten Entwicklungssprung mit ihren erfolgreichen Systemlösungen für digitales Content-Management hinlegen kann.
Für die Stärkung der europäischen Start-up-Szene sind aber weitere Maßnahmen nötig, wie z.B. die Verbreiterung von Start-up-Hubs in viele, auch mittelgroße Städte und dabei vorrangig solche, die als aufgelassene Industriereviere alten Zuschnitts jetzt eine Neupositionierung als Innovation-Umschlagplatz dringend notwendig haben. Auch hier lohnt der Blick nach Amerika, wo Detroit vorlebt, wie man eine kriselnde Region mit Zukunftsorientierung beleben kann.

Auch an die Mitarbeiter denken

Die europäische Tech-Workforce ist im Jahr 2017 zwar um das dreifache gewachsen, die europäischen Start-ups brauchen aber im heurigen Jahr wieder 100.000 talentierte Angestellte. Da die europäischen Start-ups in diesem „war on talent“ mit ihren Gehaltsangeboten oft nicht mit US-amerikanischen Konkurrenten mithalten können, böte sich ein Ausweg über Stock Option-Programme an. Daher haben zu Jahresbeginn über 700 CEOs, Gründer, Investoren und Angestellte europäischer Start-ups einen offenen Brief an politische Verantwortungsträger in Europa verfasst, mit dem Appell, die oft nachteiligen Regeln für den Erwerb von Unternehmensanteilen durch Mitarbeiter zu überarbeiten. Dies ist insbesondere auch vor dem Hintergrund relevant, dass US-Investoren öfters auch nur Entwicklungsteams aus europäischen Start-ups herauslocken, ohne an den Produkten des Unternehmens interessiert zu sein.

Endlich mehr europäisches Risikokapital

Was mich ein wenig stolz macht ist der Umstand, dass eine von mir in meinem Buch 2015 vorgeschlagene Europäische IT-Stiftung nach dem Modell der EBRD (European Bank for Reconstruction and Development) oder der EIB (European Investment Bank) im Jahr 2017 in ähnlicher Form von der EU-Kommission umgesetzt worden ist.

VentureEU“ wurde ins Leben gerufen, um Risikokapital für innovative europäische Start-ups bereitzustellen. VentureEU ist ein „Fund of Funds“ unter Federführung des European Investment Fund (EIF). Die EU stellt dabei aus den Instrumenten Horizon 2020 InnovFin Equity (200 Millionen €), European Fund for Strategic Investments (105 Millionen €) und COSME Programm für SMEs (105 Millionen €) insgesamt 410 Millionen an Investitionskapital bereit. Über die Due-Diligence-Selektion von sechs Funds, wovon jeder in zumindest vier europäischen Ländern tätig sein muss, sollen durch EIF über private Investoren rund 2,1 Milliarden € lukriert werden. Insgesamt geht die Kommission jedoch davon aus, dass die VC Funds für die Zukunftssparten Digitalisierung, Life Sciences, Medizintechnologien sowie Ressourcen- und Energieeffizienz ein Investitionsvolumen von 6,5 Milliarden € auslösen werden.

Diese Entwicklung zeigt, dass Politik das Bohren dicker Bretter bedeutet. Und die europäischen sind besonders dick. Aber es zahlt sich immer wieder aus!

 

Im Original hier erschienen: Innovative Tech-Unternehmen in Europa halten


(18.03.2020)

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    Dieser Ausverkauf europäischer Spitzentechnologie und der damit einhergehende „brain drain“ hat nach wie vor bekannte strukturelle Ursachen. Zum einen gibt es ein gravierendes Gefälle zwischen den USA und Europa, wenn es um die Bereitstellung von Risikokapital für aufstrebende Innovatoren, vor allem in der Wachstums- und Konsolidierungsphase, geht.

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    Während man in den USA, allen voran im Silicon Valley, längst erkannt hat, dass passende Akquisitionen am Start-up-Exit-Markt der einfachste Weg sind, um die eigene Technologieführerschaft gegen kommende Markt- und Produktdisruptionen abzusichern, beginnt sich diese Einsicht in der europäischen Wirtschaft und ihren erfolgreichen traditionellen Unternehmen erst langsam durchzusetzen. Auch hier ein paar Zahlen und Beispiele für US-amerikanische Einkaufstouren am europäischen Tech-Markt:

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    Und Facebook, Alphabet/Google, Microsoft, Amazon oder Snap standen ihrem US-amerikanischen Konkurrenten um nichts nach. Und da Israel bei Artificial Intelligence weltweit spitze ist, machten die Amerikaner bei ihrer Einkaufstour auch dort Halt. Mobileye, eine Vision Safety-Technologie für autonomes Fahren, ging um 15,3 Milliarden US $ an Intel.

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    Nun gilt es in der Europäischen Union verstärkt Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass der schnelle Verkauf europäischer Start-up-Lösungen an Unternehmen aus Übersee nicht die erste Wahl für Exit-Strategien bleiben kann. Wir müssen dazu traditionelle Industriebetriebe in Europa davon überzeugen, dass Beteiligungsoptionen an kreativen und bereits erfolgreichen jungen Unternehmen eine Win-Win-Situation für beide erzeugen. Erstere können mit der Größe und ihrer Kapitalausstattung das Wachstum von Start-ups in der Reifungsphase beschleunigen und gleichzeitig das eigene Produktportfolio mit neuen, intelligenten und zukunftsfähigen Features anreichern und damit langfristige Wettbewerbsfähigkeit absichern. Durch die gesicherte Finanzierung werden die Start-ups für die laufende Produktweiterentwicklung und Marktbearbeitung freigespielt.

    Dazu ist allerdings eine völlig neue Wirtschaftskultur notwendig, mit der die üblicherweise Risiko-averse Marktbearbeitung größerer Unternehmen zugunsten eines innereuropäischen Technologietransfers überwunden wird. 

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    Für die Stärkung der europäischen Start-up-Szene sind aber weitere Maßnahmen nötig, wie z.B. die Verbreiterung von Start-up-Hubs in viele, auch mittelgroße Städte und dabei vorrangig solche, die als aufgelassene Industriereviere alten Zuschnitts jetzt eine Neupositionierung als Innovation-Umschlagplatz dringend notwendig haben. Auch hier lohnt der Blick nach Amerika, wo Detroit vorlebt, wie man eine kriselnde Region mit Zukunftsorientierung beleben kann.

    Auch an die Mitarbeiter denken

    Die europäische Tech-Workforce ist im Jahr 2017 zwar um das dreifache gewachsen, die europäischen Start-ups brauchen aber im heurigen Jahr wieder 100.000 talentierte Angestellte. Da die europäischen Start-ups in diesem „war on talent“ mit ihren Gehaltsangeboten oft nicht mit US-amerikanischen Konkurrenten mithalten können, böte sich ein Ausweg über Stock Option-Programme an. Daher haben zu Jahresbeginn über 700 CEOs, Gründer, Investoren und Angestellte europäischer Start-ups einen offenen Brief an politische Verantwortungsträger in Europa verfasst, mit dem Appell, die oft nachteiligen Regeln für den Erwerb von Unternehmensanteilen durch Mitarbeiter zu überarbeiten. Dies ist insbesondere auch vor dem Hintergrund relevant, dass US-Investoren öfters auch nur Entwicklungsteams aus europäischen Start-ups herauslocken, ohne an den Produkten des Unternehmens interessiert zu sein.

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