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BNPL-Branche vor der Zähmung: Neue Regeln beenden Ära des „unsichtbaren Kredits“ ( Finanztrends)

23.03.2026, 5902 Zeichen

Ab heute gilt in Deutschland ein verschärftes Regelwerk für „Buy Now, Pay Later“. Hintergrund sind neue Transparenzvorgaben bei der Bonitätsprüfung und eine EU-Richtlinie, die den Markt für Ratenkäufe grundlegend umkrempelt. Die Ära des unregulierten Mikrokredits im Online-Handel geht zu Ende.

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Transparenz-Offensive 2026: Der neue SCHUFA-Score

Die erste große Veränderung trat bereits letzte Woche in Kraft: Seit dem 17. März 2026 ersetzt ein völlig neues, transparentes Bewertungssystem den traditionellen SCHUFA-Basisscore. Verbraucher können erstmals in einem digitalen Konto genau nachvollziehen, wie sich ihre Bonität aus zwölf gewichteten Kriterien zusammensetzt. Das betrifft auch Kleinstkredite.

Für Nutzer von Ratenzahlungsdiensten wie „Pay in 30 days“ oder „Slice it“ war der Einfluss vieler kleiner Transaktionen auf ihre Kreditwürdigkeit bisher oft undurchsichtig. Das neue Modell berücksichtigt nun explizit Faktoren wie die Anzahl der Kreditanfragen außerhalb des Bankensektors. Ziel ist es, die „schleichende Überschuldung“ zu verhindern, die entsteht, wenn sich viele Kleinbeträge zu einer unüberschaubaren monatlichen Last summieren.

Countdown für den Verbraucherschutz: Die EU-Kreditrichtlinie

Während der neue Score für Transparenz sorgt, steht die gesetzliche Grundlage vor einer noch grundlegenderen Wende. Die Bundesregierung setzt aktuell die EU-Verbraucherkreditrichtlinie (CCD II) um. Die neuen Vorschriften treten am 20. November 2026 vollständig in Kraft und schließen regulatorische Lücken, die BNPL-Anbieter lange nutzten.

Kern der Reform ist die verpflichtende Bonitätsprüfung für alle Kredite – auch für solche unter der bisherigen 200-Euro-Grenze. Bisher entgingen viele BNPL-Geschäfte strengeren Auflagen, da sie als zinsfreie Stundungen und nicht als formelle Kredite vermarktet wurden. Ab November gelten sie rechtlich als Verbraucherdarlehen. Anbieter müssen dann die Rückzahlungsfähigkeit ihrer Kunden anhand „ausreichender Informationen“ prüfen.

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Zudem bringt das neue Absatzfinanzierungsaufsichtsgesetz (AbsFinAG) Online-Händler, die Zahlungsaufschub anbieten, unter strengere BaFin-Aufsicht. Juristen gehen davon aus, dass der bisherige „Zwei-Klick“-Kassenvorgang überarbeitet werden muss, um robustere Datenerhebung und vorvertragliche Informationspflichten zu integrieren.

BaFin-Daten: Die hohen Kosten des „reibungslosen“ Shoppens

Die Forderung nach strengerer Regulierung wird durch ernüchternde Marktdaten der BaFin untermauert. Eine repräsentative Umfrage unter fast 5.000 Verbrauchern ergab: Zwar nutzen 20 Prozent der 18- bis 60-Jährigen BNPL-Dienste, aber ein beachtlicher Teil verliert die Kontrolle.

14 Prozent aller Nutzer haben mindestens einmal den Überblick über ihre offenen Rechnungen verloren. Bei den unter 30-Jährigen springt dieser Wert auf 24 Prozent. Besorgniserregend für Aufseher ist die Häufung von Säumnisgebühren: 26 Prozent der BNPL-Kunden haben bereits Strafzahlungen leisten müssen.

Marktbeobachter weisen darauf hin, dass der durchschnittliche offene BNPL-Saldo junger Erwachsener oft bei etwa 340 Euro liegt – verteilt auf drei oder vier Anbieter gleichzeitig. Diese Zersplitterung erschwert es Schuldnerberatungen, einzugreifen, bevor es zu formellen Insolvenzverfahren kommt.

Folgen für Fintechs und Händler: Bürokratie statt Bequemlichkeit

Die Schnittstelle von Steuerrecht und Finanzaufsicht stellt die Branche vor weitere Herausforderungen. BNPL-Anbieter müssen ihre Finanzberichterstattung anpassen und in Backend-Infrastruktur investieren, um die revisionssichere Dokumentation der Bonitätsprüfungen gemäß neuem § 506 BGB-E zu gewährleisten.

Für Händler sind die Implikationen ähnlich gravierend. Zwar steigerten Ratenzahlungen bisher die Conversion-Raten um 20 bis 30 Prozent. Doch neue Hürden – wie der verpflichtende „Widerrufsbutton“ bis Juni 2026 – könnten genau die Reibung erzeugen, die BNPL eigentlich beseitigen sollte. Händler stehen vor der Wahl zwischen den hohen Gebühren regulierter Anbieter (oft 3 bis 6 Prozent des Transaktionswerts) und den gestiegenen Compliance-Risiken eigener Lösungen.

Ausblick: Konsolidierung und verantwortungsvolles Kreditgeschäft

Bis zur Frist im November 2026 wird eine Phase der Marktbereinigung erwartet. Branchenanalysten gehen davon aus, dass nur große Player wie Klarna, PayPal und Riverty über die Ressourcen verfügen, die geforderten Bonitätsprüfungen und Transparenzstandards in ein nahtloses Nutzererlebnis zu integrieren.

Die Zukunft des Marktes liegt wahrscheinlich in „Responsible Lending“-Modellen, die Echtzeitdaten und KI-gestützte Risikobewertung nutzen. Für Verbraucher sind die Tage der „unsichtbaren Schulden“ jedoch gezählt. Der neue SCHUFA-Score fungiert als klarer Spiegel der eigenen Finanzen, und das Gesetz verlangt einen „Stopp-und-Denk“-Moment vor jedem Kauf.

Diese Veränderungen könnten das Wachstum der E-Commerce-Transaktionsvolumen zunächst bremsen. Die Aufseher argumentieren jedoch, dass es um die langfristige Stabilität der Verbraucherwirtschaft geht. Indem ein 50-Euro-T-Shirt-Kauf mit derselben rechtlichen Ernsthaftigkeit behandelt wird wie ein Bankkredit, soll sichergestellt werden, dass der Komfort moderner Zahlungstechnologie nicht auf Kosten der finanziellen Zukunft einer Generation geht.


(23.03.2026)

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